Qui habet aures audiendi, audiat!

Sonntag, 3. Juli 2016: Von Miño nach Betanzos

Die drei kleinen Flaschen Estrella von gestern Abend haben ihre Wirkung nicht verfehlt. Wir haben in unserem "Männer- Schlafsaal" sehr gut geschlafen. Kein Wunder, wir waren alleine und keine störenden Aufbruchgeräusche von anderen Pilgern waren zu vernehmen. So wird es heute deutlich nach 7:00 Uhr, als wir unseren Betten Lebewohl sagen. Wir haben keine Eile, da nur rund 11 km bis Betanzos anstehen. Olli ist heute deutlich flotter als ich mit dem Packen, doch dann wird es auch für mich allmählich Zeit, dass ich meinen Rucksack vorbereite. Da müssen nämlich heute meine Wan-derstiefel mit rein, da ich in Sandalen laufen werde. Ich habe noch einmal getestet, ob ich mit meinem Begleiter Bernd in den Stiefeln laufen kann. Es hat aber keinen Sinn, da der Druck auf die betroffene Stelle trotz Blasenpflaster zu stark ist. Das muss ich mir nicht geben. Meine Sandalen sind ja schon in den vergangenen Jahren beim Pilgern erprobt und haben sich als eine sehr gute Alternative herausgestellt.

Kurz nach 8:00 Uhr verlassen wir die Herberge. Vor uns sind die beiden älteren Spanierinnen auf die Piste gegangen, die jungen Studentinnen wirbeln immer noch zwischen Schlafsaal und Waschraum herum. Als wir aus der Herberge treten, werden wir von einem Schwarm Möwen lautstark begrüßt. Sie scheinen uns ein paar Meter begleiten zu wollen, drehen dann aber doch ab. Zunächst geht es eine Weile durch Miño. Wir sind überrascht, wie groß der Ort tatsächlich ist und wie wenig um diese Uhrzeit am Sonntagmorgen los ist. Einzig das Geräusch eines Staubsaugers ist auszumachen - ein Mann reinigt das Innere seines Autos. Es ist noch frisch, allerdings befinden wir uns zu dieser Uhrzeit auf der sonnenabgeneigten Schattenseite von Miño. Nachdem die Eisenbahnlinie über eine Brücke gequert wird, befinden wir uns in A Ponte do Porco, wo der Rio Lambre in die Ria de Betanzos mündet.

Ab hier geht es auf grobem Gestein ein Stückchen steil auf-wärts und ich ziehe die hinteren Riemen meiner Sandalen hoch, damit ich nicht mit den Füßen herausrutsche. Bei jedem Schritt macht sich Bernd ein wenig bemerkbar, doch ich versuche ihn einfach zu ignorieren. Hilfreich ist dabei die herrliche Landschaft um uns herum. Wir durchlaufen grüne Waldabschnitte und alte, galizische Dörfer auf unterschiedlichstem Höhenniveau. Im Wald spielen unzählige Vögel Verstecken mit uns. Wir sehen sie so gut wie gar nicht, wir hören sie nur. Am Rande der Wege begleiten uns plätschernd und gluckernd kleine Bäche, die irgendwohin ins Tal hinabfließen. Am Ende eines langen Anstiegs werden wir mit der offenen Pforte der Iglesia San Pantaleon das Viñas belohnt. Das ro-mantische Kirchlein strahlt eine gewisse Ruhe aus, die uns nach dem Anstieg gut tut. Jetzt folgt endlich auch einmal eine Bergabpassage bis Viñas. Dort empfängt uns ein Schild mit dem Hinweis auf eine Bar mit Pilgerstempel - leider (noch) geschlossen. So laufen wir halt weiter, erneut geht es aufwärts zu einer Siedlung, wo uns ein krähender Hahn begrüßt. Er wollte uns wohl den Tipp geben, an der nächsten Bushaltestelle um die Ecke endlich mal eine Pause einzulegen. Das machen wir dann auch und verzehren das restliche Baguette vom gestrigen Abend.

