Ein letzter Stempel

Freitag, 22. Juni 2018: Vom Monte do Gozo nach Santiago de Compostela

Der letzte Pilgertag bricht an. Gegen 6:00 Uhr werde ich durch das unruhige Verhalten von anderen Pilgern außerhalb unseres Zimmers wach. Ich beschließe, dann halt auch aufzustehen und nicht zwanghaft im Bett zu bleiben. Da ich am gestrigen Abend schon meinen Rucksack verpackt hatte, greife ich ihn mir, verlasse den Schlafraum und mache mich im Aufenthaltsraum in Ruhe fertig. Heute verstaue ich auch meine Stöcke, die ich auf den letzten fünf Kilometern nicht mehr benötigen werde. Um 6:40 Uhr verlasse ich die Herberge und marschiere ganz langsam den Berg hinab in das gerade erwachende Santiago.

Ich bin wieder einmal alleine unterwegs, was mir eigentlich sehr gut gefällt. Einige Mitpilger sind bereits früher losgegangen, aber ich bin ganz froh, dass ich ungestört die letzten Schritte mit meinen eigenen Gedanken machen kann. Lediglich das Morgenkonzert der Vögel begleitet mich, wird aber fließend vom Lärm von Autos abgelöst. Den kann ich aber einigermaßen ausblenden, um mich auf das für mich Wesentliche, nämlich das Ankommen in der JakobusStadt, konzentrieren kann.

Selbstverständlich ist es ein gewaltiger Unterschied im Vergleich zu den vergangenen zwei Wochen, durch die vorgelagerten Ansiedlungen einer Großstadt zu gehen. Von der Natur ist jetzt nicht mehr allzu viel zu sehen, dafür die ersten Häuser der Vororte, deren Dichte immer mehr zunimmt. Ich bin heute auf den letzten Kilometern genauso aufgeregt, wie bei meinen ersten drei Ankünften. Es gibt ja viele Pilger, die genau das Gegenteil behaupten. Ein wiederholtes Ankommen in Santiago sei nicht so emotional wie beim ersten Mal. Ich sehe das ein wenig anders. Ich war immer sehr bewegt, wenn ich mich auf der Praza de Obradoiro vor die Kathedrale gesetzt habe. Es liegt vielleicht auch einfach daran, mit welchen Erwartungen man auf seinen Camino geht. Ich habe in den letzten Jahren festgestellt, dass jeder Camino komplett anders und damit auch jedes Ankommen ein anderes war. Ich sehe die Umstände des Weges, das Erlebte, das Verarbeitete, die Menschen des Weges, das Wetter und die Natur   all das trägt dazu bei, wie ich das Ankommen empfinde.

In den Boden eingelassen BronzeMuscheln weisen nun den Weg in Richtung Zentrum. Aus östlicher Richtung bin ich noch nie nach Santiago gelaufen. Bisher kam ich über den Camino Inglés aus dem Norden und über den Caminho Portugues aus dem Süden. Mir gefällt das Finale des Camino Primitivo jedenfalls deutlich besser. Vielleicht liegt es auch einfach daran, dass zu dieser Uhrzeit noch nicht allzu viel los ist? Nein, ich glaube nicht.

Ich bin jedenfalls froh und dankbar, dass ich diesen Camino gehen durfte, ihn auch ohne großartige Blessuren gut hinbekommen habe. Ganz besonders bedanke ich mich bei Susanne und Christian, die mir erneut diese zwei Wochen geschenkt haben. Ich freue mich, morgen wieder nach Hause zu kommen.

Wenn ich auf die letzten vierzehn Tage zurückblicke, habe ich in diesem Jahr nicht so viele Leute kennengelernt. Die Gespräche mit ihnen waren immer sehr offen und herzlich. Marcel bedaure ich ein wenig, da er es mit mir und den Verständigungsproblemen sicherlich nicht einfach gehabt hat. Und doch ist er immer wieder auf mich zugekommen, das rechne ich ihm sehr hoch an.
Ich habe aber auch die Zeit mit mir alleine genossen. Ich glaube, damit hat auch der Camino Primitivo, der ursprüngliche Weg, mit seinen großartigen Naturlandschaften, den urigen Dörfern und der Gastfreundschaft der Menschen seinen Sinn erfüllt. Dieser Camino wird allerdings auch als der verlustreichste meiner bisherigen Jakobswege in die Geschichte eingehen. Neben einem Handy, einer Sportunterhose sowie einer Handytasche habe ich gestern auch noch ein Mehrzwecktuch in der Herberge liegen gelassen. Ich müsste einmal darüber nachdenken, das Gewicht meiner Ausrüstung anderweitig zu reduzieren als durch verlorene Gegenstände.

