Von Cadiz nach San Fernando (21. April 2011)

Wie in jedem Jahr verbringe ich mit meiner Familie die Osterferien in Andalusien an der Atlantikküste, circa 150 Kilometer südlich von Sevilla. Dabei bin ich als Übungsleiter für eine Laufgruppe eingesetzt. Bereits im vergangenen Jahr habe ich entdeckt, dass es den Camino de Cadiz a Sevilla gibt, also eine Verlängerung der Via de la Plata nach Süden. Leider habe ich es damals nicht geschafft, ein Stück davon zu gehen, obwohl ich mir einen spanischen Führer der Amigos del Camino de Santiago de Sevilla über einen niederländischen Online-Buchhändler besorgt hatte. Für dieses Jahr ist aber eine halbe Etappe von Cadiz nach San Fernando eingeplant. Dazu nutze ich einen Ruhetag, der in den Trainingsplan der Laufgruppe aufgenommen wurde. Auch meine Familie gibt mir für diesen Tag frei.

Am Gründonnerstag mache ich mich nach dem Frühstück mit leichtem Tagesgepäck auf den Weg. Direkt vor unserem Hotel steige ich um 09.25 Uhr in einen Bus nach Chiclana, der nächstgelegenen Stadt. Dort muss ich in einen anderen Bus umsteigen, der mich in die um 1100 vor Christus von den Phöniziern gegründete Stadt Cadiz bringt. Ich werde von einem Ehepaar aus unserer Gruppe begleitet, die dort einen Einkaufsbummel vorhaben. Wir verlassen den Bus unmittelbar am Bahnhof. Von hier ist es nicht mehr weit in die Altstadt. Wir gehen gemeinsam zur Plaza de la Catedral und trennen uns dort. Auf dem Platz sind für die am Nachmittag geplante Prozession kleine Tribünen und Stühle aufgebaut. Während der Semana Santa finden diese traditionellen Umzüge in allen Städten der Region statt und sind zusätzlich eine Attraktion für Touristen. Dabei werden von zahlreichen Bruderschaften prunkvolle Altäre mit Szenen aus der Passion Christi, den so genannten Pasos, durch die Straßen getragen. Sie werden begleitet von Musik und Büßern mit spitzen Hüten in den Farben der Bruderschaften.

Ich versuche zunächst bei der Tourist-Information einen Stempel für meinen Pilgerausweis zu erhalten, werde aber von der Dame nicht richtig verstanden, sodass ich leider keinen von Cadiz bekomme. Aufgrund der Feierlichkeiten sind weder die Kathedrale noch die benachbarte Iglesia de Santiago Apostol geöffnet. An der Jakobskirche beginnt auch der Camino. Die Kirche gehörte früher zu einem Jesuiten-Kolleg und wurde ab 1635 errichtet. Erst 1722 wurde der Grundstein der Kathedrale gelegt. Der Bau zog sich über 116 Jahre hin, zunächst in einem barocken, später in klassizistischem Stil. Bereits von weitem fällt die goldfarbene Kuppel auf. Trotz des Feiertages ist die Besteigung des rechten Turmes möglich. Mit seinen 72 Metern Höhe bietet er als höchster Turm der Stadt einen wunderschönen 360-Grad-Blick auf die Umgebung. Inzwischen hat der Wind zugenommen und weht mir hier oben ordentlich um die Ohren. Nach dem Abstieg beginne ich endlich meinen Weg. Über die Callejon de los Piratas erreiche ich die Plaza Fray Félix mit der Iglesia de Santa Cruz, der alten Kathedrale. Darin sind mindestens zehn verschiedene Pasos aufgebaut und warten darauf, zur Prozession herausgetragen zu werden. Die Kirche hat einen prächtigen Hochaltar mit einer Statue von Maria im Zentrum. Ich kann aufgrund der relativ geringen Größe nachvollziehen, dass man sich zu einem Neubau der Kathedrale entschieden hatte. Über die Callejon St. Maria gelange ich an die gleichnamige Kirche, die mich mit weit geöffnetem Portal erwartet. Sie überrascht durch ihre freundliche Helligkeit und besitzt ebenfalls einen bestaunenswerten Altar. Auch hier hat eine Bruderschaft ihre Pasos aufgebaut und stellt sie zur Schau. Am Eingang werden alle möglichen Devotionalien mit den Abbildern der Figuren der Pasos feilgeboten. Als ich die Kirche verlasse, fallen erste Regentropfen, die bis zur Puerta de Tiera, einem historischen Stadttor, noch zahlreicher werden. An dem besagten Tor wird die Altstadt deutlich sichtbar von den modernen Wohnsilos getrennt.

