Tränenreicher Einzug nach Santiago

Mittwoch, 6. Juli 2016: Von Sigüeiro nach Santiago de Compostela

Olli hat heute Nacht sehr unruhig geschlafen. Er wird zum ersten Mal einen Camino in Santiago beenden. Für mich ist es nach dem vergangenen Jahr und dem Caminho Português das zweite Mal. Irgendwie bin ich ruhig und gelassen, fühle mich beinahe schon routiniert. Bevor der Wecker klingelt, steht Olli auf und macht sich frisch, kocht Kaffee und bereitet das Frühstück vor. Auch ich bin dann schnell aus dem Bett, habe ein menschliches Bedürfnis. Frühstück ist im Übernachtungspreis von 15 Euro enthalten, wir müssen uns halt alles aus den in der Küche vorhandenen Lebensmitteln selbst zubereiten. Wir verspeisen ein paar Scheiben Toast mit Marmelade und überlassen schließlich die Küche Kathryn und ihrer Familie.

Dann halten wir es nicht mehr aus und schultern die Rucksäcke. Wir kommen zügig aus Sigüeiro heraus und laufen durch ein flaches, kühles Waldstück. Doch schon bald haben wir einen ersten, aber nicht so steilen, Anstieg vor uns. Endlich kommt auch die Sonne zum Vorschein und sorgt für wohlige Wärme. Nach rund 5 Kilometern entdecken wir in Marantes am Wegrand ein Hinweisschild auf die Bar A Fontiña. Den kleinen Umweg zu der Bar, die an einer Landstraße liegt, nehmen wir gerne in Kauf. Wir genehmigen uns ein Heißgetränk sowie den dazu gereichten Kuchen. Das tut gut und sorgt zudem für den ersten von zwei notwendigen Stempeln für den heutigen Tag. Wieder zurück auf dem markierten Weg, werden wir vornehmlich durch die Natur geführt und es  wartet noch einmal ein längerer Anstieg auf uns. Plötzlich wird es wie aus dem Nichts laut. Aus einem Seitenweg taucht eine größere Schülergruppe vor uns auf, die sich aber am Rande eines Gewerbegebietes zu einer Rast niederlässt. Direkt gegenüber befindet sich die Bar Poligono, wo wir letztmalig vor Santiago einkehren. Dort treffen wir die Familie, die wir erstmals in Betanzos und dann in Hospital da Bruma getroffen haben. Heute unterhalten wir uns auch einmal, dazu gab es in den vergangenen Tagen keine Gelegenheit. Dabei stellt sich heraus, dass sie aus Novo Sancti Petri, südlich von Cadiz gelegen, kommt. Hier war ich mit meiner Familie und einer Gruppe von Freunden bereits neunmal zum sportlichen Aktivurlaub in den Osterferien. Ich liebe diese Gegend in Andalusien. Zufälle gibt es!

Wir durchqueren das Gewerbegebiet und erreichen die ersten Ausläufer von Santiago. Dabei kommen wir zwei Pilgern näher, die sich als Jardi mit dem Großvater ihres Freundes herausstellen. Es entwickelt sich eine nette Unterhaltung. Jardi kann ein wenig Englisch. An der nächsten Straßenecke müssen wir nach links abbiegen. Hier können wir schon in der Ferne die Turmspitzen der Kathedrale erblicken. Wir laufen gemeinsam an einem kleinen Park vorbei und kommen über die Avenida de Xoán XXIII dem Zentrum von Santiago immer näher. Mich überkommt ein sentimentaler Augenblick, meine Schritte werden langsamer und kürzer, als wolle ich das Ankommen herauszögern. Die ersten Tränen kullern schon aus den Augen. Der Zeitpunkt ist wohl jetzt gekommen, zu dem der Pilger auf dem diesjährigen Camino weinen muss. Wir passieren die Igrexa de San Francisco und der Tränenfluss will nicht mehr aufhören. Von der linken Seite her bieten uns Verkäuferinnen eine Probe ihrer Tarte de Santiago an, für die ich in diesem Moment aber kein Interesse zeige. Ich genieße diese letzten Meter auf der wenig belebten Rúa de Francisco bis zur Plaza de Obradoiro noch intensiver als im vergangenen Jahr. Punkt 11:00 Uhr treffen wir dort mit dem letzten Glockenschlag auf der Plaza ein. Es ist ein umwerfender Augenblick, wieder vor der Kathedrale stehen zu dürfen. Ich möchte am liebsten die ganze Welt umarmen und greife mir einfach meine Begleiter der letzten Kilometer. Jardi und der Großvater verabschieden sich herzlich von uns. Olli und ich setzen uns auf das Pflaster des Platzes und starren in Richtung Kathedrale. Im vergangenen Jahr war noch viel mehr von der Front mit Transparenten verdeckt und es ist deutlich der Fortschritt bei den Sanierungsarbeiten zu erkennen. Zum nächsten heiligen Jahr 2021 soll dann die komplette Kathedrale in frischem Glanz erscheinen und die ankommenden Pilger erfreuen.

