Canal de Berry - eine unendliche Geschichte

Freitag, 21. Juni 2019: Von Augy-sur-Aubois nach St.-Amand-Montrond

Heute steht der siebte Pilgertag auf dem Tableau, und es wird die Königsetappe sein. Schon gestern Abend haben wir uns von Hanny und René verabschiedet, weil wir sehr früh losmarschieren wollten. Kurz nach 7 Uhr stehen wir vor der Herberge und beginnen den Tag. Wir werden schon von der Sonne begrüßt, der Himmel ist aber bereits mit Wolken gespickt und auch die Temperatur meint es mit angenehmen 18 Grad richtig gut mit uns. Wir marschieren zunächst auf einer Straße, die aber schon bald auf einen noch feuchten Wiesenweg abzweigt. Die Schuhe verfärben sich ganz langsam dunkel, weil sie den im Gras gefangen Morgentau bereitwillig entgegennehmen. Es dauert rund 4 Kilometer, bis wir den bereits bekannten Canal de Berry erreichen. Zunächst laufen wir parallel etwas oberhalb des Kanals, wechseln aber nach gefühlten wenigen Minuten schon direkt an das Ufer auf den alten Treidelweg.

Aufgrund der Streckenlänge werden wir heute regelmäßige Pausen einlegen - die erste an einer einladenden Sitzgruppe nahe dem Chateau Lienesse. Im weiteren Verlauf wechseln wir mehr oder weniger regelmäßig an Kanalschleusen, die zumeist mit hübschen Wärterhäuschen versehen sind, die Uferseite. Bald verändert das Kanalbett völlig das Aussehen: kein Wasser mehr, dafür wilder Pflanzenbewuchs. An einer Stelle liegen am Boden sogar die verlassenen Schalen von großen Flussmuscheln. Aus dem stillgelegten und sich selbst überlassen Kanal ist ein natürliches Biotop geworden. Hier tummeln sich quietschvergnügte Entenbabies und starten erste Flugversuche, während andere seelenruhig noch brütend auf ihrem Gelege sitzen. Zugleich ergreifen aufgeschreckte Bisamratten und Fischreiher die Flucht vor uns, sobald wir in ihre Nähe kommen. Besonders auffällig ist hier die unfassbar große Anzahl an Schmetterlingen, die sich anscheinend um die Wette verfolgen. Aber auch für andere umherfliegende Insekten ist der Kanal mit seinen steilen Ufern ein Paradies geworden.

Nach circa 21 Kilometern erreichen wir Charenton-sur-Cher, wo wir uns in einer Bäckerei mit einem Mittagssnack versorgen. Es gibt hier verschiede „Menüs“, bestehend aus einem belegten Baguette, einem Getränk und einem Dessert. Wir nehmen an einem der Tische, die vor der Bäckerei stehen, Platz und verzehren zufrieden unsere Mahlzeit. Ich nutze die Gelegenheit und gehe noch einmal ein Stück zurück zur Église Saint-Martin, deren ältester Teil im dem 12. Jahrhundert erbaut wurde. Glücklicherweise ist die Kirche geöffnet und ich kann sie mir ansehen. 

Zum Abschluss des Tages stehen noch einmal rund 10 km Geleitschutz für den Canal de Berry an, bevor wir diesen endgültig am Eingang von Saint-Amand-Montrond verlassen können. So schön es am auch Kanal war, es wird jetzt Zeit, wieder einmal etwas Anderes zu sehen. Doch hier erwartet uns die nächste Herausforderung: es beginnt zu regnen. Na ja, wir haben das ja vor ein paar Stunden geübt. Fix werden die Rucksäcke vor dem Regen gesichert und der Schritt beschleunigt. Auf die Ponchos verzichten wir. Es sind aber noch circa 3 km quer durch die Stadt zu bewältigen, bevor wir ziemlich durchnässt an unserer Unterkunft, dem Foyer de Jeune Travailleurs, ankommen.

An der Rezeption bekommen wir unsere Schlüsselkarten für je ein Einzelzimmer - damit hätten wir jetzt nicht gerechnet. Der Leiter des Hauses kann ein wenig Englisch und erklärt uns, dass am Abend ein kleines Fest mit Karaoke im Speisesaal stattfindet, bei dem auch das Abendessen gereicht würde.  Daran könnten wir gerne teilnehmen. Doch zunächst beziehen wir unsere Zimmer und kümmern uns um die Wäsche. Bevor wir im nahegelegenen Supermarkt einkaufen gehen, darf ich mir Jörgs Wäscheleinenkonstruktion ansehen, die er quer durch sein Zimmer gespannt hat. Ich bin erstaunt über seinen Ideenreichtum. Ich war in der Zwischenzeit auch nicht untätig und habe für morgen per Telefon eine Unterkunft organisiert. Dazu musste ich wieder meine Sprachkenntnisse herauskramen – und es hat wiederum funktioniert. Da heute ein anstrengender Tag war und wir beide sehr müde sind, werden wir im Speisesaal lediglich etwas essen und uns dann in unsere Zimmer zurückziehen. Da es immer noch sehr warm ist, lasse ich die Balkontüre geöffnet, lausche noch dem niedergehenden Regen und hoffe auf besseres Wetter für den morgigen Tag.