Berg- und Talpilgern

Freitag, 15. Juni 2018: Von Berducedo nach Castro

Gestern Abend bin ich bereits sehr früh ins Bett gegangen und zunächst über meiner Lektüre eingeschlafen. Doch an einen guten Schlaf war in dieser Nacht nicht zu denken, denn sowohl rechts als auch links hatte ich kräftige Schnarcher in der unmittelbaren Nachbarschaft. Unmittelbar neben mir war das vor allem Fabrizio, ein achtzigjähriger Italiener mit zwei Hüftprothesen. Ich habe eigentlich selten Einschlafprobleme, aber gestern ging gar nichts. Die meiste Zeit lag ich halbwach im Bett und zählte Schäfchen.

Dazu kam noch, dass irgendwer sämtliche drei im Schlafsaal vorhandenen Fenster fest verschlossen hatte. Das Ergebnis am heutigen Morgen: alle Kleidungsstücke und Socken, die ich mir auf einem Stuhl zurechtgelegt hatte, sind teilweise so feucht, dass ich sie gar nicht anziehen kann. An einem Fenster läuft das Kondenswasser tropfenweise an der Scheibe herunter. Wie kann man nur so dämlich sein, mit neunzehn Leuten in einem Raum zu schlafen und dann keine frische Luft hereinzulassen. Also muss ich andere Kleidungsstücke anziehen und den Rest zum Trocknen an den Rucksack hängen. Ziemlich genau um 7:00 Uhr mache ich mich dann an das heutige Tagwerk.

Nach einer Stunde erreiche ich das Örtchen A Mesa, wo ich in der Bar der Albergue de Peregrinos einen Café con leche und ein Schinken-Brötchen zu mir nehme. Hinter dem Ort führt die Straße steil aufwärts und um einen kleinen Bergkamm herum. Hier oben ist es wieder einmal sehr neblig, aber die Temperatur ist relativ angenehm. Links neben mir hört man das leise Surren von Windrädern, aber man sieht sie nicht.

Es dauert jetzt nur noch wenige Schritte, bis ich die Straße an einer großen Hinweistafel verlasse. Diese verweist auf eine etwas längere Umleitung des Weges, da auf dem folgenden Abschnitt vor einem Jahr ein verheerender Waldbrand tobte, dessen Schäden noch nicht beseitigt wären. In meiner begleitenden App „Buen Camino“ steht allerdings das Gegenteil: der Originalweg über Buspol ist sehr wohl wieder begehbar. Ich verlasse mich darauf und auf mein Bauchgefühl und gehe einfach geradeaus den gelben Pfeilen nach. Bald erreiche ich ein mittelalterliches Gehöft, das früher einmal als Pilgerherberge diente. Nebenan befindet dich noch die Capilla de Santa Marina de Buspol. Hier treffe ich einen Pilger aus Wien und wir machen ge-genseitig ein paar Bilder.

Dann wird es Zeit, den heftigsten Abstieg auf dem Camino Primitivo, der mich zum aufgestauten Fluss Navia bringen wird und den ich über die Staumauer überquere. Ich habe das Vergnügen, auf den nächsten circa sieben Kilometern rund 800 Höhenmeter zu verlieren. Leider ist überhaupt keine gute Sicht möglich, der Nebel füllt das komplette Tal aus und lässt keine Ausblicke zu. Die Folgen des Brandes sind noch immer erkennbar. Fast alle Bäume sind im unteren Bereich schwarz und nur die wenigsten habe grüne Spitzen. Doch man sieht auch sehr schön, wie die Natur sich allmählich ihren Lebensraum zurückholt.

Der Camino zieht sich über mehrere Serpentinen abwärts und wird dann auf einem Höhenweg oberhalb des Stausees fortgesetzt. Inzwischen bin ich auch durch die Nebelmauer gedrungen und kann den Stausee erblicken. Um circa 10:30 Uhr bin ich in der Nähe der Staumauer und kann mir von einer Aussichtskanzel die Gegend anschauen. Auf der anderen Seite der Mauer bleibt den Pilgern nun keine Wahl mehr, man muss an der zugegebenermaßen nicht besonders genutzten Straße entlangwandern. Nach den ersten Kehren erreiche ich zeitgleich mit einem spanischen Ehepaar und ihrem Hund das Hotel Las Grandas. Ich glaube, die Frau hat eine Sehbehinderung und wird zeitweise von ihrem Hund geführt. Die zwei alkoholfreien San Miguel schmecken köstlich. Seltsamerweise gibt es alkoholfreies Bier nur in 0,25 l-Flaschen. Um 11:00 Uhr mache ich mich wieder auf den Weg. Ich bleibe auf der Straße, deren Verlauf ich schon auf der anderen Seite einer Bucht weit oberhalb meines aktuellen Standortes erkennen kann. Es geht also wieder einmal schön steil nach oben. Auf der Höhe bekomme ich dann auch einen Eindruck von der enormen Größe des Stausees.

