Von San Fernando nach Puerto Real (4. April 2012)

Auch in diesem Jahr verbringe ich mit meiner Familie den Osterurlaub an der Costa de la Luz in Andalusien. Im vergangenen Jahr habe ich dort eine halbe Etappe auf dem „Camino de Santiago de Cadiz a Sevilla“ von Cadiz nach San Fernando absolviert. Für heute habe ich mir die Fortsetzung vorgenommen. Es geht von San Fernando nach Puerto Real über eine Distanz von circa 16 Kilometern. Dummerweise habe ich zu Hause mein Credencial vergessen, das für diesen Jakobsweg vorgesehen war. Über das Internet habe ich deshalb Verbindung zur „Asociacion Gaditane del Camino de Santiago“ aus Cadiz aufgenommen. Es besteht in der alten Hafenstadt die Möglichkeit, in einer Bar in der „Calle Sopranis“ einen neuen Pilgerausweis zu bekommen.

Meine Familie und einige Teilnehmer aus unserer Reisegruppe fahren mit mir mit dem Bus über Chiclana nach Cadiz. Sie wollen dort einen Einkaufsbummel machen. Wir steigen am Bahnhof in der Nähe des Hafens aus, dort werden wir vom Anblick zweier riesiger Kreuzfahrtschiffe erschlagen. Ich verabschiede mich von den anderen und finde rasch die Bar, auch wegen des Logos der Gesellschaft aus bunter Keramik, das an der Hauswand angebracht ist. Meine Anfrage nach einem Credencial und einem Stempel für meinen selbstgemachten Ausweis wird prompt erledigt. Ein Exemplar meiner Ausweise überreiche ich mit einer kleinen Spende dem freundlichen Barbesitzer. Mit einem „Buen Camino“ werde ich auch von den weiteren Gästen der Bar verabschiedet. Ich eile zum nahe gelegenen Bahnhof, ziehe ein Ticket am Automaten und erreiche gerade noch den abfahrbereiten Zug in Richtung Sevilla. Irgendetwas muss ich jedoch mit dem Ticket falsch gemacht haben, denn der Zugbegleiter versucht, mir etwas zu erklären, das ich aber nicht verstehe. Nach zehn Minuten Fahrt verlasse ich den Zug am Bahnhof „Bahia Sur“ in San Fernando. Ich finde meinen Weg und gehe zunächst zu einem Büro der Stadtverwaltung, um dort um einen Stempel zu bitten. Zu diesem Zweck habe ich mir die entsprechende Frage auf einem Blatt Papier aufgeschrieben. Die Dame am einzigen besetzten Schalter gibt mir ein für mich verständliches „No“ und dann folgt unverständlich auch eine Begründung. Ein wenig enttäuscht ziehe ich davon.

Meine nächste Station ist die „Iglesia Mayor“, die sogar geöffnet ist. Auf dem Weg dorthin überquere ich die „Plaza del Rey“ mit dem imposanten Rathaus aus dem 18. Jahrhundert. Hier sind bereits zahlreiche Tribünen für die Prozessionen der Semana Santa, der Karwoche, aufgebaut. In der Kirche sind Angehörige diverser Bruderschaften mit der Herrichtung ihrer Pasos beschäftigt. Diese fallen im Vergleich zu denen aus Cadiz (die ich im vergangenen Jahr gesehen habe) etwas kleiner aus. Ich nehme in einer der ersten Reihen für einige Minuten auf einer Bank Platz und lasse mich ein wenig fallen, stimme mich auf den bevorstehenden Pilgertag etwas ein. Danach gehe ich weiter über die „Calle Real“ und die „Avenida del Puente Zuazo“, passiere dabei eine Straße mit nett aussehenden Einfamilienhäusern: die „Calle de Santiago de Compostella“. Nun überquere ich, von gelben Pfeilen geführt, den Fluss Zuazo über eine alte Brücke, auf der einige Männer ihre Angelruten ausgeworfen haben. Vor mir läuft ein Mann mit kleinem Gepäck, ich vermute in ihm einen Pilger und folge ihm über die kiesbedeckte Trasse einer im Bau befindlichen Straße. Dann erklimmt er plötzlich eine Böschung an einer Autobrücke, an der auch zwei gelbe Pfeile prangen. Ich bleibe weiterhin hinter ihm und gehe durch ein lautes Gewerbegebiet; dann ist er spurlos verschwunden. Er war wohl auch unterwegs, jedoch zu seinem Arbeitsplatz. Am Ende der Straße geht es nicht weiter, gelbe Pfeile gibt es auch nicht mehr. Der Versuch, den Camino gemäß dem Verlauf einer ausgedruckten Karte zu erreichen, endet nach der Überquerung eines Zubringers der Autobahn in einer Sackgasse. So bleibt mir nichts anderes übrig, als bis zur Brücke zurückzugehen und mich dort noch einmal neu zu orientieren.

