Darf ich Bernd, meinen neuen Begleiter, vorstellen?

Samstag, 2. Juli 2016: Von Xubia nach Miño

Ich hätte nicht gedacht, dass die Nacht so ruhig verlaufen würde. So täuscht man sich in Jugendlichen. Die Gruppe hat sich sehr rücksichtsvoll verhalten, von ihrem Kochen und Zubettgehen habe ich gar nichts mitbekommen. Olli wird gegen 5:40 Uhr wach, packt sich leise seine Sachen und verlässt den Schlafsaal. Ich mache es ihm bald nach, denn ich bin ebenfalls wach. Anscheinend sind wir in solch froher Erwartung, dass wir einfach nur auf die Straße möchten. Ein älterer Pilger, der bis jetzt noch nichts mit uns gesprochen hat, sitzt im Vorraum an einem Tisch und verspeist fertig angezogen etwas Obst. Derweil machen Olli und ich uns ganz gemütlich fertig: Schlafsack zusammenrollen, Füße mit Hirschtalg verwöhnen und Zähne putzen, Rucksack packen und zum Abschluss noch einmal alles kontrollieren.

Inzwischen kommt Leben in den Raum. Nacheinander kommen vier Mädels aus dem Schlafsaal geschlichen und beginnen ebenfalls mit ähnlichen Tätigkeiten wie wir. Im Wirtschaftsraum entlocken wir einem Automaten ein paar kleine Wasserflaschen und stellen im Vorbeigehen fest, dass der kleine Schlafraum mit vier Betten für behinderte Pilger und ihre Begleiter sogar mit sechs weiteren, noch schlafenden Gästen belegt ist. Der ältere Spanier ist bereits mit Stirnlampe in die Dunkelheit gezogen. Wir warten aber noch etwas ab, bis es draußen dämmert. Das ist um 6:50 Uhr der Fall. Wir verabschieden uns mit dem Pilgergruß von der Jugend und starten in den Tag. Zunächst geht es auf Holzplanken durch ein Naturschutzgebiet entlang der Ria bis Ribeira de Santa María. Dort passieren wir die Igrexa de Santa María, laufen durch Neda und dann etwas höher gelegen in Richtung Fene weiter. Von hier oben hat man wunderschöne Ausblicke auf die Ría de Ferrol und zurück nach Xubia. Noch ist am Himmel eine fast geschlossene Wolkendecke zu sehen, aber es tun sich ab und zu schon erste hellere Fenster mit blauem Hintergrund auf. Nun passieren wir öfter traditionelle Waschhäuser und schlängeln uns von der Höhe abwärts nach Fene.

Auf der anderen Straßenseite lacht uns die Bar El Camarote an. Es ist kurz nach 8:00 Uhr, also durchaus Zeit für ein Frühstück. Wir nehmen an einem Tisch im Außenbereich Platz und stellen die Rücksäcke ab. Zum Kaffee - für mich wieder mit viiiiel Milch - bestellen wir bei der Wirtin Croissants und erhalten zusätzlich den obligatorischen Pilgerstempel für unser Credencial. Einen Gast in der Bar bitten wir, ein Foto von uns mit der vor der Bar platzierten Pilgerfigur in historischer Gewandung zu machen. Er verschwindet wieder in der Bar und kehrt wenig später zu uns zurück und schenkt jedem noch eine Jakobsmuschel. Erneut sind wir sehr erstaunt über die Freundlichkeit der Menschen hier. Wir verabschieden uns von den beiden und lassen den urbanen Siedlungsraum hinter uns.

Es geht aufwärts in die Natur. Vor uns liegt ein Stück Eukalyptuswald, dessen Luft wir inzwischen sehr lieben. Nach der Überquerung der Autobahn folgt ein weiteres kurzes Waldstück, bis wir einen großen Kreisverkehr erreichen. Dort kaufen wir in einer Tankstelle neues Wasser und ich richte meinen rechten Schuh samt Socke noch einmal her. Irgendwie zwickt es an der Ferse, aber es ist nichts zu sehen. Dann umgehen wir  großzügig über einen schmalen Wiesenpfad ein Gewerbegebiet. Erneut überqueren wir die Autobahn. Ab hier verläuft der Weg eine ganze Weile abwärts nach O Val. Hier überholen uns schnellen Schrittes ein Vater und sein Sohn. Kurz darauf  hören wir hinter uns die lauten Stimmen einer Jugendgruppe, die wir jedoch nicht zu Gesicht bekommen. Wir machen uns schon wieder Gedanken, ob die 20 Betten der  Albergue de Peregrinos de Miño für die Horde und uns ausreichen werden.

An einer Straße in San Martiño de Porto passiert es: wir folgen blind Vater und Sohn, ohne auf Markierungen zu achten und verpassen prompt einen gelben Pfeil auf der anderen Straßenseite. Zum Glück laufen wir nur rund 250 Meter in die falsche Richtung, bis wir von einer Spanierin ausgebremst werden. Sie bringt uns vier verirrte Pilger wieder auf den richtigen Weg nach Magdalena. Dabei kommen wir ins Gespräch und erfahren, dass unsere Begleiter aus New York kommen. An der nächsten Bar trennen sich unsere Wege bereits, die beiden möchten eine Kleinigkeit frühstücken.

