Ein Paradies für Jakobspilger 2.0

Donnerstag, 20. Juni 2019: Von La Chapelle-Hugon - Augy-sur-Aubois

Trotz der beengten Schlafmöglichkeit und der nicht gerade niedrigen Raumtemperatur haben wir eine erholsame Nacht hinter uns. Um etwas mehr Platz auf der Schlafcouch zu haben, legten wir uns halt mit dem Kopf entgegengesetzt hin. Das hat gut funktioniert. Heute steht eine erholsame Etappe an, die recht kurz und relativ flach ist. So haben wir auch keine große Eile, um auf den Weg zu gehen.

In aller Ruhe packen wir unsere Sachen zusammen und verzehren ein wörtlich genommenes „petit dejeuner“ - den gestern in Gimoulle gekauften Ziegenkäse. Während unserer Vorbereitungen schaut Madame Lolong, die Gemeindesekretärin, kurz in das Refugio hinein und erklärt uns, wo wir sie wegen des Entgeltes und des Stempels finden können. Ich habe natürlich wieder einmal nicht alles genau verstanden und so verstreicht die Zeit, ohne dass etwas passiert. Also mache ich mich auf die Suche nach Madame Lolong. Ich finde sie mit ein paar anderen Leuten in einem offenstehenden Nebengebäude erwartungsvoll an einem Tisch sitzend. Ich hole schnell Geld und unsere Pilgerausweise und setze mich dazu. Sie nimmt unsere Daten auf, stempelt die Ausweise und verabschiedet uns freundlich. Ziemlich genau um 8 Uhr verlassen Jörg und ich La Chapelle-Hugon.

Zunächst laufen wir an der Église Saint-Etienne-et-Saint-Martin vorbei, doch das reich verzierte Portal ist wie so oft verschlossen. Anstatt meinen GPS-Daten folgen wir den Markierungen der hiesigen Jakobusgesellschaft. Diesen Weg finde ich jedoch nicht auf meiner elektronischen Karte. Trotzdem vertrauen wir den Markierungen, die uns bisher nie im Stich gelassen hatten. Erst sehr viel später erkenne ich, dass wir entlang eines nicht mehr wasserführenden Abschnittes des Canal de Berry laufen. Diese Route durch dichten Baumbestand ist uns auch viel lieber, anstatt wie geplant entlang einer Straße zu gegen. In Grissoure verlassen wir das bewaldete Wegstück und machen in einer Bäckerei einen ersten Stopp. Dort sitzen einige Einheimische an einem kleinen Tisch über ihrem morgendlichen Kaffee. Jörg und ich bestellen und ebenfalls einen Kaffee und dazu eine Apfeltasche und dürfen uns mit an den Tisch setzen. Nach der Stärkung mit diesem zweiten „petit dejeuner“ verabschieden wir uns und machen uns auf den Weg.

Es ist heute im Vergleich zu den Vortagen noch frisch und der Himmel ist von grauen Wolken bedeckt. Der Camino verläuft weiterhin durch schattigen Wald und nun entlang des kleinen Flüsschens Auboir, dahinter befinden sich großflächige Weiden, auf dem Rinder grasen - also das übliche Bild der vergangenen Tage. Schließlich gelangen wir erneut an den Canal de Berry, und dieses Mal ist er auch mit Wasser gefüllt. „Der“ Kanal ist eigentlich ein System aus mehreren Armen im historischen Herzogtum Berry und wurde in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit einer Länge von insgesamt 260 km angelegt. Er verfügt über rund 200 feste und bewegliche Brücken sowie 97 Schleusen. Erst 1956 endete die wirtschaftliche Nutzung und einige Abschnitte wurden sogar verfüllt. Inzwischen gibt es Initiativen, die eine zumindest teilweise Wiedernutzbarmachung anstreben.

Wir wandern mal auf der linken, mal auf der rechten Seite der Wasserstraße und erfreuen uns der Landschaft. Aus allen Richtungen sind Vogelstimmen zu hören, aber auch Frösche und anderes Getier machen sich in der Stille der Natur lautstark bemerkbar. Der Kilometerzähler zeigt ungefähr „10“ an, als wir Sancoins erreichen. Kurz bevor wir den Kanal verlassen, fallen aus einer dunklen Wolke ein paar Regentropfen. Da kommt uns eine Bank unter einem Baum gerade recht. Das Ende des kurzen Schauers abwartend, werden wir von einer Französin unseres Alters überraschend direkt auf Englisch angesprochen. Sie fragt uns nach unserem Ziel, wo wir herkommen und gibt uns ein paar Tipps für die Stadt. Dann zieht sie mit ihren beiden Hunden weiter. Auch wir wollen weiter, kaufen in Sancoins in einem kleinen Markt einen Mittagsnack ein, den wir auf den Treppenstufen der Église Saint-Martin verspeisen. Die Kirche selbst ist natürlich verschlossen.

