You´ll Never Walk Alone

Sonntag, 17. Juni 2018: Von Fonsegrada nach Castroverde

Um 7:45 Uhr beginne ich meinen siebten Pilgertag. Marcel ist schon etwas früher losgegangen. Heute gibt es zwar keinen Nebel, dafür ziehen dunkle Wolken über das Land hinweg, die aber in circa zwei Stunden dann der Sonne entweichen sollen. Die Berge rund um mich herum sind heute nicht sichtbar, sondern mit einem dichten Wolkenband verhangen. Es ist wie in vergangenen Tagen noch etwas frisch, dazu weht ein leichter Wind, sodass ich wieder einmal mit einem langen Hemd starte.

Es ist schon erstaunlich, in welch kurzer Zeit sich die Umge-bung verändert. Nach nur einer guten Dreiviertelstunde sind die dunklen Wolken komplett verschwunden, und mir gegenüber blinzeln inzwischen auch die Bergspitzen wieder durch ein Wolkenband in den blauen Himmel hinein. Der Wind hat auch deutlich nachgelassen und es ist jetzt äußerst angenehm, durch die galicische Bergwelt zu pilgern. Hin und wieder sieht man jetzt auch in den Dörfern Cruceiros, die mittelalterlichen Pilgerwegweiser.

Momentan bin ich dabei, hinter der Ortschaft Montouto den höchsten Punkt des heutigen Tages auf rund 1000 Metern zu erklimmen, wo sich auch eine kleine Kapelle und ein früheres Pilgerhospital befinden. Die Herberge wurde im 14. Jahrhundert gegründet und war bis zum 20. Jahrhundert im Betrieb. Anhand der Überreste kann man sehr gut nachvoll-ziehen, welche Größe die Anlage früher einmal hatte. Nach-dem ich um 9:00 Uhr den Pass überquert habe, führt mich der Weg wieder in tiefere Gefilde, wo ich in der nächsten Bar ein kleines Frühstück einnehmen werde. Doch bevor es soweit ist, muss ich den ziemlich steilen Abstieg hinter mich bringen, bei dem ich mich immer wieder auf meine Stöcke abstütze. Hier ist es sehr einsam und es herrscht eine Himmelsruhe, nur Vogelgezwitscher und meine Schritte durchdringen die Stille.

Um ziemlich genau 10:00 Uhr mache ich kurz vor Paradavella in der kultigen Bar Casa Mesón eine Frühstückspause und bestelle mir einen Café con leche und ein Boccadillo mit Käse und Schinken. Während ich auf meine Bestellung warte, füllt sich die Bar mit vielen Bekannten: Antonio, Jamar, Marcel und anderen. Aus den Lautsprechern ertönt die Liverpooler Fußballhymne „You'll never walk alone“. Irgendwie passt sie so wunderbar zum Camino, das ist mir bisher gar nicht aufgefallen. Du bist du nicht alleine auf dem Weg, irgendwer ist immer in deiner Nähe, auch, wenn du ihn nicht siehst. Nach einem üppigen Frühstück und fünfunddreißig Minuten Pause geht es wieder auf den Camino. Nur ein paar Kilometer weiter, in A Calzada, steht die kleine Dorfkirche offen - die erste offene Kirche auf dem Camino! Marcel, der gerade in meiner Nähe läuft, und ich gehen hinein und nehmen noch am über-wiegenden Teil des Sonntagsgottesdienstes teil. Außer uns beiden sind noch zwei ältere Damen aus dem Weiler anwe-send. Sonderbar fand ich, dass nur der Priester kommuniziert hat, nicht aber die Gottesdienstbesucher. In einer Nische entdecke ich eine Jakobusfigur, die aber bereits die meiste Farbe im Laufe der Zeit verloren hat. Sie sah zu ihrer besten Zeit sicherlich einmal richtig schick aus.