Letztendlich darf ich die Straße wieder verlassen und die letzten Höhenmeter nach Grandas de Salime auf einem schmalen Waldpfad nach oben klettern. Mit Glockenschlag 12:00 Uhr treffe ich im Ort ein und genehmige mir in einer Bar in der Nähe der Pfarrkirche San Salvador noch einmal zwei Alkoholfreie. Die Kirche stellt mit den rund um das Gebäude angebrachten Arkaden eine Besonderheit dar, die ich so noch nie gesehen habe.

Ich verlasse Grandas de Salime über eine Landstraße und zweige etwas später auf einen Wiesenweg ab. Hinter einem Hügel habe ich freien Blick in die Landschaft, der Nebel hat sich jetzt auch ein wenig verzogen, nur der Himmel ist noch ganz nicht wolkenfrei. In der Ferne sehe ich schon mein heutiges Etappenziel Castro mit der Jugendherberge, die auf einem kleinen Hügel thront.

Und dann hätte ich mich beinahe wieder verlaufen. An einem kleinen hübschen Hof folge ich einfach der Asphaltstraße und übersehe dabei einen unscheinbaren, schmalen Pfad im hohen Gras und dahinter auch den Monolithen mit der Jakobsmuschel. Glücklicherweise werde ich durch einen älteren Herrn, der gerade in seinem Garten arbeitet, darauf aufmerksam gemacht.
Immer wieder laufe ich an kleinen Kapellen oder auch in den Ortschaften an Kirchen vorbei, die aber leider verschlossen sind. Die Kapellen haben allerdings meistens ein geöffnetes Fenster, sodass man wenigstens einen Blick hineinwerfen kann. Bisher hatte ich noch nicht einmal die Gelegenheit, ein geöffnetes Gotteshaus anzutreffen. So mache ich eben Ge-brauch von der Kirche, durch die ich jeden Tag laufe und deren Dach der Himmel ist.

Um 13:20 Uhr erreiche ich die wunderschön gelegene und in einem alten Steinhaus eingerichtete Albergue Juvenil de Castro. Ich bin der erste Pilger, der heute eintrifft. Sandra und Natalia bitten mich noch um ein wenig Geduld, da sie sich noch um eine Jugendgruppe kümmern müssen, die in den letzten Tagen hier gezeltet hat und vor dem Aufbruch noch ein Mittagessen bekommen. Dann zeigt mir Sandra, mit der ich gestern telefoniert habe, die im oberen Stockwerk mit je zwei Stockbetten ausgestatteten Zimmer. Ich mache mich direkt im ersten Zimmer breit, ein zweites Bett wird für Lisa freigehalten. Kurz darauf trifft Alessandro aus Stuttgart ein und wir quatschen ein wenig. Im Laufe des Nachmittags treffen noch weitere bekannte Gesichter ein wie Gonzalo, einige Spanier, und auch Fabrizio. Er liegt zum Glück nicht in meinem Vierer-Zimmer.

Lisa und ich nutzen das Angebot, für kleines Geld die benutzten Kleidungsstücke in der Maschine waschen zu lassen. Das Trocknen kann später die inzwischen herausgekommene Sonne erledigen. Gleich werde ich mir noch eine Kleinigkeit zum Essen bestellen. Man kann im Kiosk vorgekochte Speisen kaufen, die in der Mikrowelle aufgewärmt werden müssen. Ich entscheide mich für eine Linsensuppe und ein Pastagericht. Auch die Spanier lassen sich im Untergeschoss der Herberge nieder und essen. Dabei ist mir in vergangenen Tagen vermehrt aufgefallen, dass sie sich in einer unangenehmen Lautstärke ohne Rücksichtnahme auf andere unterhalten. Besonders sticht eine junge Frau hervor, die zudem noch eine eher abstoßende Sprechstimme hat.

Zum Abschluss des Tages schlendere ich noch ein wenig durch das Dorf, wo es etwas außerhalb ein kleines Museum zu der örtlichen Ausgrabungsstätte einer frühzeitlichen Festung gibt. Danach sammele ich meine bereits trockene Wäsche ein und packe schon einmal grob meinen Rucksack für den morgigen Tag. Schließlich siegt wieder die Müdigkeit und ich begebe mich in meinen Schlafsack. Nach nunmehr knapp 140 Kilometern auf dem Camino Primitivo habe ich lediglich ein paar Probleme an der linken Seite im Bereich des Beckens. Ich habe wahrscheinlich letzte Nacht durch die Schlaflosigkeit nicht gut gelegen. Beim Laufen merke ich zum Glück nichts davon.