Jakobus hat geholfen

Donnerstag, 14. Juli 2016: Santiago de Compostela

Abreisetage haben immer etwas Melancholisches an sich. Alle Tätigkeiten, die in den letzten Wochen zur Routine wur-den, führe ich an solchen Tagen zum letzten Mal aus. Ich versuche, aus dieser Situation auszubrechen und die letzten Stunden in Santiago mit Abwechslung und guten Erinnerungen zu gestalten. So stehe ich bereits früh auf, um meinen Rucksack reisefertig zu machen und im Keller der Herberge in einem Schließfach zu verstauen. Danach gehe ich gut gelaunt zur Kathedrale, um am deutschen Gottesdienst teilzunehmen.

Neben Petra, Hildegard und Wolfgang von der Pilgerseelsorge sind noch circa zehn weitere Pilger anwesend. Der Gottesdienst lässt mich noch einmal die vergangenen vierzehn Tage im Zeitraffer erleben. Es war eine schöne Zeit mit tollen Begegnungen und Erlebnissen, die Olli und ich erleben durften. In seiner Begrüßung erzählt Wolfgang über den Heiligen des Tages, Kamillus von Lellis. Erst gestern habe ich durch einen Beitrag auf Facebook von Pater Norbert von den Freiburger Kamillianern über den heutigen Gedenktag ihres Ordensgründers erfahren. Das aufopferungsvolle Wirken des Kamillus passt so wunderbar zum Jahr der Barmherzigkeit. Nach dem Gottesdienst erhält jeder, der möchte, noch einen persönlichen Segen zum Abschied aus Santiago. Wie gerufen, kommt für mich die Einladung, gegen Bezahlung am Frühstück im St. Martín teilzunehmen. Wir haben ein sehr schönes Gespräch mit herzlicher Verabschiedung. Um 10:00 Uhr treffe ich mich mit Olli vor dem Nordportal der Kathedrale, von wo aus wir noch einmal zum Markt gehen, um ein paar Mitbringsel zu kaufen. Anschließend möchte ich mich von der Kathedrale verabschieden, während Olli bereits zur Herberge geht und dort auf mich wartet. Ich durchschreite noch einmal die heilige Pforte, berühre dabei die Kreuze auf beiden Seiten und begebe mich in die Krypta zum Jakobusgrab. Hier verbleibe ich eine Weile. Kurz bevor der Pilgergottesdienst beginnt, sehe ich zu, dass ich die Kathedrale verlasse, um nicht als störendes Element zu wirken.

In der Herberge treffe ich Olli im Gemeinschaftsraum im Keller, wo wir eine Kleinigkeit essen. Dann wird es Zeit, zur Stazione autobus zu gehen. Bei mir kommt dabei etwas Wehmut auf, denn die Abreise ist nun unumgänglich. Einer Pilge-rin, der wir in Muxía begegnet sind, scheint es ähnlich zu gehen. Sie steht im Bus nur wenige Schritte von uns entfernt. Ihre Augen sind geschlossen und ihre Gesichtszüge zeigen ein friedliches Lächeln. Dann öffnet sie die Augen, die jetzt ganz feucht sind und schaut zu mir rüber. Wir verstehen uns, ohne ein Wort zu wechseln, denn mir geht es genauso. Auch ich habe feuchte Augen, bin traurig über die Abreise aus Santiago. Ich strahle aber auch vor Freude, weil ich bald wieder meine Lieben in den Arm nehmen kann. Nach der Ankunft am Flughafen laufen wir uns noch einmal kurz im Terminal über den Weg und grinsen uns erneut an.

Olli und ich geben am Schalter unsere vorher gut verpackten Rucksäcke ab und schauen uns das ausgestellte Modell der Kathedrale an, bei dem man viele Details erkennt, die beim Original verborgen bleiben. Die Sicherheitskontrolle verläuft zügig, doch Olli vermisst danach seinen Personalausweis, den er mit seinen Sachen in die Schale zum Durchleuchten gelegt hatte. Nachfragen beim nicht ganz so willigen Sicherheitspersonal bleiben erfolglos und auch die Polizei kann nicht helfen, weil es deutliche sprachliche Hindernisse gibt. Zum Glück hat er auch seinen Reisepass dabei, mit dem er an Bord gehen kann. Kurz vor dem Abflug passiert doch noch das Unglaubliche: der Ausweis wird ins Flugzeug gebracht, und alles ist wieder gut. Danke, Jakobus!

Wir landen pünktlich auf dem Hahn und werden von meiner Frau Susanne abgeholt. Jetzt heißt es, zurück in den Alltag zu finden, die Erfahrungen und Erlebnisse mit einzubringen, vielleicht auch mit einem anderen Blickwinkel durch das Leben zu gehen.

Und wenn eines Tages der Ruf von Jakobus das Ohr erneut erreicht, wird Santiago bestimmt noch einmal das Ziel eines Weges sein...