Übernachtung bei einem Engel des Camino Inglés

Dienstag, 5. Juli 2016: Von Hospital da Bruma nach Sigüeiro

Heute Morgen wird es sehr früh unruhig in der Herberge, vor allem im oberen Stockwerk ist schon richtig was los. Wir lassen uns bewusst Zeit, denn wir wollen bei Maria im Restaurant gegenüber ein Frühstück einnehmen. Die gleiche Idee haben aber auch noch andere, und so sitzt nun mindestens gut  die Hälfte der Herbergsbelegschaft im Gastraum vor einem gefüllten Teller. Es gibt dicke, getoastete Brotscheiben und Marmelade. Erst um 8:45 Uhr brechen wir auf, nur die spanischen Chicas lassen sich wie in den vergangenen Tagen viel Zeit und bleiben noch etwas sitzen.

Olli und ich holen unser in der Herberge zurückgelassenes Gepäck und machen uns auf den Weg in eine noch graue, dunstverhangene Landschaft. Kurz hinter Hospital da Bruma durchlaufen wir die Siedlung O Seixo. Danach folgt wieder eine eher landwirtschaftlich geprägte Region mit vereinzelten Häusergruppen und rechter Hand eine Grube oder ein Steinbruch. Im Ortsteil O Castro der Gemeinde Ardemil hat ein Künstler einige Skulpturen aufgestellt, darunter Saurier und andere Tiere, aber auch einen überdimensionalen Pilger, vor dem wir natürlich posieren müssen. Ins Auge fällt auch eine gebogene Schienenkonstruktion, auf der in luftiger Höhe zwei Traktoren montiert sind. So richtig passt das aber nicht alles zusammen. Kurz darauf laufen wir zu James und seinen Vater aus New York auf. Ich unterhalte mich in den nächsten Minuten mit dem mit starkem amerikanischen Akzent sprechenden Mann. Manchmal muss ich nachfragen, weil ich nicht alles verstehe. Ich wundere mich sowieso, wie flüssig und ungehemmt ich mich mit ihm, aber auch mit anderen Pilgern, unterhalten kann. Das war für mich in der Vergangenheit immer etwas problematisch. Irgendwie hatte ich mir in den Kopf gesetzt, lieber gar nicht als falsches Englisch zu sprechen. Aber das ist völliger Blödsinn. Selbst im Gespräch mit Muttersprachlern wird man bei falscher Grammatik oder fehlenden Vokabeln nicht belächelt.

James, den ich auf circa 13 oder 14 Jahre schätze, hat dann anscheinend genug davon und möchte wieder mit seinem Dad alleine weiterlaufen. Damit haben Olli und ich überhaupt kein Problem und ziehen von dannen. Der Weg führt uns nun auf wenig befahrenen Straßen und ein Waldstück nach Buscsas. Dort begrüßt uns im Ortsteil A Calle vor der Bar O Cruceiro Sebastian mit einem Bier in der Hand. Wir wundern uns, dass er bereits hier ist, denn er müsste eigentlich nach uns in Hospital da Bruma gestartet sein. An der nächsten Ecke entdecken wir die kleine örtliche Kirche San Paio da Buscas, die zu unserem Erstaunen geöffnet ist. Da lassen wir uns nicht zweimal bitten und schauen uns das für die Größe der Kirche erstaunlich prächtige Inventar an. Außerdem spreche ich leise vor mich hin ein kurzes Gebet für meinen verstorbenen Pilgerfreund Franz-Josef.

Ein paar Schritte weiter befindet sich hinter einem Maschen-drahtzaun ein kleines von Enten und Schildkröten belebtes Areal. Darüber wacht ein stolzer Pfau, der allerdings seine Schönheit nicht mit Außenstehenden teilen möchte und sich uns höchstens von der Seite zeigt. Wenn er nicht will, dann eben nicht, wir haben auch unseren Stolz. Nun wechseln sich hübsche Hohlwege mit kleinen Straßen ab. Wir unterqueren eine breite Landstraße und verlaufen uns erstmalig, weil wir uns nicht auf die gelben Pfeile konzentrieren, sondern von der Schönheit eines Landhauses aus Bruchstein verleiten lassen. Zum Glück bemerken wir unseren Fehler bereits nach rund zweihundert Metern an einer kleinen Straße, die in unserer Karte überhaupt nicht vorgesehen ist. Wieder zurück an der Abzweigung, bemerken wir den eigentlich nicht zu übersehenden Monolithen, der eben anscheinend noch nicht vorhanden war.

