Die letzten Betten gehören uns

Freitag, 1. Juli 2016: Von Ferrol nach Xubia

Nach einer ruhigen Nacht werde ich durch das Summen meines Handys wach. Meine Frau Susanne schickt mir um 6:30 Uhr liebe Wünsche für den Tag. Da ich sowieso noch im frühmorgendlichen Trott des Dienstes bin, habe ich mit der Uhrzeit kein Problem und bereite mich ganz allmählich auf den Tag vor. Olli und ich haben uns für 7:30 Uhr verabredet, und wer abmarschbereit ist, soll sich beim anderen melden. Eine halbe Stunde später sind wir auf dem Weg zum Busbahnhof. Dort treffen wir in der Schlange vor dem Ticketschalter noch einmal das Ehepaar aus dem Saarland, das in diesem Jahr auf dem Camino del Norte pilgern und mit dem Bus zum Ausgangspunkt fahren will.

Wir kaufen zwei Tickets nach Ferrol und warten auf den Bus mit der Nummer 2626, der pünktlich um 9:15 Uhr abfährt. Die Fahrt verläuft vornehmlich über die Autobahn AP-9 und für die rund 90 Kilometer sind 80 Minuten geplant. Unterwegs können wir schon ein wenig von dem erahnen, was uns in den nächsten Tagen erwarten wird. Die Gegend ist recht hügelig und hin und wieder überqueren wir einige Rías. Das sind Meeresarme, die mitunter tief ins Landesinnere hineinragen und die Landschaft deutlich prägen. In Pontedeume macht der Bus seinen einzigen Zwischenstopp. Hier werden wir morgen zu Fuß durchlaufen.

Vom Busbahnhof in Ferrol ist es nicht allzu weit bis zum Startpunkt des Camino Inglés. Da wir heute bisher noch kein Frühstück hatten, kaufen wir in einem kleinen Supermarkt Wasser und Obst ein. Inzwischen hat es begonnen, leicht zu nieseln und der Himmel ist mit grauen Wolken bedeckt. In einem kleinen Park wechsele ich daher noch schnell von Sandalen auf Wanderstiefel. Zudem umhüllen wir unsere Rucksäcke mit dem Nässeschutz. Zwei Ecken weiter sind wir schon am Hafen, wo der Beginn des Weges mit einem Monolithen markiert ist. In der Tourist-Information erhalten wir von zwei jungen Damen neben dem ersten Stempel auch noch hilfreiche Hinweise zur Wegführung. Nach einem Café con leche in der gegenüberliegenden Bar ist es um 11:00 Uhr soweit: wir star-ten unseren Camino. Zu unserer Freude hat inzwischen auch der Nieselregen aufgehört. Es geht zunächst durch die schön anzusehenden Straßenzüge des Stadtviertels A Magdalena mit hübschen Häusern im Jugendstil zur Igrexa Castrense de San Francisco. Dort möchten wir aber den gerade laufenden Gottesdienst nicht stören. Die Kirche wurde 1757 auf dem Gelände des ehemaligen Franziskanerklosters im klassizistischen Stil erbaut. Direkt nebenan ist noch eine Kapelle geöffnet, die wir uns stattdessen anschauen. Ich nehme mir die Zeit für ein kurzes Gebet für einen guten Weg. Wir durchlaufen eine belebte Einkaufsstraße und erwecken an einer Abzweigung wohl den Eindruck, nicht mehr weiter zu wissen. Das nimmt sich ein älterer Herr zum Anlass, uns den richtigen Weg zu erläutern. Die Menschen sind uns gegenüber sehr freundlich und hilfsbereit.

Wir verlassen nun Ferrol und umlaufen das riesengroße Ge-lände eines Marinearsenals mit Werft und einer Militärschule. Hin und wieder erhaschen wir einen Blick auf dort vor Anker liegende Fregatten und andere Kriegsschiffe der spanischen Marine und verbündeter NATO-Staaten. Erst vor wenigen Wochen hatte ich die Gelegenheit, in Hamburg eine Werft zu besichtigen, die gerade neue Fregatten für die deutsche Marine baut. Man will gar nicht glauben, dass diese Stahlkolosse tatsächlich vom Wasser getragen werden können. Schließlich erreichen wir direkt am Ufer der Ría de Ferrol die Capilla de Santa María de Caranza und einen kleinen Park. Ab hier verläuft der gut markierte Weg parallel zum Ufer mit Blick auf den Güterumschlaghafen auf der gegenüberliegenden Seite. In der Bar O Mariscador in Narón genehmigen wir uns ein Bocadillo mit Seranoschinken und bekommen einen weiteren Stempel. Durch die Fensterscheibe sehen wir erstmals zwei weitere Pilgerinnen, deutlich am Rucksack erkennbar. Es werden heute die einzigen sein, die wir auf dem Weg zumindest sehen. Die Hälfte der heutigen Strecke wäre nun geschafft. Etwas später passieren wir das Kloster von San Martiño de Xubia, das auch als Mosteiro do Couto bekannt ist. Das Kloster aus dem Jahre 977 wurde auf den Resten einer älteren Kirche, wahrscheinlich aus dem 9. Jahrhundert, erbaut. Leider ist eine Besichtigung gerade nicht möglich.

