Jakobus ein Stück nähergekommen

Donnerstag, 27. Juni 2019: Von Crozant nach La Souterraine

Der letzte Tag beginnt wieder einmal sehr früh für uns. Pierrick ist deutlich vor uns aufgestanden und macht sich sehr rücksichtsvoll fertig. Außerdem hat er schon Kaffee gekocht. Jörg und ich stehen erst gegen 5 Uhr auf, kurz danach sind wir alleine in der Herberge, da Pierrick schon von dannen zieht. Nach einem kleinen Frühimbiss sind wir kurz nach 5:30 Uhr auch soweit und beginnen die finale Etappe - für dieses Jahr. Jörg hinterlegt noch den Schlüssel im Briefkasten der Brasserie, dann biegen wir rechts ab und gelangen auf einen schmalen, felsigen Pfad, der uns abwärts zur Sédelle führt. Zu Beginn durchlaufen wir einen Abschnitt, der seinesgleichen sucht. Entlang des Flüsschens gehen wir an Mühlen vorbei, die hier in einer wildromantischen Landschaft geradezu für Fotografen Modell stehen.

An einer dreibogigen Brücke endet diese Idylle sehr rasch und es folgt ein langgezogener, gemütlicher Anstieg auf einer in Vergessenheit geratenen Straße. Wir passieren einen in der Morgendämmerung „dampfenden“ See, während in unserem Rücken die Sonne aufsteigt. Auf einer benachbarten Wiese kommen die aufsteigenden Nebelschwaden sehr gut zur Geltung. Und bei genauerem Hinsehen zeichnet sich darin die schattige Silhouette eines äsenden Rehes ab. Im Verlauf des Weges begegnen uns zu dieser frühen Zeit noch zwei weitere Rehe und eine Eule. Nach knapp 6 km erreichen wir La Chapelle Baloue, wo es eine Bar geben soll. Dem ist auch so - allerdings sind wir mit aktuell 7 Uhr deutlich eine Stunde vor der Öffnungszeit da. Das wird dann wohl wieder einmal nichts mit dem erhofften Pausensnack.

Bis jetzt ließ es sich bei fast kühlen Bedingungen bestens vorwärtskommen, doch nun spüren wir, wie die Kraft der Sonne immer mehr zunimmt. Auch in Saint-Germain-Beaupré haben wir nach weiteren acht Kilometern kein Glück mit einer Bar und müssen uns in der Pause mit einer Banane und zwei Müsliriegeln zufriedengeben. Nach dem erholsamen Ausruhen ziehen wir auf der Straße weiter. Bei einem zufälligen Griff an den Hüftgurt meines Rucksackes stelle ich entsetzt fest, dass dort meine Kameratasche nicht an ihrem angestammten Platz ist. Beim Aufnehmen des Rucksackes nach der Pause bin ich wahrscheinlich an der Sitzbank hängen geblieben. Ich vermute, dass die Tasche dabei vom Gurt abgestreift wurde. Ich lasse mein Gepäckstück bei Jörg und laufe den guten Kilometer noch einmal zurück. Das würde mir jetzt fehlen, nach den Verlusten des Vorjahres, die Kamera mit allen Fotos der vergangenen zwei Wochen auch noch zu verlieren. Zum Glück liegt sie wo ich es vermutete. Wer sollte sie auch mitnehmen? In den Dörfern treffen wir ja so gut wie nie Menschen an. Jakobus hat wieder einmal geholfen, danke!

Schon bald bin ich furchtbar schwitzend wieder bei Jörg angekommen und wir können die Etappe fortsetzen. Nur wenig später entdecken wir an einer Sitzgruppe ein Kästchen an einem Baum. Darin hat ein netter Mensch zahlreiche Informationen zum Jakobsweg deponiert - leider aber keinen Stempel. Wir nähern uns unaufhaltsam unserem Zielort, doch vorher machen wir noch nach circa 19 km in Saint-Agnant-de-Versillat in einer geöffneten Bar eine Pause und verdampfen mal schnell drei kleine Kronenbourg. Das tut gut bei den Außentemperaturen, die längst über die 30° Marke gestiegen sind. Nach der Besichtigung der gegenüberliegenden romanischen Kirche Saint-Agnant muss auch noch etwas feste Nahrung her. Wir stürmen eine Boulangerie und lassen uns ein mit Käse und Schinken gefülltes Croissant und ein Apfel-Rhabarber-Törtchen einpacken.

Es sind jetzt nur noch 6 km bis La Souterraine, die uns zunächst in einem Wald durch einen Hohlweg und danach auf Naturteppich und Asphalt zu den ersten Vorboten der Stadt führen. An der Hauptstraße werden von einem Schild herzlich als Pilger in la Souterraine begrüßt und darauf hingewiesen, dass man mittels im Boden eingelassener Bronzemuscheln durch die Stadt gelotst wird. 10 Minuten später treffen wir im Zentrum auf die im vorderen Teil vollständig eingerüstete Eglise Notre Dame. Davor prangt nochmals ein Begrüßungsschild und wir folgen der Einladung in die Kirche. Wir tragen uns in ein Buch ein und erhalten noch einmal einen schönen Pilgerstempel zum Abschluss der diesjährigen Tour.

Direkt um die Ecke befindet sich das Jakobstor und unser gleichnamiges Hotel. Das Einchecken dauert etwas, da die Dame im Restaurant viel zu tun hat. Sie erklärt uns, dass wir unser Frühstück zu jeder Zeit einnehmen können, da es in Selbstbedienung angeboten wird. Das kommt uns sehr entgegen, denn morgen müssen wir spätestens um 7:30 Uhr am 500 m entfernten Bahnhof sein, um unseren Zug zu erreichen.

Wir beziehen unser zugewiesenes Zimmer, das sich als sehr klein darstellt. Manche Pilgerherberge bietet mehr Platz. Aber es ist sauber und in Ordnung, wenngleich durch die Außentemperaturen sehr aufgeheizt. Unsere Kleidung werden wir heute nicht waschen, dafür schauen wir uns nach der Dusche und einer kurzen Ruhephase den Weg zum Bahnhof an, damit wir uns morgen früh nicht verlaufen. Am Bahnhof kehren wir noch einmal für ein Bier in einer Kneipe ein und kaufen auf dem Rückweg weitere Getränke. Gegen 19 Uhr öffnet das Restaurant – wir stehen überpünktlich auf der Matte und dürfen uns aus einem Menükarte unser Abendessen zusammenstellen, das bereits im Zimmerpreis eingeschlossen ist. Nach dem Essen ziehen wir uns in unser Zimmer zurück, bereiten schon alles für morgen vor und begeben uns schon früh ins Bett.