Unverhofft Vizemeister

Montag, 11. Juni 2018: Von Oviedo nach Grado

Die Nacht habe ich gut verbracht, auch wenn ich hin und wieder einmal wach geworden bin. Um 6:30 Uhr stehe ich auf und mache mich für den ersten Pilgertag fertig. Da es zurzeit noch recht frisch ist und der Himmel sich hinter grauen Wolken versteckt, bevorzuge ich ein langes Hemd. An der Rezeption hole ich mir meinen ersten Stempel und begebe mich auf den Weg zur nahe gelegenen Kathedrale San Salvador, die zwischen 1388 und 1539 erbaut wurde. Dort treffe ich auch schon den ersten Pilger, einen Spanier, den ich danach nie wiedergesehen habe. Er bittet mich, ein Foto von seinem Camino-Start vor der Kathedrale zu machen. Gerne erfülle ich ihm den Wunsch. Er bedankt sich, zieht flotten Schrittes von dannen und lässt mich in der Einsamkeit des großzügig angelegten Platzes vor der Kathedrale zurück.

Um 7:15 Uhr marschiere ich selbst los, und folge den bronze-nen Muscheln auf dem Boden, die mir den Weg aus Oviedo weisen. Noch in der Stadt treffe ich auf zwei weitere Pilger aus Spanien. Ich bin gespannt, wie stark der Weg belaufen ist. Schließlich verlasse ich den ausgewiesenen Weg, und gehe auf die Alternativroute zu den beiden romanischen Kirchen Santa María del Naranco und San Miguel de Lillo aus dem 9. Jahrhundert. Auch dieser Weg scheint markiert zu sein - jetzt allerdings mit gelben Pfeilen; dachte ich zumindest für einen Augenblick - es war letztlich nur ein einziger. Ich schaue ersatzweise auf die GPS-Daten, die ich mir auf meinem Handy in die App Locus Map Pro geladen habe. Damit habe ich schon längere Zeit sehr gute Erfahrungen gemacht und kann sie nur empfehlen. Im Regelfall sollte man auf dem Camino Primitivo mit den vorhandenen Markierungen gut zurechtkommen, aber ich brauche in letzter Hinsicht noch eine zusätzliche Absicherung.

Auf den Glockenschlag um 8:00 Uhr verlasse ich die Randgebiete von Oviedo in einen aufgeweichten Wiesenweg. Schon bald erreiche ich das präromanische Bauwerk Santa María del Naranco, das ursprünglich als Belvedere einer Palastanlage des asturischen Königs Ramiro I. errichtet. San Miguel de Lillo war die eigentlich Palastkapelle der Anlage und wurde durch einen Erdrutsch im 12./13. Jahrhundert so stark beschädigt, dass sie nicht mehr genutzt werden konnte. Deshalb wurde das Belevedere zur Kirche umgebaut. Allmählich verschwinden die Wolken und lassen die Sonne durch die entstehenden Lücken. Dadurch erstrahlen die beiden historischen Gebäude gleich in freundlicheren Farben. Hinter den Kirchen, die leider noch verschlossen sind, wandere ich auf einer kleinen, kaum befahrenen Straße durch inzwischen sehr ländliches Gebiet. Es gibt hier nur noch vereinzelt Häuser, viele Weideflächen und hin und wieder auch ein paar Rinder und Ziegen, die mich um diese Uhrzeit noch ein wenig verwundert ansehen.

Aufgrund der starken Regenfälle von gestern sind die Wege zum Teil überflutet und auf der Straße kommt mir von den Hängen immer wieder ein Wasserschwall entgegen. Ein paar wenige Schritte vor der der Capilla del Carmen entdecke ich den ersten Monolithen mit einer Jakobsmuschel und treffe so wieder auf den markierten Camino Primitivo. Im überdachten Vorraum der Kapelle bekomme ich meinen ersten richtigen Pilgerstempel, der sich in einem Kästchen neben dem versperrten Zugang befindet.

Gegen 10:30 Uhr oder nach rund 14 Kilometern bekomme ich allmählich Hunger. In Escamplero finde ich in der Nähe eines Hauses einen Hinweis auf die Bar El Tendejón de Fernando, die ich aber zunächst nicht ausmachen kann. Erst nachdem ich die Straße in eine abfallende Einfahrt verlasse, entdecke ich im Untergeschoß des Hauses die Bar. Ich gönne mir einen Café con leche, ein Ei-Schinkenbrötchen und ein Glas Mineralwasser. Außerdem kaufe ich noch zwei Flaschen Wasser, da ich meine letzten flüssigen Vorräte gestern Abend und in der Nacht aufgebraucht und bisher noch keine Einkaufsmöglichkeit hatte. Da habe ich für die nächsten Tage noch eindeutig Nachbesserungsbedarf, denn durch das Fehlen von Wasser habe ich dementsprechend viel zu wenig getrunken.