Das fällt mir dann auch sehr leicht, denn ich entdecke den nächsten Pfeil, der mich auf einen schmalen Pfad entlang der Straßentrasse weist. Hier versinke ich bei jedem Schritt im aufgeweichten Boden und spüre, wie das Gewicht meiner Schuhe ständig zunimmt. Daher wechsel ich auf den Kiesweg und laufe parallel zur stark befahrenen Autobahn. Kurz vor einer weiteren Brücke stürmt eine Handvoll Hunde auf den Weg, laut bellend versuchen sie, mir den Durchgang zu versperren. Der Raum unter der Brücke ist mit Fenstern und Brettern wie ein Flickenteppich zu einer Behausung verbaut worden, es ist aber kein Mensch zu sehen. Ich lasse den Hunden ihren Spaß und kann problemlos passieren. Kurz darauf erwartet mich die nächste Herausforderung: es soll laut den Wegweisern unter der „Autovia del Sur“ hindurchgehen. Also folge ich den gelben Pfeilen im Slalom zwischen den Brückenpfeiler und muss zugleich aufpassen, dass ich rechtzeitig den Kopf einziehe, um mich nicht zu verletzen. Ich folge nun einer stillgelegten Straße entlang der Autobahn. Von dort beobachte ich einige Männer, die in den umliegenden Kanälen herumwaten und irgendetwas säubern. Wenige Schritte später kenne ich ihre Tätigkeit, denn am Straßenrand stehen einige Körbe gefüllt mit wohl schmackhaften Muscheln. Wiederum nur ein kurzes Stück weiter entdecke ich am Rand ein helles Marmorkreuz mit vier eingravierten Namen, das einen Unfall bezeugt. Dieser jährt sich im September zum zehnten Mal.

Die alte Straße mündet schließlich in eine Autobahnabfahrt mit entsprechendem Verkehrsaufkommen. Hier begegnet mir eine Läuferin, die schnellen Schrittes unterwegs ist. Der Rand ist großflächig gesäumt von Kakteen, an deren Spitzen sich unzählige Kaktusfeigen befinden. Ich traue mich aber nicht so recht, eine zu kosten. So setze ich meinen Weg fort. Auf Höhe einer Meersalzsaline reduziert ein Auto neben mir das Tempo. Ich erkenne darin einen Mann, den ich vor kurzem noch überholt und gegrüßt habe, als er seinen Wagen beladen hat. Er gibt mir zu verstehen, dass er mich mitnehmen möchte. Ich rufe ihm lächelnd zu: „Gracias senor, peregrino de Santiago“ und deute mit den Händen an, dass ich gerne weiter zu Fuss unterwegs wäre. Er lächelt zurück, wünscht mir einen „Buen Camino“ und beschleunigt wieder. Nun verlasse ich die „Autovia del Sur“ und bewege mich auf einem schmalen Pfad am Rande von einigen Kanälen vorwärts. Hinter einer Tankstelle laufe ich mitten durch eine große Schafherde, die ich wegen der vielen Glöckchen noch lange in den Ohren behalten werde. Rechts auf einem Feld spielen einige Hühner mit einem jungen Hasen Nachlaufen. Bald erreiche ich ein kleines Dorf namens „Barno Jarana“ und werde von der Läuferin von vorhin überholt. Am Ende des Dorfes bemerke ich, dass ich zu weit gelaufen bin und gehe an einer kleinen Kirche in Richtung Golf-Ressort. Dort finde ich auch wieder einen gelben Pfeil.

Hier folge ich einem Feldweg durch einen kleinen Pinienwald, an dem sich einige abseits vom Dorf gelegene Häuser befinden. Hier begegnen mir drei Reiter, die mich freundlich grüßen. Der Weg schlängelt sich nun entlang von frisch bestellten, aber auch bereits in saftigem Grün erscheinenden Feldern. Es dauert nicht lange, bis ich die Universitätsklinik von Puerto Real erreiche, einem riesigen Gebäudekomplex. Nach der Überquerung eines Kreisverkehrs weisen mir die Pfeile die Richtung zu einem Schotterweg, der an einem Pferdegestüt vorbeiführt. Dessen Gelände ist mit einer hohen Kakteenwand und einer Mauer befriedet, auf deren Spitze eine nicht mehr ganz intakte Wasserleitung thront. Ich unterquere die Autobahn und befinde mich bereits am äußeren Rand von Puerto Real. Über die „Avenida José Maria Fernandez Gomez“ gelange ich an den breiten Strand und an das wuchtige, von modernen Säulen getragene Rathaus. Die Touristeninformation hat heute wegen der Semana Santa geschlossen, ich bekomme auch hier keinen Stempel für meinen Pilgerausweis. So besuche ich die „Iglesia conventual de la Victoria“ aus dem 17. Jahrhundert und die „Iglesia de San José“ aus dem 18. Jahrhundert auf. Beide Kirchen sind jedoch leider verschlossen. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als zum Bahnhof zu gehen. Dort wird zurzeit gebaut und den Bahnsteig erreicht man über ein schwindelerregendes Gerüst. Mit dem Zug fahre ich nach San Fernando und von dort mit dem Bus über Chiclana zurück zum Hotel, wo ich gegen 17:00 Uhr eintreffe. Gerne würde ich im kommenden Jahr wieder auf diesem Camino pilgern. Es steht aber noch in den Sternen, ob die Reisegruppe erneut das Ziel „Costa de la Luz“ haben wird. Ich hätte nichts dagegen.