Reise in die Vergangenheit

Dienstag, 19. Juni 2018: Von Lugo nach Ferreira

Ich habe meine Pläne für den heutigen Tag noch am gestrigen Abend ein klein wenig umgeworfen und werde statt dem regulären Weg zusätzlich einen kleinen Abstecher zu einer romanischen Kirche aus dem Mittelalter machen. Dadurch muss ich allerdings rund fünf Kilometer Wegstrecke auf die ursprüngliche Distanz addieren. Außerdem habe ich mir in Ferreira bereits ein Bett reserviert, so dass ich heute nicht unter Zeitdruck laufen muss. Um circa 7:15 Uhr geht es los. Der Himmel ist schon blau, das Wetter verspricht auch wieder gut zu werden - also alles ideal für einen guten Pilgertag. Der Rucksack ist heute wieder zwei Kilogramm schwerer, da ich aufgrund der zu erwartenden hohen Temperaturen und der Wegstrecke genügend Getränke eingepackt habe.

Apropos Rucksack. Ich glaube, unsere gemeinsame Zeit geht nach diesem Camino zu Ende. So langsam verabschiedet sich ein Reißverschluss nach dem anderen. Weitere Verschleißteile sind auch nicht mehr in dem Zustand, den man nutzbar bezeichnen kann. Immerhin ist das jetzt der vierte Camino nach Santiago, plus der Weg von Koblenz nach Vézelay und weitere Wege in Deutschland, auf denen er mir in etwa zehn Jahren treue Dienste geleistet hat. Ich werde mich also nach meiner Rückkehr nach etwas Neuem umsehen müssen.

Ich verlasse Lugo durch die Puerta de Santiago, über der die Statue eines reitenden Jakobus wacht. Es geht zunächst durch eine steil abwärts führende Straße bis zum Rio Miño, den ich über die mittelalterliche Brücke überquere. Nach einer Dreiviertelstunde habe ich auch die letzten Häuser der Vororte von Lugo hinter mir gelassen und laufe wieder in ländlicher Region auf einer Nebenstraße. Nach knapp zehn Kilometern auf der Straße erreiche ich das Dorf O Burgo, wo sich hinter einem Garagentor ein nett eingerichteter Rastplatz für Pilger befindet, der unter anderem mit Getränke- und Snackautomaten sowie einer Mikrowelle und sogar einer Toilette ausgestattet ist. Hier treffe ich auch wieder einmal Marcel.

Zwei Kilometer später verlasse ich die Straße und zweige auf eine noch kleinere Nebenstraße ab, der ich jetzt gut zwei km folgen werde, um die Igrexa Santa Eulalia de Bóveda zu besuchen und zu besichtigen. Gerade dachte ich noch, wie einsam doch hier dieser nicht markierte Abschnitt sei. Man befindet sich mitten in der Natur, rechts und links Bäume und Wiesen und das übliche morgendliche Konzert der Vogelschar, das hin und wieder von Hundegebell unterbrochen wird. Da begegnen mir zwei französische Pilgerinnen, die mir bestätigen, dass sich der Besuch wirklich lohnt und sie sehr schön sei. Sie gehen jetzt den gleichen Weg wieder zurück. Anscheinend sind sie nicht darüber informiert, dass man auch über eine kürzere Route zum Camino zurückkehren kann. 

Der zusätzliche Weg hat sich tatsächlich gelohnt, ich bekomme von Antonio das spätrömische Heiligtum zu Ehren der Göttin Cibeles aus dem 3. Jahrhundert gezeigt, das vorsorglich unter einem Betonsarkophag versteckt ist. Ursprünglich gab es noch ein weiteres Stockwerk, in dem Stiere geopfert wurden, das Blut floss in das noch vorhandene Becken im Untergeschoß. Nach der Christianisierung wurde dieser Ritus untersagt und das Obergeschoß in eine Kapelle umgewandelt. Im zur Krypta umgebauten Untergeschoss befinden sich sehr gut erhaltene Wandmalereien an der Decke. Es werden Rebhühner, Fasane, Tauben, je eine Gans und Ente sowie Pfaue als Symbol für die Göttin Cibeles dargestellt. Die Bilder der Vögel und deren Lieder stellen einen direkten Bezug zu dem Heiligtum und seiner Funktion als Orakel dar und sind einmalig in den römisch besetzten Gebieten. Ich hoffe, dass dieser kulturelle Nachlass noch lange erhalten bleibt und möchte mich nach der Besichtigung bei Antonio mit einem kleinen Obolus erkenntlich zeigen, doch er lehnt vehement ab.