Die Zeit vergeht wie im Flug und so treffe ich mit feuchten Augen um 7:45 Uhr auf der noch fast leeren Praza de Obradoiro vor der Kathedrale ein. Ich bin total begeistert, wie die Front der Kirche inzwischen aussieht, hier ist im vergangenen Jahr richtig tolle Arbeit bei der Sanierung geleistet worden. Es stehen kaum noch Gerüste und das gesäuberte Mauerwerk sieht aus wie neu. Ich gehe nach einem ersten Dankgebet vor der Kathedrale direkt zum Pilgerbüro, wo ich in der kurzen Schlange Tatjana treffe. Kurz darauf bekomme ich den letzten Stempel in meinen Pilgerpass. Um 8:20 Uhr halte ich bereits meine Compostela in der Hand. Im vergangen Jahr kam ich erst am Nachmittag an und musste fast neunzig Minute auf mein Pilgerzeugnis warten.

Dann mach ich mich auf den Weg zu meiner Unterkunft, dem Seminario Menor, wo ich um 9:30 Uhr eintreffe und meinen Rucksack im Keller einschließen möchte. Ich habe jedoch Glück: mein Zimmer war für die vergangene Nacht nicht vergeben und braucht nicht gereinigt zu werden, sodass ich es bereits beziehen darf. Das ist natürlich toll. Ich stelle mich komplett angezogen unter die Dusche, wasche gleichzeitig meine Kleider und hänge sie danach im warmen Zimmer auf. Sie sollten bis morgen wieder trocken sein. Ich sortiere und kontrolliere noch einmal meine Ausrüstung und lege mir alles für die morgige Abreise zurecht. Als nächstes steht der Pilgergottesdienst um 12:00 Uhr auf dem Plan. Auf dem Weg zur Kathedrale begegnet mir das japanische Ehepaar, das schon seit Tagen immer wieder in den gleichen Herbergen wie ich übernachtet hat. In der Stadt treffe ich Marcel, der bereits gestern in Santiago ankam. Er hatte ein Zimmer in unmittelbarer Nähe zur Kathedrale, heute ist er ebenfalls, wie auch die Japaner, im Seminario Menor untergebracht.

Wir verabreden uns zum Mittagessen nach dem Ende des Gottesdienstes. Diesem kann ich in diesem Jahr nicht so folgen wie sonst, weil mir heute komischerweise die ganzen Touristen, die während des Gottesdienstes umherlaufen ziemlich auf den Nerv gehen. Deswegen setze ich mich in die Marienkapelle, in der ich eine Weile alleine sein kann. Ich erlebe jedoch noch das Schwenken des Botafumeiro  wie immer bei meinen Besuchen der Pilgermesse. Und jedes Mal werden hunderte Handys in Betrieb genommen, wenn sich der silberne Weihrauchkessel in Bewegung setzt...

Das Mittagessen neben Marcel und ich in der Mensa der medizinischen Fakultät der Universität von Santiago ein, wo wir für nur 5,70 € ein leckeres Menü bekommen. Danach trennen wir uns, da Marcel ins Seminario umziehen und ich noch etwas durch die Stadt bummeln möchte. Dabei treffe ich unterwegs noch Dave und Gonzalo, mit denen ich noch ein wenig plaudere. Der Trubel wird mir dann doch zuviel und ich ziehe mich noch einmal auf mein Zimmer zurück, um mich auszuruhen.

Am Abend mache ich noch einen Zug durch die Gemeinde, denn es ist San Xoan  Johannesfest. Allerdings ist es heute eher ruhig, erst morgen wird die Nacht zum Tag. An vereinzelten Punkten trifft man sich aber schon heute. An einem solchen bestelle ich mir mein Abendessen  Pulpo und Piementos de Padrón. Danach gehe ich ein wenig durch die Gassen, schaue mir noch die Iglesia Santa Maria Salome aus dem 12. Jahrhundert an, die bisher immer verschlossen war. Sie ist eine hübsche, alte Kirche und das Alter scheint man förmlich riechen zu können.

Ich schlendere weiter zur Kathedrale. Gerade geht die Sonne unter und läss die Fassade beinahe golden erstrahlen. Und dann läuft mir Jamar über den Weg. Obwohl wir uns nur einmal intensiv in Berducedo unterhalten und nochmal sporadisch gesehen haben, ist die Wiedersehensfreude beiderseits groß. Wir haben uns viel zu erzählen. Es wird erneut ein großartiges, sehr offenes Gespräch zwischen uns beiden. Ich freue mich wirklich, ihn noch einmal gesehen zu haben. Wir verabschieden uns sehr herzlich voneinander.

Direkt nebenan spielt seit einiger Zeit unter den Arkaden des Verwaltungsgebäudes die Tuna. Die Straßenkonzerte der Musiker sind berühmt und man sollte unbedingt die Gelegenheit nutzen, sie zu erleben. Sie haben ihre Zuhörer fest im Bann und integrieren sie auch gerne in ihren Auftritt. Auch ich verbleibe noch eine Weile und sauge die positive Stimmung auf. Auf dem Heimweg zur Herberge laufe ich an der Rua de San Pedro entlang, wo ebenfalls noch LiveMusik die Menschen unterhält. Auch hier bleibe ich noch eine Weile stehen, muss dann aber doch los, damit ich noch in die Herberge eingelassen werde.