Wassergräben und Schlammlöcher

Mittwoch, 13. Juni 2018: Von Bodenaya nach Borres

Das kann heute nur ein guter Tag werden. Um Punkt 7:00 Uhr werden wir mit einem „Ave Maria“ aus den Lautsprechern sanft geweckt. So allmählich kommt Bewegung in die Herberge, und auch ich stehe sofort auf und kümmere mich um meine Sachen. Zunächst gehe ich nach unten und finde dort in der sorgsam gefalteten, aufgereihten und vor allem sauberen Wäsche auch meine Kleidungsstücke, die ich gestern zum Waschen abgegeben habe. Nachdem ich meinen Rucksack verpackt habe, nehme ich ein kleines Frühstück zu mir. Um 7:45 Uhr bin ich abmarschbereit. Ich verabschiede mich von David, der anscheinend keinen seiner Gäste loslassen möchte. Es war mir eine sehr große Freude, ihn kennengelernt zu haben und in seiner Herberge übernachten zu dürfen. Hier lebt Camino-Atmosphäre, wie man sie sich wünscht. Der Aufenthalt in Bodenaya wird mir für die nächsten Tage Kraft und Motivation geben.

Als ich schließlich aus der Herberge trete bin ich erstaunt, denn am Himmel sind nur noch vereinzelt Wolken und relativ viel Blau zu sehen. Ich bin frohen Mutes, dass trotz der Vorhersage von gestern das Wetter einigermaßen mitspielt und es auch ohne Nebel einiges zu sehen gibt. Zunächst geht es einmal mehr über matschige Wege, so dass meine Schuhe bald wieder eher braun als grau aussehen. An einer kleinen Einsiedelei in La Pereda bin ich noch so in Gedanken, dass ich die Markierung falsch interpretiere und einfach geradeaus weitergehe, anstatt nach rechts abzubiegen. Doch schon an der nächsten Kreuzung finde ich keinen der ansonsten überall platzierten Monolithen und stelle meinen Fehler anhand meiner Daten fest. Zum Glück war ich nur ein sehr kurzes Stückchen in der falschen Richtung unterwegs. Wieder zurück an der Einsiedelei entdecke ich auch die Markierung und folge ihr. Direkt dahinter passiere ich ein Haus, das mit hübschen Bildern aus Muscheln verziert ist. Nach einer guten Stunde Gehzeit gelange ich in Bedures an einen umgebauten asturischen Horrero, in dem eine Pilgerrast eingerichtet wurde. Dort gibt es auch Getränke- und Snackautomaten, denen ich eine Dose Elektrolytgetränk entnehme.

Der Camino führt mich nun über schattige Wald- und Hohl-wege ohne großartige Höhenunterschied, die doch aber immer wieder durch matschige Abschnitte unterbrochen werden. Ich warte eigentlich nur darauf, dass ich einmal mit einem ganzen Fuß im Matsch versinke. Beinahe zum Problem wird dann seltsamerweise die Überquerung eines Baches, der mitten über den Weg kreuzt. Ausgerechnet hier rutsche ich auf einem Stein aus und hole mir beinahe nasse Füße. Doch zum Glück ist die Imprägnierung meiner Schuhe noch so intakt, dass keine Feuchtigkeit durch das Obermaterial eindringt.

Bald tut sich vor mir die nächste Matschprüfung auf, und wenn ich das richtig überblicke, auf einer Länge von rund 150 Metern. Es ist nirgendwo eindeutig erkennbar, wo sich bereits andere Pilger ihren Weg gebahnt haben. Also entscheide ich mich für die linke Seite. Nur ganz selten entdecke ich vor mir einen Stein, auf den ich einen Fuß sicher abstellen kann. Ansonsten muss ich mich mit meinen Stöcken so abstützen, dass ich einen großen Schritt machen kann. Das glückt nicht immer. Hin und wieder rutsche ich auch einmal ab und versinke fast bis zum Knöchel im Schlamm. Einmal verliere ich doch kurz den Halt und lande mit meinem linken Arm glatt in einem Stacheldrahtzaun. Es ist aber nichts passiert, ich habe mir keine Verletzung zugezogen und auch mein Rucksack musste nicht leiden. Irgendwie komme ich aus dieser Matschgrube heil heraus. Ich hoffe, dass der Matsch jetzt allmählich weniger wird, allerdings befürchte ich das Gegenteil.

