Traumhafte Aussichten

Donnerstag, 14. Juni 2018: Von Borres nach Berducedo

Mein Rucksack ist heute deutlich schwerer wie noch am gestrigen Tage. Nach dem Abendessen habe ich mir noch eine große Flasche Wasser und ein Brot gekauft, da es heute keine Einkaufsmöglichkeit gibt. Um 7:15 Uhr bin ich abmarschbereit. Die ersten Pilger haben allerdings schon einige Zeit vor mir die Herberge verlassen. Zunächst geht es steil aufwärts, dann über einen Waldweg weiter bis zur Wegetrennung der beiden Routen. Ich habe mich bereits von Anfang an für die Routa de Hospitales entschieden, die zwar den direkten Weg über Pass und Berg nimmt, aber auch an drei Ruinen von historischen Pilgerhospitälern vorbeiführt.

Der Camino führt mich momentan durch Heidelandschaft, es ist noch angenehm kühl und es Nebel liegt über der Land-schaft. Überall sind Spinnweben gespannt, in denen sich kleine Wassertropfen verfangen haben. Ich bin frohen Mutes, dass sich der Nebel verzogen hat, wenn ich auf der Höhe angekommen bin. In La Mortera schaue ich mir zunächst die Capilla de San Pascual aus dem 16. Jahrhundert an. Der kunstvoll geschnitzte Altar sieht sehr vernachlässigt und heruntergekommen aus. Vereinzelt ist noch die Farbe vorhanden und lässt ungefähr erahnen, in welcher Pracht er einmal in der Vergangenheit erschien.

Unmittelbar hinter der Kapelle beginnt der Weg kräftig an zu steigen. Zum ersten Mal fließt heute richtig der Schweiß. Auf einmal taucht aus dem Nebel eine Gestalt auf, die sich rasch als Lisa entpuppt. Bevor sie die Höhe erklimmt, möchte sie in La Mortera noch frühstücken, es soll dort eine geöffnete Bar geben. Ich ziehe weiter und werde es heute etwas gemütlicher angehen lassen, da doch sehr viele Höhenmeter zu bewältigen sind, die mich letztendlich auf rund 1220 Meter bringen werden. Auch der Abstieg ist nicht zu verkennen, der wird ebenfalls Konzentration und Energie erfordern.

Gegen 8:20 Uhr wird es hinter meinem Rücken deutlich heller, die Sonne kommt zum Vorschein. Ich habe die berechtigte Hoffnung, dass es nun nicht mehr allzu lange dauert, bis die Nebelwand verschwindet. Nur zehn Minuten später und ein paar Höhenmeter weiter ist es dann tatsächlich geschehen und über mir ist nur blauer Himmel zu sehen. Es geht stetig bergauf, aber die wirklich herausfordernde Steigung erwartet mich erst in ein paar Kilometern. Der Nebel will den Kampf mit der Sonne anscheinend noch nicht ganz aufgeben und zieht in kleine Fetzen weiter in höhere Regionen, wo er sich dann doch ins Nichts auflöst. Das unter mir liegende Tal ist nun mit Wol-ken gefüllt wie eine Badewanne mit Wasser. Es ist ein impo-nierendes Bild.

Nach knapp sieben Kilometern bin ich auf etwa 1000 Meter Höhe angekommen. Hier mache ich eine erste keine Rast und nehme einen Schluck Wasser zu mir. Es ist hier oben total einsam: Grün soweit man sehen kann, vereinzelt Bäume, weidendes Vieh, deren Kuhglocken läuten. Ansonsten ist es so still, dass man sogar das Summen von Insekten deutlich hören kann. Wenige Schritte hinter der Passhöhe erreiche ich ein Hinweisschild, das auf die Ruinen des Hospitals de Paradiella aus dem 15. Jahrhundert erinnert. Von der Ruine ist allerdings bis auf einen Steinhaufen nicht viel übriggeblieben. Es geht weiter, an einer Herde grasender Pferde und dann auf einem mit Geröll versehenen Pfad steil aufwärts. Neben dem Weg liegen mehrere bis auf die Knochen abgenagte Überreste von Rindern herum

Es folgt noch ein kurzer, aber knackiger Anstieg und dann habe ich um circa 9:40 Uhr das Dach des Camino Primitivo erreicht. Von dem hier errichteten Monolithen habe ich einen wunderschönen Ausblick auf den bisher zurückgelegten Weg. Kurz darauf erreiche ich die Ruinen des Hospitals de Fonfaraon aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Diese „Herberge“ kann man tatsächlich noch einigermaßen anhand der vorhandenen Gebäude erkennen und anscheinend übernachten heute immer noch Pilger auf einer provisorisch auf Stein eingerichteten und mit Reisig versehenen Liege.