Ich setze dann meinen Weg über die mit roten Pfeilen versehene Ruta O Vello Lugo Agrario fort und bin nach zusätzlich drei Kilometern Weg wieder auf dem Camino. Es gehe zunächst durch ein Waldstück, bevor wieder die Straße der bevorzugte Untergrund wird. Heute kann man froh sein über jeden Abschnitt, der nicht über Asphalt führt. Allerdings habe ich persönlich keine Probleme damit. Eine erste Rast mache ich erst gegen 12:00 Uhr, wo ich an einer Bushaltestelle ein Stück von meiner gestern gekauften Chorizo zu mir nehme. Als ich dann weiterlaufen möchte, befinde ich mich urplötzlich mitten in einer Gruppe Buspilger, die gerade von ihrem Fahrer mit Wasserflaschen versorgt werden. Kurz vor San Román werde ich von Lisa und ihrem italienischen Begleiter überholt und wir laufen ein kleines Stückchen gemeinsam bis zur Herberge O Candido, die mitten in einem Wäldchen liegt. Die beiden laufen weiter, ich trinke erst einmal zwei kleine Alkoholfreie, die ich mir jetzt einfach mal verdient habe.

Danach folgt eine seit paar Tagen nicht mehr erlebte Kombination Anstieg-Abstieg-Anstieg-Abstieg-Anstieg. Das tut mir als aktuellem Flachlandpilger unter der Mittagssonne richtig weh. Zur Abwechslung befindet sich mitten im nächsten Dorf Burgo de Negral in einer umgebauten Scheune eine kleine, düstere Lederkunstwerkstatt. Ich bin neugierig und schaue rein. Neben allen möglichen Gebrauchsgegenständen aus Leder bekommt man gegen Spende auch noch Getränke und Obst. Mit einem Anhänger aus Leder in Muschelform gehe ich wieder raus. Da wird zukünftig mein Autoschlüssel dranhängen. Dann treffe ich noch Marcel und wir laufen die letzten beiden Kilometer zur Herberge A Nave in Ferreira gemeinsam, wo wir kurz nach 14:00 Uhr eintreffen. Während ich mein reserviertes Bett in Empfang nehme, läuft er noch weiter.

Die Herberge ist noch relativ neu und in einem früheren Stall unterbracht. Hinter dem Aufenthalts- und Speiseraum gibt es mehrere Zimmer, die mit sieben Betten und einer eigenen Nasszelle versehen sind. Das Abendessen - es wird eine Meeresfrüchte-Paella angeboten - und das Frühstück habe ich beim Einchecken gleich mitgebucht und brauche mir wegen Verpflegung erstmal keine Gedanken zu machen. In dem mir zugewiesenen Zimmer lerne ich Dave aus New York und Tomas aus Polen kennen. Ich nutze außerdem wieder einmal die Gelegenheit, meine Wäsche maschinell waschen zu lassen. Erstmals muss ich auch meine eigene Wäscheleine an einem Zaun befestigen, da die anderen Pilger keinen Platz mehr für meine Wäsche übriggelassen haben. Nach getaner Arbeit heißt es, auf der schönen Wiese zu relaxen und Kraft tanken für morgen.

Die Paella wird in einer riesigen Pfanne vor unseren Augen im Speiseraum zubereitet und ist wirklich eine Wucht. Ich sitze mit ein paar Italienern und Tatjana aus Litauen zusammen. Irgendwie scheinen wir die Italiener zu stören. Wir beide haben den Eindruck, dass die mit uns nichts zu tun haben wollen. So belassen wir es halt dabei und führen eine nette Unterhaltung auf Englisch. Wir sind zwar beide nicht die großen Sprachgenies, aber jeder versteht den anderen. Gegen 21:30 Uhr löst sich die Gesellschaft auf und wir verschwinden in unseren Zimmern. Ich bereite schon einmal meinen Rucksack so vor, dass ich ihn morgen früh ohne Lärm packen und in den Aufenthaltsraum gehen kann.