Wenn dein Herz angekommen ist, bist du auch bald da

Montag, 11. Juli 2016: Von Fisterra nach Muxía

Heute wird der letzte Tag sein, an dem wir eine Etappe auf unserem Camino laufen werden. Ab 7:30 Uhr soll es Frühstück geben, doch noch ist im Empfangsbereich des Hotels niemand zu sehen, alles ist noch dunkel und verschlossen. Erst eine gute Viertelstunde später trudeln die ersten Angestellten ein und beginnen mit den Vorbereitungen. Das ist wohl die spanische Mentalität, die mit unserer auf Pünktlichkeit ausgerichteten nicht zu vergleichen ist. Trotzdem genießen wir das Frühstücksbüffet, das im Laufe der Zeit mit noch mehr Leckereien angereichert wird. Aufgrund der fortgeschrittenen Zeit müssen wir vieles unversucht lassen und machen uns um 8:20 Uhr auf den Weg nach Muxía.

Olli wirft im Zentrum von Fisterra noch ein paar Postkarten ein. Dann beginnt es wieder einmal leicht zu nieseln. Wir stellen uns kurz unter und ziehen die Schutzhauben über die Rucksäcke, folgen den Markierungen aus Fisterra heraus und verlaufen uns zum dritten Mal auf unserer Tour. Wir finden aber rasch auf den richtigen Weg zurück, müssen dazu aber eine ziemlich hoch gewachsene Wiese durchqueren, die zu-dem auch noch leicht feucht ist. Der Regen hat inzwischen auch schon wieder aufgehört. Wir gehen durch einige Dörfer und dann erwartet uns ein erster Anstieg. An einer Kreuzung verlaufen wir uns erneut, bemerken die falsche Richtung jedoch und haben im Ergebnis rund achthundert Meter Umweg gemacht. Hoffentlich geht das auf der letzten Etappe so nicht weiter. Wir müssen wieder aufmerksamer auf die Markierungen schauen. Kurz darauf begegnet uns in einem Waldstück Fuji mit flottem Schritt. Wir sind erfreut über das Treffen. Er ist zuerst nach Muxía gelaufen und hat nun Fisterra zum Ziel. Nach und nach kommen uns noch mehr Pilger entgegen, aber wir kennen niemanden von ihnen. Inzwischen beehrt uns wieder die Sonne samt blauem Himmel und vereinzelten Wölkchen. Hinter einer Biegung haben wir freien Blick auf den Ozean. Das Rauschen der Wellen ist trotz der deutlichen Entfernung zu vernehmen.

Es wechseln sich nun schattige Waldwege mit einsamen Wirtschaftswegen ab. Wir überholen drei Pilger: zwei Engländer und einen Franzosen. Am Rucksack des Briten baumelt eine in den französischen Nationalfarben bemalte Jakobsmuschel, die er von seinem Mitpilger geschenkt bekommen hat. Das ist mal wieder ein schönes Beispiel für Völkerverständigung. Nach genau fünfzehn Kilometern erreichen wir Lires, wo wir in der Bar As Eiras den notwendigen Stempel des heutigen Tages erhalten. Zudem nutzen wir die Gelegenheit zum zweiten Frühstück; für mich gibt es ein Bocadillo con jamon und für Olli eine Tortilla. Ein kurzes Stück hinter Lires befindet sich eine neue Brücke über einen kleinen Fluss. Früher musste man hier über die links von uns im Wasser liegenden Granitblöcke waten. Es soll Pilger geben, die sich auch heute noch dieses Erlebnis nicht entgehen lassen möchten, jedoch sind zwei Steine verschoben und die Oberflächen scheinen glatt und rutschig zu sein. Auch wenn eine Abkühlung für die Füße verlockend wäre, belassen wir es lieber bei der bequemeren Methode, auf die andere Seite zu gelangen. Die Landschaft wird jetzt zunehmend grüner, links und rechts befinden sich Ackerflächen für Mais oder Kohl. Es folgt ein weiterer intensiver Anstieg, der uns innerhalb von rund acht Kilometern mit einem Höhenunterschied von 300 Metern beglückt. Danach erfolgt der Abstieg über einen ausgewaschenen, zerfurchten Weg mit groben, weit auseinander liegenden Steinen. Olli läuft schon die ganze Zeit fröhlich pfeifend hinter mir. Seine gute Laune ist ansteckend. In einer kleinen Siedlung laufen wir an einer gelben Mülltonne vorbei, an deren Seitenfront ein toller Spruch auf Deutsch prangt, der uns beiden so gut gefällt, dass wir ihn spontan zum Motto des heutigen Tages wählen: „Wenn dein Herz angekommen ist, bist du auch bald da.“ Irgendwie passt der Satz sehr gut zu der Geschichte vom Schmied.