Nach einem letzten kurzen Anstieg geht es allmählich Stück für Stück abwärts, aber sehr moderat. Ich laufe mitten durch Rinderherden und habe jeden Augenblick den Eindruck, hinter der nächsten Ecke befindet sich eine Almhütte, in der man einkehren kann. Der Weg führt großzügige um einen Talkessel am Hang entlang. Es ist ein wunderbarer Blick, der sich einem bietet und dem man sich nur für wenige Augenblicke entziehen kann. Auch auf meiner rechten Seite zeigt sich die Bergwelt Asturiens von ihrer freundlichsten Seite und bietet eine schier unendliche Sicht in die Ferne.

Es geht auf dem Pfad ständig im Wechsel auf und ab. Dann mache eine Entdeckung über mir. Dort kreisen vier Greifvögel mit einer sehr großen Spannweite. Es scheinen Geier zu sein. Es werden immer mehr und schließlich dürften es circa zwanzig sein. Sie fliegen zum Teil in solcher Tiefe über mir hinweg, dass ich das wirklich sehr leise Schlagen der Flügel hören kann. Welch ein anmutiges Naturschauspiel ich geboten bekomme, wie majestätisch sich die Vögel in der Luft bewegen. Nach nur wenigen Minuten sind sie aber wieder genauso plötzlich verschwunden, wie sie gekommen waren.

Schließlich erreiche ich den Puerto de Pablo auf 1146 Metern Höhe, wo sich die traditionelle Routa de Hospitales mit der neuen Wegvariante von Pola de Allande vereinigt. Von hier sollte es nur noch abwärts bis zum Tagesziel Berducedo ge-hen, jedoch ist das nur mein Wunschdenken. Ja, es geht zu-nächst tatsächlich auf einem mit Schotter übersäten Weg am Hang steil abwärts. Ich bin froh, dass ich diesen unbeschadet überstehe und nur wenig später das kaum noch bewohnte Bergdorf Montefurado mit seiner kleinen Jakobus-Kapelle erreiche. Dahinter muss ich noch einmal über einen steilen Pfad aufwärts steigen. Das Schlimme dabei ist, ich sehe ganz konkret vor mir, wo ich noch hinmuss. Aber auch das ist bald geschafft und es geht wieder steil abwärts bis zu einer Landstraße. Unterhalb der Straße führt mich ein meist im Schatten liegender Pfad nach Lago.

Aber auch dort gibt es keine Möglichkeit, etwas zu trinken. So muss ich dann tatsächlich bis Berducedo laufen. Am Ortseingang befindet sich die öffentliche Herberge, die wie in Borres in einer alten Schule eingerichtet wurde. Das möchte ich heute nicht ein zweites Mal hintereinander haben. Ich habe nichts gegen einfache Herbergen, aber manchmal darf es auch ein bisschen mehr sein. Gerade nach dem heutigen, sehr anstrengenden Tag sollte ich mir etwas gönnen. Mitten im Ort treffe ich zunächst Maria und ihre Freundin, danach beziehe ich in der relativ neuen Herberge Camino Primitivo noch ein Bett in einem großen Schlafsaal. Die meisten der rund zwanzig Übernachtungsmöglichkeiten sind bereits für eine große Gruppe vorreserviert. Später treffe ich in einer Bar im noch Gonzalo und Lisa, die beide in der öffentlichen Herberge übernachten.

Nachdem ich die durchgeschwitzte Kleidung gewaschen und in die Sonne gehängt habe, setze ich mich bei kühlem Estrella 0,0 auf die Terrasse und mache meine täglichen Notizen für das Tagebuch. Währenddessen rufe ich für Lisa und mich in der Jugendherberge in Castro wegen einer Reservierung an, damit wir morgen auch tatsächlich ein Bett sicher haben. Es sind inzwischen immer mehr Pilger unterwegs und Castro hat mit sechzehn Betten keine große Kapazität. Kurz darauf gesellt sich Jamar aus Wiesbaden zu mir. Er ist Deutsch-Afghane und wir sind uns direkt sympathisch. Die Zeit vergeht, während wir bestimmt eine ganze Stunde über Gott und die Welt quatschen. Dann wird es Zeit, etwas zu essen. Ich wähle das Pilgermenu hier im Haus. Es gibt zuerst eine (volle!) Terrine Gemüsesuppe, danach Pommes, Salat und Putensteaks. Nach dem üppigen Essen mache ich mich fertig für die Nacht, ich bin jetzt nur noch müde.