Gegen 10:45 Uhr erreiche ich Tineo und laufe an der Rochus-Kapelle vorbei und durch eine kleine Allee in die Stadt hinein. Dabei komme ich an einer Pilgerstatue aus Stahl vorbei, die ich natürlich auf einem Foto festhalten muss. Inzwischen haben die Wolken wieder etwas zugenommen, doch es herrscht eine angenehme Temperatur mit guten äußeren Bedingungen für den heutigen Pilgertag. Von Tineo bekomme ich nicht viel mit, da ich die Stadt nur streife. Ich finde sie, aus der Entfernung betrachtet, mit ihrer dichten Bebauung auch nicht gerade attraktiv.

Nach einem asphaltieren Abschnitt steigt der Weg um rund 300 Höhenmeter an und ist fast ständig mit einem breiten Rinnsal und dem gewohnten Schlamm versehen. Ich bin verwundert, dass ich trotzdem gut vorankomme. Zu meiner Freude geht es nun auf den nächsten Kilometern wieder leicht abwärts. Zwei Kilometer vor Campiello treffe ich in einem Waldstück Lisa sowie Marie aus dem Schwarzwald und ihre sehr gut Deutsch sprechende spanische Freundin. Wir laufen gemeinsam weiter, zunächst eine Weile entlang einer ansteigenden Landstraße, die aber nicht stark befahren ist. In Campiello gönnen wir uns einer Bar ein kühles Bier und ich kaufe noch ein paar Kleinigkeiten für den morgigen Tag ein. Lisa ist inzwischen schon aufgebrochen, aber sie hat ihren eigenen Schritt drauf, den ich nicht aufnehmen möchte.

Nach rund zweihundert Metern bemerke ich, dass ich meine Stöcke in der Bar vergessen habe und kehre noch einmal um. Die beiden Freundinnen haben sich für die Südvariante ent-schieden und haben jetzt noch rund dreizehn Kilometer bis Pola de Allande vor sich. Ich hingegen werde in Borres über-nachten und morgen über die Routa de Hospitales gehen. Bis Borres laufe ich noch einmal an der Landstraße entlang und als krönenden Abschluss noch einmal durch Matsch. Bevor ich in die Herberge gehe, muss ich zu einer Bar weiterlaufen, um mich anzumelden. Dort werde ich am Abend auch etwas zu essen bekommen. Gegen 15:00 Uhr treffe ich in der einfachen Albergue Santa Maria de Borres ein, die in einer alten Schule eingerichtet wurde, und suche mir mein Bett aus.

Die meisten der Doppelstockbetten sind bereits belegt, aber ich kann noch eines der unteren ergattern. Ein Bett hat sogar drei Stockwerke und ist mit einem Zettel versehen: „Nur für Alpinisten“. Dann wird es Zeit, meine Schuhe vom Dreck zu befreien, zu waschen und zu duschen. Als ich damit fertig bin, tauchen auch noch nacheinander Thorsten und Lisa auf und bekomme noch ihr Bett. Außerdem sind in der Herberge neben einem Ehepaar aus Franken noch Gäste aus Italien, Spanien, Russland und Argentinien vor Ort. Da es in Borres sonst nichts Lohnendes gibt, nutze ich die Zeit - wie die meisten anderen auch - um mich ein wenig auszuruhen.

Am Abend gehe ich mit dem russischen Pilger, der aus Mos-kau stammt, und Thorsten in die kleine Bar zum Abendessen. Es gibt ein günstiges Pilgermenü mit einer leckeren Gemüsesuppe, Tomaten mit Sardinen und Tortilla. Dazu leeren wir zwei Flaschen Sidra. Unser russischer Pilgerfreund spricht nicht besonders gut Englisch, seine Kenntnisse stammen lediglich aus Computerspielen. Deshalb benutzt er hin und wieder ein Übersetzungsprogramm. Trotzdem funktioniert die Verständigung ganz gut.