Schließlich erblicken wir wieder das Meer und laufen an ei-ner Straße entlang nach Muxía, an der Costa da morte gelegen, hinein. 2002 verunglückte hier ein Tanker und verschmutzte große Teile des Küstenstreifens. Heute ist davon zum Glück nichts mehr zu sehen. Gegen 15:15 Uhr sind wir in der öffentlichen Herberge und erhalten zwei Betten. Der Hospitalero stellt uns auch direkt die Pilgerurkunde Muxíana aus. Jetzt haben wir drei davon! Wir inspizieren den Schlafsaal im oberen Stockwerk und belegen zwei freie Betten. Nach den üblichen Pflegemaßnahmen von Personal und Material wollen wir der Wallfahrtskirche Santuario de Nosa Señora da Barca oder auch Virxen de Barca am anderen Ende von Muxía einen Besuch abstatten. Am 25. Dezember 2013 hat die Kirche nach einem Blitzeinschlag und einem verheerenden Brand große Schäden davongetragen. Man kann zwar in die Kirche hineinschauen, aber der Zutritt wird einem durch ein Gitter verwehrt. Ich bin sehr traurig, als ich mir den Chor anschaue und dabei feststelle, dass der ganze prächtige Hochaltar aus dem Jahr 1717, den ich selbst nur von Bildern her kenne, anscheinend völlig zerstört wurde. Vor mir sehe ich nur eine sterile helle Wand mit dem Gnadenbild in luftiger Höhe. In Muxía gibt es massive Proteste gegen diese Restaurierung im Ikea-Stil. Hoffentlich finden die Klagen Gehör…

Wenn man oberhalb der Kirche auf den Felsblöcken sitzt, wirkt diese tatsächlich wie ein ruhender Fels in der Brandung. Der Atlantik kracht unter lautem Getöse an die bizarren,  im Laufe der Zeit rund gespülten, Felsformationen und hinterlässt nur weiße Gischt. Es ist ein faszinierendes Schauspiel. Wir lassen die Natur eine Weile auf uns einwirken, sitzen auf Felsblöcken und starren auf die unendliche Weite des Meeres. Auf dem Rückweg gehen Olli und ich getrennte Wege. Olli möchte sich gerne ein wenig am Hafen umschauen, ich hingegen habe die oberhalb der Straße liegende Igrexa Santa María mit ihrem etwas noch höher stehenden Glockenturm im Visier. Die Kirche wurde zwischen dem XIII. und XIV. Jahrhundert erbaut und ist, oh Wunder, leider verschlossen. Ich gehe über die schmalen Treppenstufen des offenen Glockenturms, um noch weiter in die Höhe zu gelangen. Von hier habe ich einen tollen Ausblick auf Muxía. Der kleine Abstecher hat sich gelohnt. Am Hafen treffe ich mich wieder mit Olli. Wir fackeln heute gar nicht lange rum, nehmen direkt im ersten Restaurant Platz und bestellen ein Pilgermenü. An den Nebentisch haben sich drei deutsche Pilger gesetzt, mit denen wir eine lose Unterhaltung führen. Als wir mit dem Essen fertig sind, bitten wir sie zu uns an den Tisch und lernen Carola, Gabi und Thomas aus Köln kennen. Sie sind von A Coruna aus kommend den Küstenweg bis nach Muxía gelaufen. Es wird schon etwas dämmrig, als wir zurück zur Herberge schlendern. Auf dem Weg kaufen wir etwas zu trinken und setzen uns auf die großzügige Dachterrasse. Während Olli bereits ins Bett geht, bleibe ich noch etwas und schreibe den Tagesbericht in mein Notizbuch. Das Verbleiben wird belohnt: direkt vor mir versinkt die Sonne allmählich im Meer - ein beeindruckendes Erlebnis. Als letzter verlasse ich die Terrasse und begebe mich in den Schlafsaal. Morgen früh müssen wir rechtzeitig aufstehen, denn der Bus nach San-tiago fährt bereits um 6:45 Uhr ab.