Lugo: rauhe Schale, süßer Kern

Montag, 18. Juni 2018: Von Castroverde nach Lugo

Das war wieder eine Nacht, wie man sie sich nicht wünscht. In meinem Schlafraum gab es erneut ein paar hochkarätige Schnarcher, die mich nicht zur Ruhe haben kommen lassen. Irgendwann habe ich es doch geschafft, einzuschlafen. Aber bereits gegen 4:30 Uhr bahnte sich die nächste nächtliche Ruhestörung an. Dann begannen nämlich die ersten, ihre Rucksäcke rücksichtslos zusammenzupacken und sich so auf den Weg zu machen, dass alle anderen mitbekamen. Da die meisten heute bis Lugo gehen wollen, bleibt es wohl ihr Geheimnis, warum man für eine Etappe knapp über zwanzig Kilometer schon mitten in der Nacht und im Dunkeln losmarschieren muss. Das Highlight ist allerdings eine spanische Familie mit ihren beiden Kindern, die fast eine ganze Stunde benötigen, um im Schlafraum geräuschvoll und unter Flutlicht ihre Rucksäcke zusammenzupacken. Immer mehr Pilger äußern ihren Unmut, ohne jedoch eine Reaktion zu erhalten.

Ich bin zwar noch einmal eingeschlummert, aber die Unruhe wächst in mir und ich greife mir meinen bereits vorgepackten Rucksack und bringe ihn in den Aufenthaltsraum. Noch einmal betrete ich den Schlafraum, packe meinen Schlafsack und entferne den Einmalbezug von meinem Bett. Ich mache mich in Ruhe fertig für den Tag, packe den Rucksack noch einmal neu und schmiere mich mit Sonnencreme ein. Währenddessen beobachte ich die spanische Familie, die jetzt endlich fertig zu sein scheint und zu meiner Verwunderung in ein Auto einsteigt, das seit geraumer Zeit vor der Herberge parkt. Heute scheint es ein schöner Tag zu werden, der Himmel ist bereits blau, kein Wölkchen ist zu sehen und bei der aktuellen Temperatur lässt es sich schon sehr angenehm laufen. Ich starte bereits um 7:00 Uhr. Anhand der im Schuhregal vorhandenen Schuhe stelle ich fest, dass noch höchstens vier oder fünf andere Pilger in der Herberge sein können.

Zunächst laufe ich einmal quer durch Castroverde, an der kleinen Jakobuskirche vorbei und anschließend durch eine Wiesenlandschaft und ein größeres Waldstück. Die Natur erwacht allmählich, während die Sonne aufgeht. Es riecht nach frisch gemähtem Heu und ich überhole die ersten Pilger, die es gemütlich angehen lassen. Zu meiner Überraschung entdecke ich in dem verschlafenen Dörfchen Vilar de Cas unter einem Türsturz ein kleines Holzschild, das auf eine in keinem Führer verzeichnete Bar verweist. Naja, Bar ist übertrieben. Die Eigentümer des Hauses haben den Innenhof in einen netten Verkaufsstand umgewandelt und bieten den Pilgern Kaffee, Frühstück und Kaltgetränke zu kleinem Preis an. Dort treffe ich auch Katja, die sich ebenfalls von der angenehmen Atmosphäre anziehen ließ. Wir plaudern ein wenig, während wir ein paar leckere Toastscheiben mit Marmelade verdrücken.

Dann wird es Zeit, weiterzugehen. Ich verabschiede mich von Katja und erreiche am Ende des Dorfes einen Abzweig. Hier besteht die Möglichkeit, an einer rund tausend Jahre alten, mittelalterlichen Kirchenruine San Salvador vorbeizugehen. Das kostet mich zwar einen Umweg von rund 800 m, aber ich bin halt neugierig und nehme die zusätzliche Strecke in Kauf. Über einen kühlen Waldweg gelange ich über Hohlwege und an einer knorrigen, uralten Kastanie vorbei zur bereits von außen verfallen aussehenden Kirche. Durch eine kleine Öffnung im Portal kann ich ins Innere blicken. Während die Rückwand im Chor noch Farbreste aufweist, sind die Wände im Schiff dunkel verfärbt. Neben einem steinernen Sarkophag oder vielleicht auch einem Altar sind noch drei Bänke als einziges Inventar zurückgeblieben.