Nach einem letzten mühsamen Anstieg treffen wir an einer Kreuzung auf die Iglesia San Martin do Tiobre, die natürlich verschlossen ist. Ab jetzt wird es einfacher. Wir haben bereits freien Blick auf Betanzos und verlieren mal mehr, mal weniger an Höhe. Auf einem Abschnitt begleiten uns zwei kleine Hunde. Der kleinere schaut uns böse an und verfolgt uns laut kläffend, als würde er sein Revier gegen unerwünschte Eindringlinge verteidigen wollen. Die ersten Straßenzüge von Betanzos  lassen schon etwas von der Schönheit der Häuser erahnen. An der ersten Kreuzung entdecken wir den Hinweis auf die Bar Vázquez, von dem wir zu gerne Gebrauch machen. Zwei Minuten später ist es per Glockenschlag 11:00 Uhr und wir bestellen zwei Bocadillos mit Käse und Schinken. Frisch gestärkt machen wir uns eine halbe Stunde später auf den Weg über den Río Mandeo und betreten durch ein altes Stadttor den mittelalterlichen Bereich der Stadt. Da die Her-berge noch bis 13:00 Uhr geschlossen ist, statten wir der Igrea Santa Maria do Azougne, der Igrea de San Francisco sowie der Igrea de Santiago Besuche ab. Daneben spazieren wir ein wenig durch die kleinen Gassen und erfreuen uns des Anblickes der typisch galizischen Häuser mit ihren breiten, vorgelagerten Erkern, die zuweilen über mehrere Stockwerke verlaufen.

Pünktlich um 13:00 Uhr öffnet die Herberge und wir werden von Hospitalero Fernando aufgenommen. Er ist sehr herzlich, hilfsbereit und spricht gut Englisch, sodass wir eine rege Unterhaltung führen können. Von ihm bekommen wir einige gute Tipps für den heutigen Tag und die morgige Etappe. Wir sind wieder einmal die ersten Gäste in einer Herberge, die erst vor drei Jahren umgebaut wurde und sich in einem tadellosen Zustand befindet. Olli und ich sind froh mit diesem Glücksgriff. Nach einer erfrischenden Dusche besorgen wir uns zu allererst ausreichend Wasser für morgen, denn wir möchten gerne früh los und da wird wohl noch keines der Geschäfte geöffnet sein. Es ist gar nicht so einfach, an einem Sonntag um die Mittagszeit etwas einzukaufen. In einer Bäckerei entdecken wir im Vorbeigehen einige Wasserflaschen, die schnell den Besitzer wechseln. Fernando gibt uns nach unserer Rückkehr in die Herberge noch einen heißen Tipp für eine Pulperia und bestätigt freundlicherweise telefonisch unsere Unterkunft für den folgenden Tag bei Maria in Sigüeiro. Gerade schlagen die Glocken der Santiago-Kirche die sechzehnte Stunde. Ab jetzt sind die Gotteshäuser wieder geöffnet und wir ziehen los, um auch noch die Igrea de Santo Domingo anzusehen. Wir genießen den restlichen Tag in der Stadt und nutzen die Auswahl an Cafés und Bars mit Außenbereichen rund um die Hauptplätze, beobachten Menschen und die laut schreienden Möwen am Himmel. Bei einer weiteren Runde durch die Stadt und am Ufer des Río Mandeo gelangen wir noch einmal an die San Franziskus-Kirche, wo ich feststelle, dass dort um 18:00 Uhr ein Gottesdienst stattfindet, dem ich gerne beiwohnen möchte.

Vor dem Gottesdienst wird noch ein Rosenkranz gebetet und die Messe beginnt dann doch deutlich später. Da habe ich wohl etwas falsch verstanden. Nach der Messe gehe ich zu-rück zur Herberge und hole Olli ab, denn ist es nun Zeit für das Abendessen. Wir wollen in die Pulperia gehen, die uns Fernando empfohlen hat. Olli wird  zum ersten Mal Pulpo serviert bekommen und er scheint nicht abgeneigt zu sein. Der Pulpo schmeckt wirklich gut, hat aber auch seinen Preis. Es wird allmählich dunkler und wir schlendern zur Herberge zurück. Dort unterhalten wir uns ein wenig mit Fernando und bekommen noch ein spanisches Buch über den Camino Inglés geschenkt. Zudem empfiehlt er uns, unbedingt an der Costa da Morte (das ist der Küstenabschnitt zwischen Fisterra und A Coruña) Barnacles zu kosten. Damit meint er Entenmuscheln, die eigentlich zu den Rankenfußkrebsen zählen. Diese sind in der Region eine Delikatesse und als recht teure Spezialität beliebt. Über das Einsammeln der Entenmuscheln an gefährlichen Felsformationen an der galizischen Küste habe ich schon einmal einen Bericht gesehen. Dann wird es Zeit, uns von Fernando mit einer herzlichen Umarmung zu verabschieden. Mit ihm haben wir einen wahren Pilgerfreund kennen gelernt, der uns noch lange in Erinnerung bleiben wird.  Anschließend beginnen wir mit der Vorbereitung auf die Nachtruhe. Es ist bereits sehr still im inzwischen gut gefüllten Schlafsaal.

Übrigens, die Übersetzung der lateinischen Überschrift lautet: „Wer Ohren hat, zu hören, der tue sie auf!“