High Noon am Monte Aro

Freitag, 8. Juli 2016: Von Negreira nach Olveiroa

Bevor ich zu den Erlebnissen des Tages komme, mache ich noch einen Rückblick auf den verbliebenen gestrigen Abend. Eigentlich wollten wir den Tag bei einem kleinen Estrella ausklingen lassen, aber es kam dann doch etwas anders. Zunächst trudelten drei Franzosen in die Herberge ein, die eigentlich „completo“ war. Da sie jedoch hinter dem Haus ihre Zelte aufschlagen und nur die Dusche nutzen wollten, war alles in bester Ordnung und keiner der übrigen Gäste hatte etwas dagegen. Kurz darauf erschienen Sibille und Leonhard aus Innsbruck, die bisher den Camino del Norte gelaufen waren. Auch sie entschlossen sich spontan, mit ihren Schlafsäcken draußen zu übernachten. Mit den beiden kamen wir in ein sehr schönes Gespräch, das durch das Eintreffen zweier weiterer Personen unterbrochen wurde.

Es handelte sich um einen Deutschen mit seiner spanischen Begleiterin, denen die Outdoor-Übernachtung ebenfalls recht war. Nun führten wir zu fünft eine tolle Unterhaltung. Der junge Mann stammt aus Zwickau, hat im Westerwald Schmied gelernt und lebt nun in Vigo. In Gedanken taufe ich ihn auf den Namen „Der Schmied“. Er erzählt in einem nicht unangenehmen Redeschwall über seine Camino-Erlebnisse, darunter eine fesselnde Geschichte zu Fisterra und Muxía: „Jeder Schritt auf dem Jakobsweg und nach Fisterra ist ein Tag deines Lebens. Am Kilometerstein 0 ist alles zu Ende und du stirbst. Gehst du jedoch weiter nach Muxía , wirst du wiedergeboren und alles beginnt erneut.“ Olli und ich können diese Interpretation für uns nachvollziehen. Nach dieser Idee, die ganz gut  in das eigene Leben eingepasst werden kann, bist du am Ende deiner Pilgerreise in Fisterra - am Ende der Welt - und legst deinen mitgeführten Ballast der Vergangenheit ab. Mit der Reinkarnation in Muxía führst du ein neues, verändertes Leben.

Gegen 23:00 Uhr überkam uns dann doch die Müdigkeit und wir zogen uns so ziemlich als letzte zu unseren Schlafplätzen zurück. Kurz darauf ertönten draußen ein paar Kanonen-schläge. Neugierig stand ich auf, um nachzusehen. In Negreira wurde ein kleines Feuerwerk abgebrannt und da-nach war wieder alles ruhig. Das nächste Feuerwerk ver-nahm ich gegen 3:15 Uhr, als ich von lauter Musik wach wurde. Ich konnte es kaum glauben, aber in der Stadt fand mitten in der Nacht ein Konzert statt. Unglaublich! Die Vorbereitung für den heutigen Tag beginnt um kurz nach 5:00 Uhr, eine Stunde später stehen Olli und ich in den Startlöchern. Einige Pilger sind bereits unterwegs. Wir verlassen direkt hinter den vier Mädels die Herberge und tauchen in die Dunkelheit ein. Ja, es ist draußen noch fast stockdunkel. Die erste Passage durch ein Waldstück beleuchtet uns Olli mit der Taschenlampe seines Handys, sonst wäre es bei jedem Schritt schwierig. Die Mädels sind flott unterwegs und schon bald aus unserem Blickfeld entschwunden. Dafür sind zahlreiche andere Pilger unterwegs, die wir vorher noch nie gesehen haben.

