Auf dem Boden der Tatsachen gelandet

Mitwoch, 20. Juni 2018: Von Ferreira nach Arzúa

Nach einem kleinen Frühstück geht es um 7:15 Uhr los. Heute Morgen dominiert wieder der Nebel, aber es ist angenehm, bei diesen Bedingungen auf der Straße zu sein. Außerdem habe ich heute eine Mammutetappe bis Arzúa vor, es erwarten mich rund 36 km. Das war so gar nicht vorgesehen, aber ich habe mir für meine Ankunft in Santiago de Compostela noch einmal Gedanken gemacht. Die nächsten Etappen sollten eigentlich bis Melide, Santa Irene und abschließend nach Santiago gehen. Mit diesem Plan würde ich am Freitagnachmittag meinen Camino beenden. Das ist mir erstens zu spät und zweitens bleibt mir aufgrund meines Rückfluges am Samstag kaum Zeit, mich in der Stadt „rumzutreiben“. Morgen möchte ich nun bis zum Monte do Gozo laufen, um am Freitag bereits gegen 8:00 Uhr vor der Kathedrale zu stehen.

Und dann passiert es. Nach ungefähr drei Kilometern biege ich von der Straße auf einen Feldweg ab und übersehe an-scheinend einen hervorstehenden Stein. Nur Bruchteile von Sekunden später erledigt die Schwerkraft den Rest und 1,80 m Körpergröße inklusive Rucksack und zwei Stöcken liegen bäuchlings auf dem Boden. Zunächst weiß ich gar nicht, wie mir geschieht. Ich rappele mich schnell wieder auf und spüre nur einen brennenden Schmerz an der Innenseite meiner Unterlippe. Dort haben sich meine oberen Schneidezähne hineingebohrt und ich spüre den Geschmack von Blut, der sich meinem Mund breitmacht. Eine anschließende Überprüfung ergibt zum Glück keine weiteren großartigen Verletzungen. Ich kann lediglich eine kleine Schramme an der linken Hand und ein aufgeschlagenes rechtes Knie feststellen. In den nächsten Tagen werde ich jetzt mit einer dicken Lippe herumlaufen, dazu schmerzen Kinn und Nase ein wenig. Da habe ich wohl noch mal richtig Glück gehabt.

An einer hübsch hergerichteten Pilgerrast mit Brunnen reinige ich meine Wunden, die inzwischen auch ein wenig schmerzen. Gegen 8:30 Uhr ist der Nebel verschwunden und die Sonne macht sich am blauen Himmel breit. Ich hof-fe, dass die Temperatur noch ein wenig tief bleibt, damit es auch weiterhin angenehm zum Laufen ist. Hinter As Seixas geht es nun ein wenig den Berg hinauf über eine Passhöhe mit Windrädern, aber das kennen meine Beine ja. Der Camino geleitet mich momentan durch kühle Waldabschnitte, aber auch wieder über Zubringerstraßen zu abgelegenen Bergdörfern. Hinter dem Pass geht es wieder leicht abwärts und ich kann in der Ferne schon Melide erkennen. Vor mir sind inzwischen eine ganze Reihe Pilger unterwegs. Ein solcher Anblick war bisher eigentlich eine Seltenheit. Da bin ich auf Sichtweite fast immer alleine gelaufen.

Nach vierzehn Kilometern erreiche ich das kleine Dörfchen Vilamor, in dem die Igrea San Esteban geöffnet ist. Zwei Studenten verteilen gegen eine Spende zum Erhalt der Kirche den Pilgerstempel. Nur zehn Minuten später erreiche die Bar Carburo Parrilada, wo ich eine erste ausgiebige Pause einlege. Es ist zwar erst 10:15 Uhr, aber genau die richtige Zeit für ein kaltes San Miguel, alkoholfrei natürlich. In der Bar macht auch Dave aus New York eine Rast. Er ist verwundert über mein Aussehen und fragt nach meinem Wohlbefinden. Nach gut 20 Minuten mache ich mich wieder auf den Weg, der wieder aus einer Landstraße besteht. Kurz vor dem Örtchen Compostela hat sich ein Einwohner etwas Tolles einfallen lassen. In einen Granitblock wurde eine Nische geschlagen, in der sich zwei große Wasserkanister zur gefälligen Selbstbedienung befinden. Als Trinkgefäß dient eine Jakobsmuschel. Ich bleibe noch ein paar Kilometer an der Straße, überhole noch die sehbehinderte Pilgerin mit Mann und Hund und treffe endlich in Melide ein.

