Anreise mit Hindernissen und Gänsehaut

Donnerstag, 30. Juni 2016: Santiago de Compostela

Endlich ist der Tag gekommen, an dem Olli und ich uns auf den Camino Inglés begeben wollen. Da der Bus zum Flugha-fen Hahn dort zu knapp ankommt, fährt uns mein Sohn Christian mit dem Auto in den Hunsrück. Wir kommen auf der Straße gut durch und erreichen den Flughafen nach einer guten Dreiviertelstunde. Wir geben zunächst unsere Rucksäcke, die wir vorher gut in Schutzhüllen verpackt haben, am Abfertigungsschalter ab. Nach einer kurzen Wartezeit, die wir auf der Besucherterrasse verbringen, begeben wir uns zur Sicherheitsschleuse und anschließend zum für unseren Flug angegebenen Gate 5.

Es dauert nicht lange, dann  werden wir aufgefordert, uns zum Gate 2 zu begeben. Wir bedauern die dort ebenfalls wartenden Fluggäste nach Mallorca, deren Flug um einige Stunden verschoben werden muss. Die meist jungen Leute vertreiben sich die Zeit mit Dosenbier und lauter Musik. Das nervt ganz gewaltig, sie scheinen den Flugsteig bereits mit dem Strand von Arenal zu verwechseln.  Der Begriff „Rücksichtnahme“ scheint ihnen ein Fremdwort zu sein. Kaum stehen wir in der Priority-Schlange, erreicht uns über Lautsprecher die Hiobsbotschaft: der Flieger nach Santiago wird erst mit zweistündiger Verspätung starten. Das ist ja prima! Sofort gehen mir unzählige Gedanken durch den Kopf. Vor allem aber: die Rezeption der Albergue Seminario Menor, unsere Unterkunft für die erste Nacht in Santiago, schließt um 23:00 Uhr. Schnell eine Mail hinschicken und nachfragen, ob wir auch später einchecken können - leider wird es bis zum Abflug keine Antwort geben. Was macht man nun zwei Stunden auf einem kleinen Flughafen? Uns fällt nichts Besseres ein, als in einer Kaffeebar etwas zu trinken und die Zeit herumzubekommen. Am Nebentisch sitzt eine russische Familie, deren kleiner Sohn sich gerade so auf den Beinen halten kann. Interessiert schaut er immer wieder zu uns herüber und erfreut uns mit seinem herzlichen Lächeln.

Gegen 21:00 Uhr sitzen wir endlich im Flieger. Der Flug verläuft sehr ruhig und nach zwei Stunden und zehn Minuten landen wir im dunklen Santiago. Ich habe immer noch keine Antwort auf meine Mail erhalten. Mal schauen, ob wir unsere Betten noch bekommen. Auf dem Hahn hatten wir bereits mit einem Ehepaar aus Saarbrücken ausgemacht, zusammen mit dem Taxi ins Zentrum zu fahren. Das ist eine sehr gute Entscheidung, denn nach nur rund 15 Minuten steigen wir direkt vor der Hospedería San Martín Pinario aus, wo sie die Nacht verbringen, und verabschieden uns mit einem ersten Buen Camino von den beiden.

Dann marschieren wir zu unserer Unterkunft. Aus dem Tunnel, der zur Praza Obradoiro führt, erklingt noch zu dieser späten Stunde das „Halleluja“ von Leonard Cohen, auf einer Harmonika gespielt. Gänsehaut Nummer 1! Wir gehen entgegen der Marschrichtung des Camino Francés und passieren die Praza Porta Camiño, wo es im vergangenen Jahr tolle Konzerte mit galizischen Formationen gab. Heute spürt man ebenfalls im Vorbeigehen eine großartige Stimmung auf dem Platz. Drei Frauen stehen auf der Bühne und begeistern das Publikum  nur mit Stimme und Tambourin - Gänsehaut Nummer 2! Nur zehn Minuten später huschen wir durch das Tor der Herberge. Es ist kurz vor Mitternacht und in der Rezeption brennt noch Licht. Wir können doch noch einchecken - Glück gehabt. Allerdings scheint es einige Probleme mit unserer Buchung zu geben, die sich aber glücklicherweise rasch lösen. Unsere Einzelzimmer - wahrscheinlich früher einmal Mönchszellen - befinden sich im dritten Stock und sind sehr klein, aber für unsere Zwecke völlig ausreichend. Bevor wir uns für die Nachtruhe vorbereiten, besorgen wir uns an einem Automaten im Keller ein paar Getränke.