Heute ein Pilgerkönig

Donnerstag, 21. Juni 2018: Von Arzúa zum Monte do Gozo

Heute Morgen bin ich sehr früh wach geworden. Ich greife meine Sachen und mache mich im Hof für den Abmarsch bereit. Um 6:45 Uhr bin ich auf der Straße. Es ist unglaublich, wie viele Menschen sich bereits unterwegs sind. Vor mir bewegt sich eine lange Pilgerschlange, die durchaus mit einer Volkswanderung vergleichbar ist. Schon bald erreiche ich die Bar in Pregontoño, deren Tische alle besetzt sind. Da es mir noch nicht nach Frühstück ist und die Schlange vor dem Verkaufswagen zudem eine beachtliche Länge hat, hole ich mir nur den ersten Stempel für heute ab.

Der Weg führt heute zum Glück zunächst nicht so häufig über Straßen, sondern eher auf noch recht kühlen Wald und Wiesenwegen. Mich wundert allerdings, dass die Menschenmassen auf einmal spurlos verschwunden sind. Ich bin auf einmal ganz alleine und prüfe mal eben, ob ich überhaupt noch auf dem richtigen Weg bin oder mich verlaufen habe. Ich schaue noch einmal zurück nach Arzúa, das am Horizont gerade von der aufgehenden Sonne angestrahlt wird. Es scheint so, dass die Sonne heute früher herauskommt, aber wahrscheinlich täusche ich mich auch nur aufgrund der Uhrzeit. Es soll heute auch wieder mit rund fünfundzwanzig Grad und mehr sehr warm werden.

Nach circa acht Kilometern mache ich an der Bar Lino in Calle meine Frühstückspause mit einem Café con leche und einem Riesenboccadillo mit Seranoschinken und Käse. Kurz nach meinem Aufbruch passiere ich nach ein paar Ecken eine weitere Bar, die an jeder freien Fläche mit leeren, von Pilgern signierten leeren Bierflaschen der Marke Peregrina versehen ist. Hätte ich das gewusst, wäre ich hier eingekehrt, sieht urgemütlich aus. Danach geht der Camino weiter über nett angelegte, meist im Schatten von Bäumen befindliche Wanderwege. Inzwischen habe ich die Befürchtung, dass die deutsche Brauerei Erding zum Sponsor des Jakobweges geworden ist, denn an fast jeder Bar findet man entsprechende Werbeschilder.

Um 10:15 Uhr und weiteren acht Kilometern ist die nächste Pause fällig. Ich habe mir heute vorgestellt, regelmäßig Pausen einzulegen, die ich an den bisherigen Tagen nur selten gemacht habe. Um diese Uhrzeit darf es auch wieder ein isotonisches, alkoholfreies Getränk sein. Heute ist es mal zur Abwechslung ein portugiesisches Super Bock Negra. Jetzt fangen die Portugiesen auch schon an, Schwarzbier zu brauen. Als ich mir dann noch den Stempel des Hauses in das Credencial drücke, fällt mir auf, dass ich nicht mehr allzu viel Platz darin habe. Es reicht gerade noch für zwei bis drei Stempel. Ich muss zumindest Platz lassen für den heutigen Herbergsstempel und den letzten Stempel im Pilgerbüro in Santiago.

Nach zwanzig Minuten Beine hochlegen geht es weiter. Kurz vor der Herberge von Santa Irene muss ich noch einmal einen außerplanmäßigen Boxenstopp einlegen, denn irgendetwas stimmt mit meinem Socken nicht. An einer Stelle am linken Fuß zwickt es etwas, doch ich kann nichts feststellen. Ich tausche vorsichthalber die Socken aus und ziehe mir ein paar trockene an. Vor der Herberge sitzen schon die ersten Pilger, die auf die Öffnung warten. Das dauert aber noch fast zwei Stunden. Die nächsten Kilometer sind richtig angenehm. Es geht durch Eukalyptuswälder und kleine Dörfer in der Nähe der Hauptstraße nach Santiago, aber in gebührendem Abstand von dieser. Das macht richtig Spaß und lenkt davon ab, dass ich mich meinem Pilgerziel unaufhaltsam nähere. Nach knapp 24 Kilometern ist die nächste planmäßige Pause fällig in Amenal. Hier gibt es einen Stempel, der die verbliebene Strecke bis Santiago mit fünfzehn Kilometern angibt. Dieser Ort ist zudem richtig gut gewählt, denn im weiteren Verlauf des Caminos gibt es einen Anstieg, der mir allerdings mit dem Training der letzten Tage nichts mehr ausmacht. Ich bin jetzt in unmittelbarer Nähe des Flughafens von Santiago, wo ich gerade ein Flugzeug starten höre. 