Die Mittagssonne wird jetzt intensiver, doch der Camino verläuft zum Glück gerade auf schattigen Waldwege. An dem nächsten Gehöft winkt mir bereits Thorsten zu. Er hat mit Katja, einer Pilgerin aus Tschechien, am ehemaligen Pilgerhospiz auf dem letzten Pass im Freien übernachtet. Kurz danach erwartet mich ein Anstieg, wie ich ihn bisher noch nicht auf dem Camino erlebt habe. Ich habe das Gefühl, der Steigungsgrad nimmt Schritt für Schritt zu. Irgendwie fühle ich mich richtig fertig, und dann fliegt auch noch Thorsten an mir mit lockerem Schritt vorbei und lächelt mich dabei total entspannt an. Unmittelbar nach dem Ende des Anstieges befindet sich in A Lastra eine kleine Bar, wo ich freudestrahlend ein Bier bestelle. Und da das Glas vorher im Eisschrank war, bilden sich darin rasch Bierkristalle.

Kaum ist das eiskalte Bier verdampft, steht die nächste Her-ausforderung in Form eines weiteren, langgezogenen Anstie-ges an. Dieser bringt mich zum Alto do Fontaneira auf 936 Meter Höhe. Das Fordernde neben der Steigung ist auf diesem Abschnitt die senkrecht stehende Mittagssonne, die teilweise durch hochstehende Bäume etwas abgemildert wird. Noch ein paar Schritte an einer Landstraße entlang und ich erreiche Fontaneira, wo ich mir die Möglichkeit auf eine Erfrischung in einem ehemaligen mittelalterlichen Hospital nicht entgehen lasse. Das alkoholfreie Bier ist hier so gut gekühlt, dass es in seinem festen Aggregatzustand gar nicht aus der Flasche fließen will.

Die nächsten Kilometer nach O Cádabo verlaufen relativ unspektakulär auf breiten Feldwegen, die aber ungeschützt in der prallen Sonne liegen. Der Ort liegt zudem in einer Senke, dementsprechend geht es zunächst einmal ordentlich abwärts, um anschließend wieder auf einen weiteren Pass von rund neunhundert Metern Höhe anzusteigen. Es ist dies nun schon der vierte heftige Anstieg am heutigen Tag und es wird hoffentlich der letzte sein. Schließlich erreiche ich eine Hinweistafel, die über zwei verschiedene Wegvarianten informiert. In dem Moment kommen gerade Thorsten und Katja vorbei. Die beiden sind auch der Meinung, dass der längere Weg der schönere und einfachere ist. Auch hier geht es natürlich zunächst noch einmal leicht aufwärts, allerdings darf ich das meiste zu meiner Erleichterung in der Abwärtsbewegung durchgeführt. Es geht an

In der Ferne kann ich eine größere Stadt sehen und gehe da-von aus, dass es sich hierbei um Lugo handelt. Dort werde ich morgen übernachten. Zunächst muss aber noch ein paar Kilometer in der Hitze hinter mich bringen. Nach einem Stückchen durch einen Wald biege ich nach links ab und passiere die Capilla Nuestra Señora del Carmen und erreiche das Örtchen Villabade. Danach geht es noch auf einer kaum befahrenen Straße bis nach Castroverde, wo ich gegen 15:30 Uhr in der öffentlichen Herberge eintreffe. Bilanz des Tages: 30 km, 831 positive und 1132 negative Höhenmeter. Es sind schon einige Pilger vor mir da und liegen schon erschöpft in den Betten. Ich ergattere noch ein unteres Bett und beschäftige mich mit Körper- und Kleiderreinigung.

Neben Katja und Thorsten ist auch Marcel hier untergekom-men. Ich habe jetzt nur noch Durst, Durst und Hunger und suche mir mit Marcel eine Bar. Dort trinken wir nur ein Bier und wechseln dann die Örtlichkeit. In einer Seitenstraße tref-fen wir Katja und Thorsten, die sich gerade die Premiere der deutschen Nationalmannschaft bei der WM ansehen. Wir dürfen uns dazu setzen und essen dort auch zu Abend. Ich bestelle mir heute eine Platte mit Chorizo, Salat und Pommes. Da die Herberge um 22:00 Uhr schließt, müssen wir zeitig wieder zurück sein, die meisten schlummern schon vor sich hin.