Kleiner Pilgerweg der Barmherzigkeit

Mittwoch, 13. Juli 2016: Santiago de Compostela

Der heutige Tag beginnt richtig faul. Olli und ich wollen uns erst um 10:00 Uhr vor der Herberge treffen, da vorher in der Stadt noch nicht viel los ist. Die Zeit nutze ich zum Ausschlafen und zur Vorbereitung der Abreise. Zur verabredeten Zeit gehen wir gemeinsam zum Markt. Auf dem Weg dorthin schauen wir uns die Augustinerkirche an, anschließend schlendern wir durch die Markthallen und sind über die Vielfalt der angebotenen Waren erstaunt. Fast verbummeln wir die Zeit, denn wir wollen eigentlich am Pilgergottesdienst teilnehmen. Bevor wir die Kathedrale erreichen, werfen wir noch einen kurzen Blick in die Igexa de San Paio hinein und werden von der Schönheit der Ausstattung überwältigt.

Die Kathedrale ist schon gut gefüllt. Uns bleibt nichts anderes übrig, als eine komplette Runde durch das Gotteshaus zu machen, um schließlich auf den Stufen des Nordportals Platz zu finden. Der Gottesdienst ist heute irgendwie anders als in den letzten Tagen. Zunächst beginnt die Messe mit einem Chor, dann bringen unheimlich viele Touristen durch ihr Umherlaufen sehr viel Unruhe mit sich. Dafür folgt nun eine sehr emotionale Geste, bei der es auf einmal ganz leise wird. Jedem scheint klar zu sein, dass etwas Besonderes geschieht. Pilger aus Russland und der Ukraine beten gemeinsam für Frieden in ihren Ländern. Sie bringen dies durch eine Umarmung und den Austausch ihrer Flaggen zum Ausdruck. Die Flaggen finden für den Rest des Gottesdienstes ihren Platz auf dem Altar. Friede in der Welt könnte so einfach sein. Als Krönung des Ganzen, als eine Art Siegel, wird auch noch der Botafumeiro ge-schwenkt. Nach dem Gottesdienst lautet unser Plan für die Mittagsmahlzeit: zurück zum Markt und Pulpo essen. Die Zubereitung der jeweiligen Portionen kommt einer Vorführung gleich. Die Schlange ist wieder einmal sehr lang und es dauert, bis wir auch eine Portion in der Hand halten. Wir lassen uns direkt nebenan auf einem Mauervorsprung nieder und genießen das Essen. Danach trennen wir uns noch einmal, so wie gestern, für ein paar Stunden, die jeder für sich nutzen kann. Das ist für uns beide völlig in Ordnung. Wir sind jetzt fast zwei Wochen unterwegs, da braucht jeder auch mal seinen Freiraum, um eigenen Interessen nachzugehen.

Ich setze mich zuerst vor die Kathedrale und beobachte an-kommende Pilger. Um 16:00 Uhr besuche ich die Igrexa San Martín Pinero, die heute als Museum genutzt wird. Nach der Kathedrale ist das für mich die schönste Kirche in Santiago. Allein der Hochaltar und das dahinter für das gemeine Volk versteckte, wertvolle Chorgestühl ist der Hammer. Ich habe selten so eine künstlerische Arbeit gesehen. Nach diesem kul-turellen Teil mache ich gleich weiter damit. Am Nordportal spielt ein Gitarrist, der musikalisch als Double von Mark Knopfler (ehemaliger Dire Straits-Frontmann) durchgehen könnte. Ich höre ihm fast zwei Stunden zu und beobachte wieder vorbeiziehende Menschen. Um 19:00 Uhr wollen Olli und ich am spirituellen Rundgang um die Kathedrale - veranstaltet von der deutschen Pilgerseelsorge - teilnehmen. Wir sind nur zu fünft. Außer uns beiden sind noch ein Pilger sowie Doro und Andi aus München dabei, die Olli in einem Café kennengelernt hat. Er hat ihnen so von unserem Vorhaben vorgeschwärmt, dass sie sich nicht verweigern konnten. Sie sind wirklich eine Bereicherung für unsere Minigruppe und wir verstehen uns sofort sehr gut miteinander. Andi erzählt ein bisschen über seinen Jakobsweg, den er vor ein paar Jahren gegangen ist. Danach hat sich in seinem Leben einiges verändert. In diesem Jahr zeigt er seiner Frau auf einer Urlaubsreise einige Abschnitte des Camino Frances. Der Rundgang mit Hildegard ist sehr interessant und uns werden Symbole der Kathedrale vorgestellt, die in Bezug zum Jakobsweg stehen. Unmittelbar danach schließt sich ein kleiner Pilgerweg der Barmherzigkeit mit Petra an, inklusive Gang durch die heilige Pforte, kurzer Statio an der Grabstätte des Jakobus sowie weiteren Impulsen in einer Seitenkapelle. Zum Abschluss bekommt jeder vom uns begleitenden Pfarrer Wolfgang einen persönlichen Segen mit auf den Weg. Dieser kleine Pilgerweg trifft bei uns vieren genau ins Herz und läßt  wieder einmal die Tränen kullern. Es ist ein emotionaler Abschluss unserer diesjährigen Pilgerfahrt und wir sind froh, dass wir dabei sein durften. Daher geht ein ganz herzlicher Dank an dieser Stelle an das Team der deutschen Pilgerseel-sorge.

Das Abendessen nehmen wir im Casa Manolo ein und machen uns bei eintretender Dunkelheit auf die Suche nach dem Pilgergeist, der uns nicht entkommen kann. In einer Nische der Kathedrale auf der Praza da Quintana de Mortos erscheint allmählich der Schatten einer Lampe, der auf der gegenüberliegenden Mauer die Form eines Menschen mit Pilgerstab annimmt. Hildegard hatte uns vorhin die Legende dazu erzählt: im dunklen Mittelalter existierten sowohl Frauen- als auch Männerklöster. Eine Nonne und ein Mönch verliebten sich ineinander und wollten als Pilger getarnt Santiago verlassen. Als Treffpunkt für die Flucht wurde die besagte Nische gewählt. Der Mönch war rechtzeitig da, die Nonne überlegte es sich anscheinend noch einmal anders. Und so wartet der Mönch heute immer noch dort…