Olli und ich gehen weiter bis nach Pontedeume. Auf der rechten Seite sehen wir in einer Parkanlage die Jugendgruppe, die wegen unseres Umweges nun doch an uns vorbeigezogen ist. Sie lässt sich dort im Schatten der Bäume zu einer Rast nieder. Vor uns tut sich ein wunderschöner Blick auf Pontedeume auf, das teilweise in den Hang gebaut wurde. Das idyllisch an der Ría de Ume gelegene Städtchen ist festlich geschmückt, denn es findet am Wochenende ein Mittelalterfest statt. In der Tourist-Information erhalten wir von einer sehr freundlichen Mitarbeiterin unseren Stempel. Leider sind wir zu einer blöden Uhrzeit hier, denn in allen Bars gibt es erst ab 13:00 Uhr etwas zu essen. Beim Rundgang über das Festgelände fällt uns besonders eine Grillstation auf. Auf einem überdimensionalen runden Rost sind allerlei Leckereien aufgeschichtet und werden über glühenden Holzkohlen gegart. Glücklicherweise sind einige Stände schon verkaufsbereit und wir bekommen in einer mittelalterlichen Bäckerei einen Fladen mit einer Gemüse-Thunfisch-Füllung, der sehr lecker ist. Bevor es weitergeht, besorgen wir uns noch neue Wasserflaschen und etwas Obst.

Nun wird es heftig: über einen langgezogenen Anstieg verlassen wir die Stadt. Schade, die örtliche Jakobus-Kirche ist verschlossen. Dafür treffen wir noch einmal die beiden Amerikaner, während wir über eine große Schülergruppe staunen, die lauthals an uns die steile Straße emporfliegt. Irgendwann bleiben Vater und Sohn dann hinter uns. Sie wollten, wie wir, bis Miño laufen. Der Weg führt jetzt durch herrlich einsame Natur. Zweimal laufen wir an Grillplätzen vorbei, die anscheinend nicht so oft genutzt werden. Auf Höhe eines Golfplatzes queren wir die Autobahn und haben einen nicht enden wollenden Anstieg vor uns. Hoffentlich sind die vielen Holzkreuze am Zaun kein schlechtes Omen. Schweißtriefend kommen wir endlich zum höchsten Punkt, dürfen die überwundenen Höhenmeter wieder abwärts gehen. Wir durchlaufen das Örtchen Viadeiro, das sowohl mit alten, verfallenen, als auch mit neueren Häusern aufwartet

Um zur Pilgerherberge zu gelangen, müssen wir noch einen großen Bogen laufen, teilweise entlang einer Bahnlinie. Auf der Betonmauer zu unserer Linken reihen sich mehrere bunte Graffitis aneinander. Darunter ist auch eines, das den vorbeiziehenden Pilgern einen Gruß mitgibt. Um 13:50 Uhr erreichen wir nach rund 26 km die am Ortsrand gelegene Herberge. Sie steht offen und wir sind erstaunlicherweise die Ersten. Im Erdgeschoss befinden sich der Aufenthaltsraum, eine kleine Küchenzeile, die sanitären Einrichtungen und der Waschraum. Wir wählen im Obergeschoss den rechten Schlafsaal und suchen uns jeder ein Bett aus. Es folgt die tägliche Routine: Bett beziehen, duschen, waschen. Gegen 15:00 Uhr taucht der Hospitalero kurz auf und bittet uns, um 20:00 Uhr zur Registrierung anwesend zu sein. Inzwischen ist eine weitere Stunde vergangen und es kommen noch zwei Spanierinnen in die Unterkunft, die sich im linken Schlafsaal breitmachen. Wir sind gespannt, wie viele Pilger heute hier übernachten.

Während auf der von Olli konstruierten Wäscheleine unsere Sachen die Nässe verlieren, ruhen wir uns noch etwas aus. Anschließend gehen wir in die Stadt, um etwas zu essen. Leider spricht uns dort gar keine der spärlich vorhandenen Gastronomie an, also plündern wir den örtlichen Supermarkt. Unsere Beute: Cerveza, queso, fuet, pan. Beim Verzehr vor der Herberge werden wir von den vier jungen Spanierinnen überrascht, die wir heute Morgen in Xubia vor unserem Abmarsch gesehen hatten. Sie müssen sich unterwegs sehr viel Zeit gelassen haben, sind rund vier Stunden nach uns eingetroffen. Der Hospitalero erscheint etwas verspätet erst um 20:45 Uhr in der Herberge, kassiert die sechs Euro Übernachtungsgeld und stempelt unsere Pilgerausweise.

Übrigens, hatte ich fast vergessen: ich habe mich nicht mit Olli zerstritten und mir einen neuen Pilgerbegleiter gesucht. Vielmehr hat sich seit heute Mittag Bernd, eine Blase an der rechten Ferse, ganz unbemerkt eingeschlichen (der Name hat nichts mit mir bekannten Personen mit diesem Namen zu tun). An einer unscheinbaren Naht meiner Pilgersocke hat sich die Haut etwas aufgerieben und dann zu einer Blase entwickelt. Jetzt ist die Stelle mit einem großen Compeed-Pflaster verziert. Morgen werde ich wohl die Stiefel im Rucksack verstauen und mit meinen Keen-Sandalen weiterlaufen.