Nach einer ausgiebigen Pause machen wir uns wieder auf den Weg und landen alsbald erneut am Kanal. Obwohl inzwischen die Wolkendecke aufgerissen ist und blauer Himmel und die Sonne durchkommen, beginnt es plötzlich zu regnen. Rasch ziehen wir den Regenschutz über die Rucksäcke, gleichzeitig kommen unsere Regenponchos erstmals zum Einsatz. Doch nach 200 m ist der ganze Spuk schon wieder vorbei und zumindest die Ponchos verschwinden wieder. Übungsende! Erkenntnis: wir sind innerhalb kürzester Zeit in der Lage, einen vollständigen Regenschutz herzustellen.

Weiter geht es auf einem gemähten Wiesenweg entlang des Kanals. An einer Brücke wechseln wir die Seite und dort auf eine Schotterpiste, die durch eine Hecke vom Kanal getrennt ist. Am Ende der Piste stehen wir allerdings vor dem verschlossenen Tor eines Bauernhofes. Da hat uns das GPS aber ganz schön in die Irre geführt. Auf dem Rückweg entdecke ich eine Lücke in der Hecke, durch die wir auf den parallel verlaufenden, richtigen Weg unmittelbar am Kanal, wechseln können. Das reduziert den zusätzlich zu laufenden Weg deutlich. Schließlich verlassen wir für heute den Kanal über eine aufwärts führende Rampe und laufen das letzte Wegstück auf einer Straße.

Am Horizont ist schon die Kirchturmspitze von Augy-sur-Aubois zu erkennen. Nur wenige Minuten später werden wir von René am Refuge Nos Repos in Empfang genommen. Dieses besteht bereits seit 19 Jahren. In der ersten Planung für die Via Lemovicensis wollte ich eine völlig andere Route nehmen, aber der Hinweis meines Pilgerfreundes und Naturschützers Karl-Heinz ließ mich umdenken und -planen - und das war auch gut so. Das, was René mit seiner Frau Hanny und weiteren Freiwilligen aufgebaut hat, ist vergleichbar mit der Pilgerherberge in Le Chemin. Aus einem alten Bauernhof wurde eine tolle Unterkunft für Pilger.

Wir sitzen im Aufenthaltsraum bei einem Begrüßungsbier eine gute Dreiviertelstunde zusammen und unterhalten uns sehr angenehm. René erzählt, dass er früher Militärpfarrer bei den niederländischen Streitkräften war. Damit haben Jörg und ich einen guten Abholpunkt, denn wir haben uns ja vor Jahren über die Pilgerrüstzeiten der evangelischen Militärseelsorge kennengelernt. Nach der herzlichen Begrüßung haben wir im rustikal hergerichteten Schlafsaal im Obergeschoß freie Auswahl bei den verfügbaren Betten. Danach widmen wir uns den täglichen Themen Pflege von Material und Personal und spazieren danach ins nahegelegene Augy. Dort kaufen wir im Restaurant mit angeschlossenem Dorfladen schon einmal Wasser für den kommenden Tag ein und genehmigen uns ein kühles Bier.

Wieder zurück in der Herberge werden wir um 18:45 Uhr wir zum Abendessen gerufen, wobei wir Hanny, Daniel und Sven kennenlernen. Es gibt Frikadellen und Fleischspieße vom Grill und verschiedene Salate. Nach dem Essen sitzen wir noch lange zusammen und verbringen in einer vertrauten Atmosphäre einen sehr schönen Abend. Jörg und ich sind dankbar, dass wir in Nos Repos zu Gast sein dürfen und erhalten wie jeder Übernachtungsgast zur Erinnerung eines kleines Stoffherz für den Rucksack sowie als österliches Symbol ein gekochtes Ei von den hauseigenen Hühnern. Wir werden diese herzliche Begegnung gerne in Erinnerung behalten. Da wir morgen schon sehr früh das Haus verlassen werden, verabschieden wir uns bereits heute und begeben uns zeitig ins Bett.