Die letzten Betten gehören uns 2.0

Donnerstag, 7. Juli 2016: Von Sigüeiro nach Santiago de Compostela

Jetzt haben wir schon die zweite Nacht hintereinander in Bettwäsche verbracht und sehr gut geschlafen. Das Frühstück im großräumigen, ehemaligen Refektorium des Klosters ist heute inbegriffen, und das ist für spanische Verhältnisse richtig gut. Es gibt grob zerteilte Brotscheiben, Wurst, Käse, Marmelade, aber auch Tortilla, frisches Obst, Müsli - was will man mehr. Wir lassen uns viel Zeit und verlassenen erst sehr spät - nämlich um 8:45 Uhr - das Hotel.

Zunächst geht es am Parador vorbei, die Treppen runter und geradeaus durch die Rúa das Hortas und die Rúa de San Lorenzo zu dem kleinen Park Carballeira de S. Lourenzo. Hier befindet sich der erste Monolith mit Kilometerangaben nach Fisterra und Muxía, außerdem beginnt auch wieder die Wegmarkierung in Form von gelben Pfeilen. Wir treffen eine Französin, die wir ein Stück begleiten und dann doch noch überholen. Ihr Tempo ist uns einfach zu langsam. Kurz da-nach rasen zwei sportlich aussehende Spanier den folgenden leichten Anstieg an uns vorbei. So viele andere Pilger haben wir auf dem Camino Ingles unterwegs noch nicht gesehen, hier ist richtig was los. Olli und ich werden sicher mittels guter Markierungen über kaum befahrene Straßen, schöne Waldwege und durch ansehnliche Dörfer geführt. In einem kleinen Waldstück lauern hinter einer Biegung zwei Fotografen, die anscheinend Erinnerungsbilder für vorbeiziehende Pilger erstellen und verkaufen wollen. Anscheinend sind wir aber etwas zu früh, denn die beiden sind noch nicht ganz fertig mit ihren Vorbereitungen. An einer Wegegabelung gehen wir an einem kleinen Zelt vorbei, in dem die beiden darin liegenden (es stehen zwei Paar Wanderschuhe davor) wohl noch süß träumen. Die haben es wohl heute nicht eilig.

Kurz vor Ventosa machen wir in der Bar Meson Alto do Vento eine kurze Rast und lernen Nathalie aus der Schweiz und Klaus aus Stuttgart kennen. Es geht entlang einer Landstraße eine Weile abwärts, dann erwartet uns der Hammer des Tages: auf rund drei Kilometern Länge erklim-men wir den Alto do Mar de Ovellas mit einem Anstieg von rund zweihundert Höhenmetern. Der Schweiß läuft wieder in Strömen und wir sind froh, dass wir bei rund 30° unbeschadet vorwärts kommen. Auf dem Weg zum Gipfel überholen wir einige Pilger, die schwer zu kämpfen haben. Auch die beiden Spanier, die vorhin noch ein flottes Tempo draufhatten, lassen wir abgekämpft auf einer Ruhebank links sitzen. Wir sammeln immer mehr Pilger ein, darunter auch Vater und Tochter aus O Porriño. Insgesamt werden es heute rund 25 Personen sein, die wir hinter uns lassen. Dabei sind wir gar nicht so schnell unterwegs. Die nehmen uns schon mal kein Bett in Negreira weg. Nach einer kurzen Passage errei-chen wir in Ponte Maceda eine wunderschöne alte Brücke, die eine traumhafte Kulisse für Fotos abgibt. Das nutzen wir gerne aus und lassen uns von anderen Pilgern ablichten. Olli hat da keine Hemmungen und spricht einfach den Erstbesten - einen Italiener -  in der Nähe an, und schon macht es klick, klick.

Bis Negreira sind es jetzt noch vier Kilometer, die man mehr oder weniger in der Nähe des Rio Tambre entlangläuft. An einer Baufirma verlassen wir den Fluss und steigen einen kleinen Hügel empor. Kurz darauf erreichen wir das Zentrum von Negreira, wo sich in einer kleinen Hütte eine Pilger-Information befindet. Die junge Frau ist sehr hilfsbereit und teilt uns mit, dass in der öffentlichen Herberge noch drei Betten frei seien. Oh, oh… Die Herberge liegt etwas außerhalb der Stadt und ist zu Fuß in einer guten Viertelstunde erreichbar. Aus dieser Viertelstunde werden bei Olli und mir zehn Minuten. Der Lohn für dieses „Wettrennen“: wir ergattern um 14:15 Uhr tatsächlich noch zwei der freien Betten. Wir legen der Hospitalera unsere Pilgerausweise vor, zahlen unseren Obolus und bekommen zwei Betten im Erdgeschoss zugewiesen. Das Zimmer ist eigentlich für behinderte Pilger und deren Begleiter vorgesehen und verfügt über zwei Dop-pelstockbetten. Zwei der Betten sind von Fuji und einem Freund aus Japan belegt, die gerade in der Stadt einkaufen sind. Im oberen Geschoss befinden sich auch noch sechzehn Betten in zwei Schlafräumen. Weiterhin sind ein Italiener, vier Deutsche, Vater und Tochter (die am Abend von ihrer Familie Besuch erhalten) und einige behinderte Gäste mit ihren Betreuern zugegen.

Nachdem wir unsere Wäsche versorgt und in die Sonne hinter der Herberge aufgehängt haben, setzen wir uns ein wenig in den Aufenthaltsraum und blättern in unseren Unterlagen. Dabei lernen wir Miriam, Jette, Feline und Emi kennen, Schülerinnen aus Halle an der Saale, die gerade in der benachbarten Küche eine Mahlzeit zubereiten. Sie haben bereits Sommerferien und sind zweihundert Kilometer auf dem Camino Frances gelaufen. Emi erstellt für die Schule eine Jahresarbeit zum Thema Jakobsweg und der praktische Anteil besteht halt aus einem Stück Wegerfahrung. Wir unterhalten uns über Sinn und Zweck des Pilgerns, über Motivation und Antrieb. Es ist eine interessante Unterhaltung. Vor allem ist es schön, sich wieder einmal mit Landsleuten in der eigenen Sprache zu unterhalten.

Gegen 16:00 Uhr gehen Olli und ich in die Stadt, um einzukaufen. Wir wollen heute Abend auch etwas kochen. Doch zunächst nehmen wir an einem kleinen Tisch im Außenbereich der Cerveceria Galaecia Platz und gönnen uns ein kaltes galizisches Bier. Im örtlichen Supermarkt fällt unsere Wahl auf Pasta mit Thunfisch-Tomatensoße, dazu gönnen wir uns ein Sixpack Estrella. Wieder zurück in der Herberge, wollen wir sofort kochen, doch unsere japanischen Mitbewohner haben noch den großen Kochtopf in Beschlag. Damit unser Bier nicht zu viel an Temperatur verliert, deponiert Olli die Flaschen in eine Schüssel mit eiskaltem Wasser. Endlich steht uns der Topf zur Verfügung und nur eine halbe Stunde später sitzen wir draußen an einem kleinen Tisch und verspeisen einen Berg Nudeln. Während der Zubereitung unserer Mahlzeit stellen wir fest, dass es noch einen weiteren Topf gibt, den wir aber übersehen haben.