Ich laufe nun entlang der Avenida Fernandez Ladreda. Auf der breiten Promenade kommen mir ständig Läufer entgegen; kurz darauf entdecke ich ein Hinweisschild auf eine „City-Laufstrecke“ mit Kilometrierung. In unregelmäßigen Abständen sind zudem bunte Skulpturen aufgestellt. Rechts von mir liegen die heute fast menschenleeren Playa Santa Maria del Mar und Playa de la Victoria. Über die Avenida Amilcar Barca sowie den Paseo Maritimo erreiche ich nach fast vier Kilometern die Callejon Sirenas, in die ich nach links einbiege. Ich kreuze bei inzwischen strömendem Regen die Avenida José Leon de Caranza und stehe vor einer weiteren Tourist-Info. Nachdem ich mich zunächst unter einem Dach vor dem Regen schütze, frage ich dann doch bei der Info noch einmal nach einem Stempel. Die Unterhaltung mit der jungen Frau führe ich auf Englisch, das sie wohl besser beherrscht als Deutsch. Nach zwei Telefonaten erklärt sie mir, dass ich bei der Tourist-Info am Bahnhof einen Stempel bekommen könne. Ich habe aber keine Lust mehr, den ganzen Weg zurückzulaufen und belasse es halt dabei. Ich bedanke mich freundlich für ihre Bemühungen und sehe zu, dass ich weiterkomme. Dann lese ich meinen mit einem Internet-Übersetzer transformierten Führer nicht ganz richtig und laufe einen kleinen Umweg, bin dann aber doch in der gesuchten Callejon Gibraltar angekommen. An einer kleinen Mauer entdecke ich aufgeregt meinen ersten gelben Pfeil und wähne mich auf dem richtigen Weg. Rechts neben mir verläuft jetzt die Bahnlinie, die bis zu meinem Ziel San Fernando mein ständiger Begleiter sein wird. Der Regen ist nun wieder einmal stärker geworden, meine Jacke ist durch und durch nass. Zum Glück ist es nicht zu kalt, so dass ich nicht frieren muss. Um dies zu verhindern, beschließe ich für mich, weiter in Bewegung zu bleiben. Ich laufe durch die Callejon Prado del Rey in einem menschenleeren Gewerbegebiet. Gelbe Pfeile weisen mir den Weg durch ein geöffnetes, verrostetes Tor. Mit dem Durchschreiten lasse ich auch die Stadt Cadiz hinter mir. Es geht weiter auf einem durchweichten Weg; ich hinterlasse darauf tiefe Spuren, die sofort mit Wasser volllaufen. Links von mir befindet sich die Bahia de Cadiz, rechts die Bahn und dahinter noch eine stark befahrene Straße. Die salzhaltige Luft riecht nach Fisch und Meer.

Nach einer Weile muss ich auf Höhe einer Kaserne (hinter der Straße) unter einer Brücke durchlaufen. Darunter suche ich aus meinem Rucksack ein paar Müsliriegel heraus und entdecke dabei an einem Pfeiler ein Graffiti, das ein Pilger hinterlassen hat. Er weist auf die verbleibende Strecke nach Santiago hin: 1250 Kilometer. Der Weg bietet zwar linker Hand weite Natur, wirkt aber sehr öde und langweilig. Es passiert nicht viel, ich bin mit mir alleine, selbst mein Schatten verlässt mich immer wieder im anhaltenden Regen. Auf Höhe des verfallenen Tores einer aufgegebenen Saline reißt endlich der Himmel auf und warme Sonnenstrahlen erreichen mich, vor allem aber meine nasse Kleidung. Diese trocknet überraschenderweise sogar recht schnell. Am Horizont kann ich bereits San Fernando sehen, erkenne aber auch, dass der Weg einem weiten Linksbogen folgt. Kurz darauf ist an einem weiteren Brückenpfeiler erneut ein Graffiti angebracht. Die zahlreichen gelben Pfeile lassen in mir jedenfalls keinen Zweifel aufkommen, meinen spanischen Führer falsch verstanden zu haben. Hinter einer Kläranlage laufe ich weiter durch Naturschutzgebiete. Bunte Blumen, tiefe Wassergräben und zahlreiche Vögel prägen das Bild. Schließlich werde ich direkt zum Bahnhof von San Fernando geleitet. Vielleicht erhalte ich ja in diesem Ort einen Stempel. Ich kann aber keine Tourist-Info finden, obwohl ich eine kleine Runde durch die Stadt drehe. Zurück am Bahnhof finde ich rasch eine Bushaltestelle und kann nach einer kurzen Wartezeit, natürlich begleitet von einem erneuten Schauer, in den Bus nach Chiclana einsteigen. Dort warte ich einige Minuten und fahre mit einem anderen Bus bis direkt vor unser Hotel. Das Wetter hat es zwar heute nicht gut mit mir gemeint, aber ich habe meine ersten Kilometer auf einem spanischen Jakobsweg gehen können. Klar, ein richtiges Pilgergefühl kommt da nicht auf. Ich habe sogar zweimal laut über den Regen geflucht. Trotzdem möchte ich nächstes Jahr die Etappe fortsetzen und vielleicht noch die nicht erhaltenen Stempel ergattern.