Ich sehe weiterhin nur noch sehr selten Pilger in meiner Umgebung. Entweder sitzen die anderen alle zur Mittagszeit in irgendeiner Bar oder sie haben sich bereits in einer Herberge niedergelassen. Lediglich ein paar Fahrradpilger kommen öfters an mir vorbei. Am Ende des Anstieges erreiche ich einen mobilen Verkaufsstand, wo es neben Getränken und Obst auch Pilgerdevotionalien gibt. Hier treffe auch Marcel wieder. Er erzählt mir zum wiederholten Male von seinem Haus in der Bretagne, das er mir gerne für einen Urlaub zur Verfügung stellen würde. Er will sich per eMail bei mir melden. Während ich heute „nur“ bis zum Monte do Gozo laufe, wird er bereits den kompletten Weg nach Santiago gehen. Ich bin zwar auch schon die ganze Zeit am überlegen, ob ich es ihm nicht gleichtun solle, aber die Nacht am Monte do Gozo möchte ich gerne nutzen, um mich mental auf das letzte Stückchen von rund fünf Kilometern vorzubereiten. Mein Plan ist es, morgen früh so zeitig loszugehen, um zur Öffnungszeit des Pilgerbüros um 8:00 Uhr dort zu sein und meine Compostela abzuholen. Eventuell schließe ich schon vorher meinen Rucksack in der Herberge ein.

Auf Höhe des Flughafens treffe ich Gabriel, einen jungen mexikanischen Pater, den ich heute schon mehrfach überholt habe. Wir machen an der SantiagoSkulptur gegenseitig Fotos von uns. Mit einem Segensgruß verabschiedet er mich. In San Paio hole ich mir in der Kirche noch einen Stempel ab. Danach wird es noch einmal hügelig und vor allem sehr zäh und öde. Der Camino lässt mich gefühlt unendlich lange über Nebenstraßen in der prallen Sonne laufen. Endlich erreiche den Monte do Gozo - den Berg der Freude. Der Name kommt von den mittelalterlichen Pilgern, die ihre Freude über den ersten Blick auf die Kathedrale von Santiago ausdrückten. Um 15:15 Uhr erreiche ich als achtzehnter am heutigen Tage die öffentliche Herberge. Etwas später trifft auch Pater Gabriel ein. Die Herberge ist in einem riesigen Unterkunftskomplex verortet ist, der zum Weltjugendtag 1989 in Santiago entstand. Von den rund 3000 Betten werden noch maximal vierhundert für Pilger genutzt. Der Rest einschließlich Restaurants etc. befinden sich in einem Dornröschenschlaf. In jeder Barracke befinden sich unzählige Räume, in denen jeweils vier Doppelstockbetten stehen. Daneben gibt es noch Sanitärräume, Waschräume und eine Küche.

Entgegen aller Veröffentlichungen gibt es für die Pilger weder Speisen noch Getränke, auch nicht aus Automaten, zu kaufen. Da muss ich mir für heute Abend etwas überlegen, wie ich den hungrigen Pilger gesättigt bekomme. Zunächst stopfe ich meine Wäsche in eine Waschmaschine und besuche das Pilgerdenkmal, wo ich mich traditionell zum Pilgerkönig ausrufe – ich bin schließlich der erste aus meiner „Pilgergruppe“, der vom Monte do Gozo die Kathedrale erblickte. Danach gehe ich noch einmal ein Stück zurück, um mir das Monument anlässlich des Besuches von Papst Johannes Paul II. zum Weltjugendtag und die Capilla San Marcos anzusehen. Danach will ich in dem etwa zehn Minuten entfernt liegenden Restaurant etwas essen, das ich schon auf dem Weg zum Monte do Gozo gesehen habe. Doch neben der Kapelle erhalte ich an einem Kiosk ein warmes Baguette für kleines Geld. Außerdem kann ich meine Getränkevorräte auffüllen.

Am Abend werde ich es nicht spät werden lassen. Um 19:30 Uhr nehme ich am Gottesdienst in der Kapelle teil, bei dem Pater Gabriel konzelebrieren darf. Ich habe die Ehre, eine Fürbitte auf Deutsch vorzutragen. Zum Ende des Gottesdienstes dürfen sich alle Pilger rund um den Altar stellen. Jeder wird von Pfarrer in seiner Muttersprache nach dem Startort und dem Wohlbefinden gefragt, bevor er allen den Pilgersegen erteilt. Ich hatte zwar keine Vorahnung, aber das war jetzt das iTüpfelchen, um morgen früh und nicht schon heute nach Santiago zu gehen. Jetzt kann ich dankbar den Tag abschließen und mich zu Bett begeben.