Wieder zurück auf dem Originalweg geht es zunächst weiter auf einer Nebenstraße. Im Verlauf folgt eine kurze Steigung - die einzig nennenswerte am heutigen Tag - und anschließend eine Hauptverkehrsstraße, auf deren Randstreifen ich rund 1,5 Kilometer bleiben muss. Zum Glück bleibt trotz rasender LKW dieser gefährliche Abschnitt ohne Zwischenfälle und ist bald vorüber. Ich kann endlich nach rechts auf eine kleinere Nebenstraße einbiegen und laufe schon bald auf naturbelassenen Wege, vornehmlich im schattigen Wald. Die Entfernungsangabe eines Monolithen weist mich darauf hin, dass ich nur noch 105 Kilometer bis Santiago de Compostela laufen muss. Aber nicht deswegen komme ich ins Staunen. Um den Stein herum hat sich die spanische Familie breitgemacht, die heute Morgen in der Herberge den großen Zirkus beim Verpacken der Rucksäcke gemacht hat. Sie sehen alle ziemlich geschafft aus und ich frage mich, was die vier in den vergangenen dreieinhalb Stunden so geschafft hat.

Mit Lugo erreiche ich demnächst zum ersten Mal seit Oviedo wieder eine etwas größere Stadt. Man merkt das auch schon an dem zunehmenden Lärm der nahegelegenen Verkehrswege, zum Beispiel einer Autobahn, die ich in diesem Moment überquere. Kaum gehe ich durch ein etwas heruntergekommenes und anscheinend auch kaum bewohntes Dörfchen, kann ich in der Ferne die modernen Hochhausbauten von Lugo erkennen. Diese unterscheiden sich extrem von den urigen Dörfchen mit ihren massiven Steinhäusern, die ich in den letzten Tagen zu Gesicht bekommen habe. Wesentlich größere Bedeutung hat für mich der jetzt gleich und hoffentlich erscheinende 100 km-Monolith, der für Jakobspilger immer etwas Besonderes darstellt. Diese Entfernung stellt die Schwelle dar, um in Santiago im Pilgerbüro auch die Compostela zu erhalten. Ich warte jedoch vergebens. Dafür geht es durch eine moderne, sehr belebte Stadt aufwärts durch laute Straßen. Das gefällt mir nach den vergangenen ruhigen Tagen überhaupt nicht. Aber ich vermute mal, dass sich das alles gleich ändert, wenn ich die komplett erhaltene mittelalterliche Stadtmauer erreiche.

Und so ist auch. Am der Puerto de San Pedro, dem östlichen Stadttor finde auch meinen ersehnten Stein - zwar nicht mit der Zahl einhundert, aber dafür mit Kilometerangabe 99,583. Dahinter findet ein pulsierendes Leben in schmalen Gassen, auf großzügigen Plätzen, in Geschäften und Bars oder Restaurants statt. Und mittendrin ist die moderne Pilgerherberge platziert. Da ich dort bereits um 12:00 Uhr als erster eintreffe und eine Stunde zu früh dran bin, erkunde ich schon einmal die Stadt und die Kathedrale. Die Architektur der Kathedrale ist sehr interessant. Wenn man sich den Grundriss genauer betrachtet, stellt man fest, dass man hier eine Kirche in der Kirche vor sich hat. Um den Bereich der ursprünglichen, Kirche hat man später einfach eine weitere Hülle drum herum gebaut. Der Raum dazwischen dient vor allem als Umlauf zwischen Hochaltar und den angebauten Seitenkapellen. Neben der Kathedrale ist die vollständig erhaltene, circa zwei Kilometer lange römische Stadtmauer aus dem 3. Jahrhundert sehens- und erlebenswert sowie begehbar.

Auf dem Rückweg zur Herberge entdecke ich einen Hinweis auf einen Pilgergottesdienst, der um 20:00 Uhr in der Kathedrale gefeiert wird. Auch auf dem Kirchplatz wird gefeiert – dort findet am Abend ein Folklorefestival statt. Ich beziehe mein Bett in der Herberge, wasche meine Wäsche und kaufe mir in einem Supermarkt ein paar Kleinigkeiten für das Abendessen ein. Das Haus ist gut gefüllt und ich treffe wieder viele Bekannte: Lisa, Antonio, Gonzalo und die Pilgerfreunde aus Moskau und Südkorea sowie zwei Kanadier.

Auf dem Weg zur Gottesdienst treffe ich vor der Kathedrale noch einmal Thorsten, der morgen wieder auf den Camino del Norte gehen wird. Kurz darauf sehe ich Marcel, der mich zum Pilgergottesdienst begleitet. Wir nehmen in der inneren Kirche im überfüllten, historischen Chorgestühl Platz. Die Pilgermesse fällt allerdings heute Abend aus. Ich verstehe zwar so gut wie nichts, aber wir werden Zeuge bei der Aufnahme eines jungen Kanonikers in das Kathedralkapitel. Im Anschluss findet dennoch ein Gottesdienst mit Diözesanbischof Alfonso statt, von dem ich auch die Kommunion empfangen darf. So geht ein schöner Tag mit überragendem Abendprogramm zu Ende.