Nach 12 Kilometern machen wir in der Bar Herminio A Nosa Casa in Vilaserio erstmals Rast und lernen einen Pilger aus Frankfurt kennen. Zudem kommen kurz nach uns Fuji und sein Begleiter an und lassen sich erschöpft nieder. Hier gibt es Stempel sowohl von der Bar als auch von der angegliederten Herberge O Rueiro. Wir kommen heute gut voran und wollen wieder in der öffentlichen Herberge übernachten, die zweiunddreißig Betten bietet. Wir laufen vornehmlich auf kleinen, wenig befahrenen Straßen. Vor und hinter uns sind so viele Menschen unterwegs nach Fisterra, wie wir es noch nicht erlebt haben. Einige sind sehr offen, andere sehr in sich eingekehrt. Mitten auf einem schmalen Wirtschaftsweg treffen wir Emi und ihre Freundinnen, die sich zu einem kleinen Imbiss im Schatten von ein paar Bäumen niedergelassen haben. Am Rande des Weges befinden sich überwiegend landwirtschaftliche Nutzflächen, über die man bei inzwischen blauem Himmel wunderbar in die Weite schauen kann. In Santa Mariña haben wir weitere acht Kilometer hinter uns gebracht und die Temperaturen steigen allmählich an. Nur wenige Schritte abseits des Weges befindet sich die Bar Casa Pepa, deren Verlockung wir nicht widerstehen wollen. Ein kühles Getränk wirkt Wunder und bringt zusätzliche Motivation zum Weiterlaufen.

Und Motivation brauchen wir jetzt. Der Schmied hat uns schon vor dem grünen Berg gewarnt. Damit hat er den Monte Aro gemeint, der sich vor uns auftürmt. Bevor es aufwärts geht, laufen uns in Santa Mariña an der Landstraße die Mädels über den Weg und berichten stolz über ihre Bleibe für die Nacht. Sie haben ein kleines Häuschen für sich ganz alleine bekommen. Olli und ich müssen zum Glück nicht bis ganz nach oben auf den Monte Aro, sondern umlaufen ihn überwiegend. Während des Abstieges haben wir einen herrlichen Ausblick auf einen größeren See, dem strahlend blau erscheinenden Encoro da Fervenza. Es geht weiter durch kleine Dörfer, die von zahlreichen Horreros (Kornspeicher) umgeben sind. Nach knapp 33 Kilometern haben wir mit dampfenden Füßen die Königsetappe unserer Pilgertour mit einer Gehzeit von 6:25 Stunden ganz gut hinbekommen. Wir finden schnell die Pilgerherberge in Olveiroa, die sich auf mehrere Häuser eines alten Bauernhofes verteilt, und wir können uns im großen Haus ein Bett aussuchen, da wir dort die ersten sind. Die Hospitalera wird erst um 19:00 Uhr zur Registrierung erscheinen. Die Zeit nutzen wir zu unseren täglichen Nachbereitungen, die auch in der benachbarten Bar O Peregrino stattfinden. An unseren Tisch gesellt sich etwas später Klara, Studentin aus Bonn, die vor ziemlich genau vier Monaten von zuhause aus durch Frankreich und dann auf dem Camino del Norte und dem Camino Primitivo nach Santiago unterwegs war. Sie ist eine angenehme Gesprächspartnerin, mit der wir uns längere Zeit über ihre Erfahrungen in einer sehr entspannten Atmosphäre unterhalten. Als Gegenleistung erhält sie von uns beiden zahlreiche Tipps für einen geplanten Marathonlauf im kommenden Jahr. Die Zeit vergeht wie im Fluge, bis ich auf einmal ein leichtes Brennen auf den Schultern feststelle. Da habe ich mir doch glatt einen Sonnenbrand eingefangen.

Im Laufe des Nachmittags füllt sich die Herberge. Eine ungarische Pilgerin, die wir schon öfters gesehen, aber sehr wenig gesprochen haben, sowie zwei Italienerinnen und zwei Spanier, belegen die verbliebenen Betten in unserem Schlafraum um Untergeschoss. Zum Abendessen gehen wir wieder zur O Peregrino und bestellen uns das Pilgermenü. Mit uns am Tisch sitzen Nathalie, Klara und Klaus. Wir verbringen einen schönen Abend zusammen und tauschen uns über unsere sehr unterschiedlichen Wege aus. Allmählich dämmert es und der Himmel zieht sich ein wenig zu. Das ist für uns das Signal, dass wir die Zeit ein wenig vergessen haben und jetzt dem Körper doch die verdiente Ruhe gönnen sollten.