Dort kaufe ich mir in einem Supermarkt einen Trinkjoghurt und eine Cola, deren Halbwertzeit sehr kurz sind. Von Melide bekomme ich eigentlich überhaupt nichts mit, so schnell bin ich da wieder raus. Pünktlich zur Mittagsstunde erreiche ich den Ort des Zusammentreffens von Camino Frances und Camino Primitivo: eine normale Straßenkreuzung ohne einen entsprechenden Hinweis. Das habe ich etwas anders vorgestellt. Unmittelbar dahinter laufe ich auf einen Souvenirladen zu, wo man jede Art von Pilgerdevotionalien bekommen kann. Mich interessiert vorrangig der Stempel, auf dem die verbliebene Strecke bis Santiago mit fünfzig Kilometern angegeben ist. Direkt daneben befindet sich die Igrexa de Santa María de Melide, die aber gerade von einer Kompanie Fahrradpilgern belagert wird, sodass mir die Lust zu einer Besichtigung vergeht.

Ich bin zwar erst ein paar wenige Kilometer auf dem Camino Frances unterwegs, aber ich kann schon deutliche Unterschiede zum bisherigen Weg erkennen. Zum einen nimmt ab Melide der Kommerz zu, darüber hinaus fehlt mir jetzt die gewohnte Einsamkeit. Ich habe ständig Pilger um mich herum, mit großen und kleine Rucksäcken. Ich kann jetzt Thorsten verstehen, ab Lugo noch einmal auf den Camino del Norte zu auszuweichen. Momentan weiß ich nicht, ob ich das so über 800 Kilometer haben möchte. So krass hätte ich das mir nicht vorgestellt. Wahrscheinlich liegt es aber nur daran, dass viele Pilger erst auf den letzten einhundert Kilometern einsteigen, um in Santiago eine Compostela zu erhalten.

Es geht in einer langen Pilgerschlange zunächst einmal ein langes Stück durch einen gut riechenden Eukalyptuswald und danach auf breiten Schotterwegen in Richtung Arzúa. An einem Kiosk mitten im Wald treffe ich Marcel, der heute das gleiche Ziel wie ich hat. An jeder Ecke habe ich jetzt die Möglichkeit, mir in einer Bar einen Stempel in das Credencial geben zu lassen. Das wird mir dann irgendwann zu viel und ich belasse es bei ganz besonderen Stempeln. Einen solchen bekomme ich zum Beispiel in der Igrexa de Santiago de Boente. Um 13:40 Uhr mache ich nach dreißig Kilometern eine zweite Pause. An dem schattigen Rastplatz befindet sich ein kleiner Bach, in den ich meine Füße eintauche. Es tut gut, die beanspruchten Füße ein wenig zu kühlen. Immerhin haben wir seit Tagen am Nachmittag beständig Temperaturen zwischen fünfundzwanzig und dreißig Grad.

Als ich zu meinem abgelegten Rucksack zurückkehre, bemerke ich, dass nicht nur meine Füße nass sind, sondern auch meine Sitzfläche. Mir ist gar nicht aufgefallen, dass der Boden dort so feucht war. Na ja, das wird auf dem nächsten Streckenabschnitt wieder schnell getrocknet sein. Während ich mir die Füße gut abtrockne, läuft Marcel an dem Rastplatz vorbei und wir kam auch noch Marcel dazu und wir wechseln kurz ein paar Worte. Nach zwanzig Minuten geht es dann weiter auf die letzten fünf Kilometer. Unterwegs überqueren wir den Rio Iso, an dem sich die Herberge von Ribadiso befindet. Die aus Bruchstein errichteten Gebäude der Herberge, die mittelalterliche Brücke und der kleine Fluss geben ein idyllisches Bild ab. Einige Pilger, die heute hier ihre Unterkunft bezogen haben, nutzen die Gelegenheit und sitzen in dem flachen Gewässer und lassen es sich augenscheinlich gut gehen.

Irgendwann hole ich Marcel ein und wir gehen die letzten drei Kilometer hintereinander nach Arzúa, wo wir schließlich nach 35,8 Kilometern gegen 15:15 Uhr in der schönen Privatherberge Via Láctea eintreffen. Hier wurde eine große Fläche geschickt in mehrere Räume geteilt, in denen jeweils fünf Doppelstockbetten stehen. Ganz besonders bin ich von den Stoffbezügen begeistert, das ist halt doch etwas Anderes als die Einmalbezüge. Nach der großen Wäsche, einer erfrischenden Dusche und der Begutachtung meiner Verletzungen sitzen wir noch bei einem Bier im kleinen Hof der Herberge. Marcel unterhält sich mit einer Kanadierin und kann endlich wieder in seiner Muttersprache reden. Danach lege ich mich ins Bett und ruhe mich noch etwas aus. Gegen 20:00 Uhr gehen Marcel und ich in eine nahe gelegene Bar etwas essen. Wir entscheiden uns für Pasta und Fisch. Allmählich wird es mir unangenehm, dass ich nicht alles verstehe und auch selbst kaum etwas sagen kann. Ich nutze jetzt sogar ein Übersetzungsprogramm, um ihm wenigsten hin und wieder etwas mitteilen zu können. Nach einer guten Stunde sind wir wieder in der Herberge. Ich nehme die getrocknete Kleidung von der Wäscheleine und bereite mein Gepäck für morgen vor. Um kurz nach 21:00 Uhr liege ich im Bett, es war ein langer und anstrengender Tag.