Gegen 11:30 Uhr machen wir eine Rast in Calle, dort bittet uns die Bar O Cruzeiro zu einem Imbiss, der aus Tortilla de patatas besteht. Und erneut wundern wir uns über Sebastian, der bereits hier ist. Entweder ist er an uns vorbeigeflogen oder er kennt eine gute Abkürzung. Gesehen haben wir ihn unterwegs jedenfalls nicht. Nach dem Snack wird es Zeit, wieder Staub unter die Füße zu bekommen. Zunächst pilgern wir auf angenehmen Waldwegen, dann geht es wieder vermehrt über Asphalt. In dem Örtchen Baizoia entdecke ich in einer Scheune einen Getränkeautomaten, dem wir zwei Dosen Shandi (Radler) entlocken können. Wir lassen uns das Kaltgetränk munden und laufen unter der Autoestrada do Atlántico durch. Danach wird es richtig schwierig für den Kopf, es geht gefühlt einige Kilometer lang auf einem Schotterweg, rechts und links gesäumt von Wald und Wiesen, in Richtung Sigüeiro. Unterwegs treffen wir vermehrt Pilger, die es sich im Gras gemütlich gemacht haben. Einige werden wir später in unserer Herberge wiedersehen. Endlich ist die langwierige Pilger-Autobahn zu Ende und wir sind in einem Gewerbegebiet am Rande von Sigüeiro gelandet.

Über mein Handy navigiere ich uns zur Albergue de Delia, in der uns mein Pilgerfreund Stefan - der dort Dauergast ist - eingebucht hat. Dafür sei Stefan an dieser Stelle gegrüßt und gedankt. Wir treffen dort um 14:45 Uhr ein und werden von der Eigentümerin Maria mit einem Lächeln begrüßt. Sie zeigt uns die im ersten Stock eines von außen unscheinbaren Hauses eingerichtete Unterkunft, dann erledigen wir die Formali-täten. Maria hat ihre Albergue sehr liebevoll ausgestattet und bemüht sich sehr intensiv um das Wohl ihrer Gäste. An den Wänden hängen unzählige kleine, bunte Zettel, auf den die Gäste sich bei Maria für die liebevolle Aufnahme bedankt haben. Wir fühlen uns jedenfalls auf Anhieb sauwohl. Bereits vor uns sind Sunya, ihr Mann Steven und ihre Tochter Kathryn - ebenfalls aus New York - eingetroffen, die wir auch von gestern her kennen. Kathryn kann ganz gut Spanisch und unterstützt uns als Dolmetscherin. Maria kann nämlich außer Spanisch keine Fremdsprache. Dafür hat sie aber eine Menge an handgeschriebenen Blättern, auf denen mehrsprachig das steht, was man unbedingt wissen muss. Olli erzählt mir später, dass Kathryn und weitere Pilger in Hospital da Bruma der Meinung waren, ich sei ein Arzt. Ich habe keine Ahnung, wie sie darauf gekommen sind. Inzwi-schen sind wir geduscht und unsere Wäsche macht in der Waschmaschine einen Überschlag nach dem anderen. Maria hängt sie auf die Wäscheleine zum Trocknen. Später liegt alles ordentlich gefaltet im Aufenthaltsraum. Welch ein Service!

Den Rest des Tages ruhen wir uns aus, gehen noch eine Klei-nigkeit essen und bereiten uns auf den Einzug in Santiago de Compostela vor. Zum Abendessen wählen wir heute eine Pizza. In dem Restaurant werden wir gebeten, in einem Raum im hinteren Bereich Platz zu nehmen. Dort läuft die Klimaanlage auf Hochtouren und wir kommen uns wie in einem überdimensionalen Kühlschrank vor. Olli versucht, einer Bedienung klarzumachen, die Klimaanlage doch bitte abzuschalten oder zumindest auf eine andere Stufe zu verstellen, doch irgendwie scheint die Kommunikation nicht zu funktionieren. Kurz darauf treten die vier Studentinnen in den Raum ein und begrüßen uns freudestrahlend. Auch ihnen gefällt die Kälte nicht, und - oh Wunder - sie schaffen es tatsächlich, dass die Anlage abgeschaltet wird. Auf dem Rückweg zur Herberge kaufen wir in einem Super-markt Getränke für den nächsten Tag ein. Zum Abschluss des Tages sitzen wir ein wenig mit Maria im Wohnzimmer zusammen. Sie versorgt uns mit zahlreichen Tipps für die weitere Reise. Dazu gesellen sich noch Kathryn mit Familie und wir plauschen noch ein wenig über den Camino. Dann wird es Zeit für die Bettruhe. Hilfreich wird dabei sein, die Nacht in kuscheliger Bettwäsche, anstatt im Schlafsack, zu verbringen - eine weitere Annehmlichkeit unserer Albergue.