Eine gute halbe Stunde später bin ich wieder unterwegs. Es geht noch ein kurzes Stück über eine kleine Straße und danach durch kühlen Wald und an Wiesen vorbei. Es herrschen jetzt frühlingshafte Temperaturen und es weht eine angenehme leichte Brise. Sobald man allerdings den Wald verlässt, ist die Sonne da und die Temperatur steigt gefühlt um 10 Grad an. Inzwischen sind die Wolken gänzlich verschwunden und der Himmel ist in einem angenehmen Blauton gefärbt.

Es ist hier sehr einsam. Die Geräuschkulisse ist Natur pur. Man hört Wasserrauschen, Vogelgezwitscher, das Brüllen von Rindern und hin und wieder auch einmal eine Grille zirpen. Und wenn man die Nase gut im Wind hat, riecht es sogar nach Eukalyptus. Es geht ständig auf und ab, mal auf ruhigen Landstraßen, mal durch kleine Dörfer mit alten, aber gemütlich erscheinenden Häusern, aber dann auch wieder über kleine Pfade durch Gottes wunderbare Schöpfung. Auf einem solchen Pfad tummeln sich vor mir lauter kleine Eidechsen, die sich genüsslich in der Sonne baden, aber rasch die Flucht ergreifen.

Es folgt nun ein Wegabschnitt, der in großen Teilen überflutet ist. Ich bin froh, dass ich meine Stöcke dabeihabe, mit denen ich mich gut abstützen muss, denn ich kann nur breitbeinig den wasserführenden Weg passieren. Unmittelbar danach gibt es auch wieder Zivilisationslärm in Form einer parallel verlaufenden Autobahn. Hier geht es nun ein Stück entlang des Rio Nalón, der über ein Wehr in die Tiefe stürzt und ebenso lärmt. Ich überquere den Fluß über eine mittelalterliche Brücke, deren Ursprünge im 12. Jahrhundert liegen, und werde kurz darauf in Peñaflor wegen Bauarbeiten auf eine nicht so schöne Umleitung entlang einer Straße nach Grado geleitet. Auf diesem Abschnitt überhole ich noch drei sehr langsame Pilger (wie ich später erfuhr, Lisa aus Belgien und Gonzalo aus Spanien). Ich muss noch um ein paar Ecken laufen und erreiche um 13:15 Uhr die öffentliche Pilgerherberge von Grado, die über sechzehn Betten verfügt, aber erst um 14:00 Uhr öffnet. Ich bin allerdings verwundert, dass erst ein Japaner vor mir da ist, obwohl ich von mindestens fünf Pilgern auf der Strecke überholt wurde. Alle Sorgen während der ersten Etappe über die Verfügbarkeit eines Bettes für mich waren wieder einmal unnötig. Ich lasse mich auf einer niedrigen Mauer vor der Herberge nieder und schaue mir die zurückgelegte Strecke auf meinem Handy an. Inzwischen treffen Lisa, Gonzalo und weitere Pilger ein.

Die Herberge öffnet pünktlich ihre Pforten. Wir werden von den Hospitaleros Victoria und John aus den USA aufgenom-men, erhalten gleich zwei Stempel und werden über den Tagesablauf informiert. Ich suche mir mein Bett im Schlafsaal, der sich im Obergeschoß befindet, aus und wasche meine verschwitzen Kleidungsstücke. Danach geht es unter die Dusche. Um 17:00 Uhr gibt es eine Happy Hour, bei der Sangria und Snacks angeboten werden. Dabei unterhalte ich mich mit Rudi aus Hüttenberg, Brian aus Irland und Chiara aus London.

Wermutstropfen des heutigen Tages: irgendwie muss mein zweites Handy, mit dem ich mich auf dem Weg orientiere, verschwunden sein. Ich hatte es beim Warten vor der Herberge noch genutzt und die heutigen Daten abgespeichert, danach verliert sich die Spur. Ich vermute, dass ich es auf den Rucksack gelegt habe. Dann ist es wohl beim Aufstehen unbemerkt heruntergefallen. Shit happens. Ein Koreaner gibt mir den Tipp für eine App, mit der man sein Handy auffinden kann. Die App funktioniert, aber mein abtrünniges Mobiltelefon ist anscheinend gefunden, mitgenommen und inzwischen ausgeschaltet worden und somit nicht mehr erreichbar.

Ich laufe später noch einmal durch die Stadt, aber heute hat hier kein Geschäft geöffnet, da gestern ein großer Markt mit verkaufsoffenem Sonntag stattfand. Deshalb bin ich froh, wenigstens einen Automaten gefunden zu haben, aus dem ich für heute und vor allem für den morgigen Tag Getränke erhalte.