In der Stadt des Lächelns

Dienstag, 12. Juli 2016: Santiago de Compostela

Ich frage mich wirklich, warum ich schon um 5:30 Uhr wach bin. Sagt mir meine innere Uhr tatsächlich, dass ich früh aufstehen muss, um den Bus von Muxía nach Santiago zu erreichen? Wer weiß es? Tatsache ist, dass Olli und ich unsere Schlaf- und Rucksäcke, wie immer, rücksichtsvoll gegenüber den noch schlafenden Pilgern ergreifen und einen Stock tiefer erst richtig verpacken. Es gibt da ganz andere Zeitgenossen, die gerne noch den Schlafenden mitteilen möchten, dass sie in absehbarer Zeit die Herberge verlassen werden.

Von der Unterkunft sind es nur ein paar Minuten bergab bis zur Bar O Xardin, vor der die Busse nach Santiago abfahren. Bis zur Abfahrt bleibt genügend Zeit, in der bereits geöffneten Bar ein Frühstück zu sich zu nehmen. Allmählich füllt sich der Gastraum mit bekannten und unbekannten Gesichtern. Der Bus fährt tatsächlich fast pünktlich ab, nachdem wir um jeweils acht Euro für die Fahrt erleichtert wurden. Für eine Dauer von fast 90 Minuten ist das an den heimischen Tarifen gemessen sehr preiswert. Von der Stazione autobus in Santiago laufen wir mit geschultertem Rucksack zunächst zum Seminario Menor, in dem wir bereits die erste Nacht unserer Reise verbracht hatten. Wir haben Glück und dürfen tatsächlich schon unsere Einzel-zimmer beziehen, obwohl dies erst offiziell ab 13:30 Uhr möglich ist. Danach drehen wir eine Runde durch die noch leblose Stadt und lassen uns in einer Bar zur Pause nieder. Wir treffen in einem Souvenir-Shop Klaus aus Stuttgart und sagen „Lebe wohl“, da er heute abreisen wird. Gegen Mittag will Olli noch einmal in die Herberge zurück, während ich in der Stadt bleibe. Ich habe auch schon einen Plan und werde noch einmal die Pilgermesse um 12:00 Uhr besuchen. Heute begebe ich mich in die Nähe des Nordportals. Natürlich sind die Sitzbänke schon alle belegt, aber auf den Stufen am Portal gibt es noch eine kleine Lücke für mich. Und wiederum bleibt mir das Glück treu, denn der Botafumero wird erneut in Bewegung gesetzt. Nach der Messe schlendere ich durch die Gassen, sehe Karla aus Bonn, und zu meiner Freude unsere Vermieterin aus dem Vorjahr. Sie scheint bester Gesundheit zu sein und sucht immer noch auf der Praza de Obradoiro nach Mietern für ihre Zimmer.

Den anschließenden Besuch der Markthalle verbinde ich mit einer kleinen Portion Pulpo, den besten, den es in Santiago gibt! Danach finde ich noch ein paar Souvenirs und besorge mir zwei Dosen Estrella. Die nächsten zwei Stunden sitze ich an einer Säule des Pazo de Raxoi mit Blickrichtung zur Kathedrale und beobachte die Menschen, die gerade ihre Pilger-reise beenden. Dabei bin ich ziemlich tiefenentspannt. Ich spüre, dass ich die ganze Zeit ein Lächeln im Gesicht habe. Genauso wie die ankommenden Pilger! Es ist eine Freude zu sehen, wie die unterschiedlichsten Typen mit ihrem Ankom-men umgehen. Die einen lassen sich auf die Steinplatten vor der Kathedrale fallen, andere liegen sich in den Armen und wiederum andere erreichen singend den Platz. Kurz vor 18:00 Uhr erscheint Olli, wie vereinbart, auf dem Platz und setzt sich zu mir. Wir werden heute Abend nicht mehr allzu viel machen und suchen uns ein Plätzchen im Außenbereich des Café Albaroque in der Via Sacra, wo sich gerade eine Band für ihren Auftritt vorbereitet. Es wird ein schöner Abend mit inspirierender, keltischer Musik und ei-nem netten Gespräch mit unseren Tischnachbarn aus der Schweiz.