Wir unterqueren jetzt die Autobahn und wandern durch einen Eukalyptuswald. Olli zerreibt ein Blatt in den Händen und genießt den wohlriechenden Duft des sich lösenden Eukalyptusöles. Just in diesem Moment lässt sich endlich auch die Sonne ein wenig durch die dichte graue Wolkendecke blicken. Ob die Eukalyptusdämpfe etwas damit zu tun haben? Wir überqueren die Autobahn auf einer weit ausholenden, blauen Fußgängerbrücke und erreichen eine alte Mühle. Über einen schmalen Damm durch die Ría erreichen wir Xubia, einen Ortsteil von Neda. Dort werden wir durch Hinweisschilder auf eine provisorische Strecke gelenkt und laufen dementsprechend an der Hauptstraße durch den Ort. Eine Baustelle soll den regulären Weg unpassierbar machen. Da eine Weile keine Markierungen mehr zu finden sind, werde ich allmählich nervös. An der etwas von der Straße zurückliegenden Igrexa Santa Rita de Xubia schaue ich lieber auf meine digitale Karte. Ich stelle fest, dass wir an dieser Stelle gar nicht so verkehrt sind. Vor der Kirche biegen wir nach rechts ab und stoßen auf eine Fußgängerbrücke über die Ría de Ferrol, hinter der sich unmittelbar die öffentliche Albergue de Peregrinos de Xubia befindet.

Es ist jetzt 15:00 Uhr und der Vorraum der Herberge ist mit einer Jugendgruppe belegt, die laut und durcheinander auf Spanisch diskutiert. Auf meine Anfrage in Englisch, wann denn die Rezeption offen sei, ernte ich nur fragende Blicke, frei nach dem Motto: „Was will der von uns?“ Anscheinend spricht keiner der jungen Leute Englisch oder sie wollen es einfach nicht. Olli belegt inzwischen im angrenzenden Schlafsaal in der hintersten Ecke die anscheinend letzten zwei freien Betten für uns, auf denen wir als deutliche Markierung unsere Habe ausbreiten. Danach ist Körper- und Materialpflege angesagt. Nebenbei werden die Betten noch für die Nacht mit einem Einmalüberzug präpariert, den wir uns aus einem Pappkarton im Wirtschaftsraum besorgen.

Derweil haben meine Recherchen an den Aushängen ergeben, dass die Rezeption im Zeitfenster 20:00 Uhr bis 20:30 Uhr alle Übernachtungsgäste zur Registrierung erwartet. So lange wollen wir mit dem Abendessen nicht warten, denn es stellt sich bei uns ein Hungergefühl ein. Wir schlendern ein wenig durch den Ort und kehren letztendlich in der Pensión Residencia Maragoto ein, wo ein Pilgermenü für 9 € angeboten wird. Wir müssen allerdings noch ein halbe Stunde warten, denn die Küche öffnet erst um 19:00 Uhr. Die Wartezeit vertreiben wir uns mit einem kühlen Estrella. Dann wird zu unserer Freude das Essen serviert. Es gibt es eine Gemüsesuppe, Schweinebraten mit Pommes und zum Dessert ein Eis. Dazu wird eine ganze Flasche Vino Tinto gereicht. Nach dem Essen schaffen wir es gerade noch so, uns vom Angehörigen des örtlichen Zivilschutzes, der für die Herberge verantwortlich ist, registrieren zu lassen. Wenn wir das richtig mitbekommen haben, sind wir von den 24 Übernachtungsgästen anscheinend die einzigen Nichtspanier. Die Jugendlichen wollen gleich noch kochen - und es ist schon 21:00 Uhr. Wir sind gespannt, ob wir bald Ruhe finden. Wir bereiten unsere Rucksäcke noch so vor, dass wir sie morgen früh einfach greifen und den Schlafsaal verlassen können, ohne die anderen Pilger mit unnötigen Geräuschen zu stören.