Wir beide haben es jetzt eilig, denn es dauert nicht mehr allzu lange, bis der Pilgergottesdienst um 12:00 Uhr beginnt. Wir lagern unsere Rucksäcke in einem gesonderten Raum des neuen Pilgerbüros in der Rúa Carretas und machen uns dann wieder auf den Rückweg zur Kathedrale. Leider ist kaum noch Platz in der Kirche. So müssen wir uns mit einem Stehplatz im hinteren Bereich des Mittelschiffes begnügen. In den letzten Sitzbänken sehen wir Kathryn, Sunya und Steven und winken ihnen grinsend zu. Dann beginnt der Gottesdienst und bei mir lösen sich wiederum die Tränen aus den Augen. Die Messe ist sehr emotional für mich. Meine Gedanken sind bei meiner Familie und der Verwandtschaft, meiner verstorbenen Oma und Tante, bei meinem verstorbenen Pilgerfreund Franz-Josef und meinem langjährigen Begleiter Jörg, der dieses Jahr nicht mit mir unterwegs sein kann. Ich bin dankbar für den bisherigen Weg, den ich mit Olli gehen durfte. Es hat unheimlich viel Spaß gemacht und ich denke, wir haben uns gegenseitig ein bisschen besser kennengelernt. Zu unserer Überraschung wird am Ende der Messe der Botafumero mit Weihrauch gefüllt und durch das Querschiff geschwenkt. Das haben wir heute einer Pilgergruppe aus Japan zu verdanken. Es ist für mich der dritte Pilgergottesdienst in der Kathedrale in Santiago, und jedes Mal wurde der Botafumero eingesetzt. Nach der Pilgermesse gehen wir, noch etwas innerlich aufge-wühlt, zurück zum Pilgerbüro, schließlich müssen wir unsere Compostela abholen. Wir reihen uns in die Schlange ein und brauchen gar nicht so lange zu warten, bis wir dran kommen. Das neue Pilgerbüro ist modern eingerichtet, deutlich geräumiger und heller als das alte. Am ausgewiesenen freien Schalter erhalten wir unsere Pilgerurkunden und lassen uns gleich neue Pilgerausweise ausstellen. Anschließend holen wir unsere Rücksäcke aus dem Aufbewahrungsraum ab und machen im Innenhof des Gebäudes ein paar Erinnerungsfotos. Für ein gemeinsames Bild bitten wir einen Spanier, den wir gestern irgendwo auf der Strecke schon einmal getroffen hatten.

Auf dem Weg zu unserer Unterkunft werden wir von einer Frau angesprochen, ob wir ein Zimmer benötigten, was wir aber verneinen, da wir bereits in der Hospedería San Martin Pinario eingebucht sind. Leider merke ich zu spät, dass es sich bei der Dame um die Tochter unserer letztjährigen Vermieterin handelte. Wir bekommen ein Zimmer im dritten Stockwerk und haben aus dem Fenster einen großartigen Blick auf den Convento und die Igrexa de San Francisco. Man kann hier im Hause zwar auch für weniger Geld eine Pilgerunterkunft bekommen, aber wir wollten uns etwas gönnen. Das Gebäude war vom 16. bis 19. Jahrhundert ein Benediktinerkloster. Diesem Umstand ist auch die eher spärliche, aber trotzdem gemütliche Ausstattung des Zimmers, geschuldet. So nimmt man als Gast ein wenig von der Atmosphäre einer Mönchszelle auf, ohne auf modernen Komfort zu verzichten. Die Betten sind sogar mit bronzefarbenen Jakobsmuscheln verziert. Nun heißt es: duschen, frisch machen und die Stadt erkunden. Wir gehen noch einmal in die Kathedrale - natürlich durch die Heilige Pforte, die ja wegen dem von Papst Franziskus ausgerufenen Jahr der Barmherzigkeit geöffnet ist. Zudem nutzen wir die Gelegenheit zu einer Umarmung der Jakobusstatue und begeben uns anschließend in die Krypta zum Grab des Jakobus. Hier unten entzünde ich eine Kerze für Franz-Josef sowie die für Lebenden und Verstorbenen meiner Familie. Erst nach einer guten Viertelstunde verlasse ich die Krypta. Olli tut es mir gleich, bringt eine Kerze zum Brennen und bleibt eine Weile in Gedanken versunken neben mir stehen.

Es kommen immer noch Pilger in Santiago an, vor Freude strahlend, singend, tanzend. Wir folgen einer Gruppe auf die Plaza de Obradoiro und treffen dort Sebastian mit einer Dose Bier in der Hand, angelehnt an einem Pfeiler des Pazo de Raxoi (darin befindet sich ein Teil der Stadtverwaltung von Santiago). Wir unterhalten uns noch ein wenig mit ihm und verabschieden uns, denn er wird erst einen Tag nach uns auf den Camino Fisterra gehen. Auf unserem weiteren Rundgang durch Santiago treffen wir weitere Pilger, die wir in den vergangenen Tagen kennengelernt haben. Darunter sind der Vater von James, die Familie aus Andalusien und Vater und Tochter, die - wie wir erfahren - in O Porriño am Camino Português leben. Die beiden sehen wir wohl in den nächsten Tagen noch öfters, denn auch sie werden morgen den gleichen Weg wie wir nach Fisterra einschlagen. Leider muss ich feststellen, dass das kleine Lädchen, in dem ich vergangenes Jahr meine ganz spezielle Pilgermuschel bekam, nicht mehr existiert. Das Schaufenster ist abgedunkelt, der Eingang mit einem Vorhängeschloss gesichert. Schade! Da muss ich mich weiter nach einer handbemalten Muschel umsehen, die mir gefällt. Zum Abschluss des Abends kehren wir in einer Pulperia ein und nehmen unser Abendessen zu uns. Olli wählt ein Schweinefleischragout, ich entscheide mich für Pulpo. Danach wird es Zeit, wieder in die Unterkunft zurückzukehren, denn morgen wollen wir um 7:30 Uhr frühstücken und uns danach direkt auf den Weg machen.