Plötzlich mittendrin

Sonntag, 23. Juni 2019: Von Le Châtelet nach La Châtre

Wie geplant stehen wir heute schon um 5 Uhr auf, damit wir nach dem schon vorbereiteten Frühstück zeitig wegkommen. Wir versuchen leise zu sein, aber auch unsere Mitbewohner sind beinahe zeitgleich auf den Beinen. Kurz nach 6 Uhr verabschieden wir uns von Rita und dem Franzosen. Als erstes erwartet uns ein Anstieg bis zu einem beeindruckenden Chateau. Beim Blick zurück auf Le Châtelet sehen wir gerade noch die Sonne am wolkigen Horizont emporsteigen. Uns fröstelt noch ein wenig, aber die Bewegung und die aufsteigende Sonne tun nun ihr übriges. Die Temperaturen steigen merklich an und schon bald ist es angenehm warm - circa 20°. Kurz vor dem Töpferdorf Saint-Jeanvrien begrüßt uns aus einem Dachfenster eine Pilgerfigur aus Blumentöpfen - da hatte jemand eine gute Idee. Wir so oft laufen wir aber hier auch an einer verschlossenen Kirche vorbei.

Wir folgen einer in diesem Moment ungenutzte Landstraße und planen unsere erste Rast nach ziemlich genau 12 km in Chateaumeillant ein. Jörg besorgt in einer Boulangerie ein paar Croissants, während ich die geöffnete romanische Èglise Saint-Genès aus dem 17. Jahrhundert inspiziere. Lediglich die Säulen der Vierung stammen aus einem Vorgängerbau aus dem 13. Und ein paar wenige Mauern aus dem 14. Jahrhundert. Wir setzen uns direkt neben der Bäckerei auf die vor einem geschlossenen Lebensmittelladen platzierten Stühle und verzehren unser zweites Frühstück. Erst als eine alte Dame zielstrebig zur Eingangstüre läuft und diese auch noch öffnet, wird uns bewusst, dass der Laden geöffnet hat. Von innen ernten wir dazu einen nicht so freundlichen Blick. Wir sind jedoch fast fertig und verziehen uns ganz schnell. Gegenüber auf dem Vorplatz der Kirche sind gerade einige Leute dabei, einen bunten Blumenteppich auszulegen.

Wir werden von einer deutschen Frau, die vom Obermain stammt und hier anscheinend regelmäßig ihren Urlaub verbringt, angesprochen und gebeten, uns an einer La-Ola-Welle für einen Videoclip zu beteiligen. Sie erklärt uns, dass gleich eine kleine Fronleichnamsprozession rund und das Pfarrhaus geplant ist. Prozessionen hätten in Frankreich eigentlich keine Tradition, aber der Pfarrer würde da mitmachen. Nur einen Augenblick später haben wir einen riesigen Palmzweig in der Hand und bilden das Ende der Welle. Nachdem der „Kameramann“ nach dem dritten Versuch mit der Aufnahem zufrieden ist, werden wir dem Pfarrer, Père Marie-Laurent, vorgestellt, der selbst fleißig an der Ausgestaltung mitwirkt. Er nimmt sich die Zeit und plaudert ein wenig mit uns. Die deutsche Urlauberin übersetzt dabei ein wenig. Zum Abschied schenkt uns Père Marie-Laurent eine kleine Marienplakette und erteilt uns noch einen Pilgersegen. Ein junger Mann möchte noch unbedingt ein Foto von uns Dreien machen Pfarrer sowie Jörg und mir machen, bevor wir uns endgültig verabschieden.

Während wir Chateaumeillant verlassen, denke ich noch eine Weile an diese sehr herzliche Begegnung. Da sich aber just in diesem Augenblick ein ordentlicher Anstieg vor uns auftürmt, konzentriere ich mich lieber darauf, zumal die Temperaturen noch einmal merklich angestiegen sind und wir nun ungeschützt in der prallen Sonne pilgern. Nachdem wir heute bisher nur Asphalt unter den Füßen hatten, gibt es nun ein „Canal-de-Berry-Revival“ mit Graswegen bis nach Néret, allerdings ohne Wasser. Kurz zuvor haben wir an einem Rastplatz mit Sitzmöglichkeit eine zweite Pause eingelegt. Eine Dame aus dem benachbarten Haus bietet uns sogar Wasser an, aber noch haben wir genügend Vorräte. Schon bald zeiehn wir weiter und erreichen das Dörfchen Néret, dessen Église Saint-Martin natürlich verschlossen ist. Vor dem Kirchplatz entdecken wir zwei Pilgerfiguren mit einer Kilometerangabe bis nach Santiago de Compostela: nur noch 1557 km!

Bevor wir nach Lacs kommen, legen wir eine letzte Pause an einer Lagerstelle für Strommasten aus Beton ein. Es sind jetzt nur knapp drei Kilometer bis La Châtre. Wenn man hier seinen Blick in die Ferne schweifen lässt, sieht die Landschaft aus, als wäre sie von Schnee überdeckt. Tatsächlich blühen hier irgendwelche angebauten Pflanzen in einem hellen Weiß. In Lacs bemerken wir im Vorbeigehen gerade noch, dass die hiesige Église Saint-Martin mit einer geöffneten Türe zu einem Besuch einlädt. Das nutzen wir gerne aus.

Nun ist noch ein Anstieg zu bewältigen, bevor wir die Vororte von La Châtre durchlaufen. Gegen 14:30 Uhr treffen wir in unserem gebuchten Hotel „Notre Dame“ ein und beziehen unser Zimmer im ersten Stockwerk. Auf ein Frühstück am nächsten Tag verzichten wir, da es morgen wiederum sehr heiß werden soll und wir schon um 6 Uhr auf die Piste möchten. Nach dem Duschen und Waschen hängen wir die Wäsche im Badezimmer auf eine gespannte Leine und gehen in die Stadt, um eine Kleinigkeit zu trinken und zu essen. Daraus wird mit 7,50 € das teuerste Bier der letzten Tage und eine gebratene Chorizo im Baguette.

Nach der Rückkehr in unser Zimmer gönnt Jörg sich eine Verschnaufpause, während ich mich meinem Pilgertagebuch widme. Zunächst schreibe ich die Erlebnisse des jeweiligen Tages in einem kleinen Büchlein auf, um anschließend den Text in mein Handy einzugeben. Hierzu nutze ich eine App, die Sprache relativ genau in Text umwandelt. Klar, eine Nachbearbeitung ist unbedingt erforderlich, da ich manchmal für das Gerät zu undeutlich spreche.  Zum Abschluss kopiere ich den Tagesbericht und einige Bilder in meinen Pilgerblog.

Gegen 19 Uhr macht sich ein Hungergefühl breit und wir verlegen in eine nahe gelegene Pizzeria. Die Preise sind nicht von schlechten Eltern, aber dafür ist das Essen sehr schmackhaft. Auf dem Rückweg zum Hotel nehmen wir in einer benachbarten, aber wesentlich kleineren und günstigeren Pizzeria ein paar Dosen Bier und eine Pizza Jambon mit, die morgen vor dem Abmarsch unser Frühstück sein wird.