Wallfahrt zur Heiligen Bernadette

Dienstag, 18. Juni 2019: Von Prémery nach Nevers

Um 7 Uhr sitzen wir doch am Frühstückstisch, daneben liegen unsere fertig gepackten Rucksäcke. Monsieur Molé hat uns angeboten, das Frühstück so vorzubereiten, wie es in unseren Plan passe. Das macht sicherlich nicht jeder und dafür sind wir sehr dankbar. Bereits eine Viertelstunde später haben wir unsere Rucksäcke auf dem Rücken und verabschieden uns von unserem freundlichen Gastgeber.

Nur zwei Ecken weiter haben wir das noch im Schlaf befindliche Prémery hinter uns gelassen und bewegen uns parallel zu einer Bahntrasse. Hier ist aber schon lange kein Zug mehr gefahren, denn die Gleise sind mit einer dünnen Rostschicht bedeckt. Wir zweigen auf eine Nebenstraße ab, auf der uns einige wenige Autos begegnen und aus denen man uns sogar zuwinkt. Es geht zunächst etwas aufwärts, danach aber eher flach und durch einige Weiler weiter. Man spürt schon deutlich die ansteigenden Temperaturen. Vor allem beim Wechsel von Wald zu offener Fläche merkt man sofort einen deutlichen Unterschied. Kurz vor Mauvron entfaltet sich die Sonne in ihrer ganzen Pracht, die aber zu unserem Wohlgefallen im Laufe des Tages hin und wieder von Wolkenschwaden versteckt wird. Die Landschaft ist immer noch von Weidewirtschaft und Ackerbau geprägt und vereinzelt laufen wir an größeren Gehöften vorbei.

In dem Dorf La Quellerie weckt an einem Gartenzaun ein kleines blaues Schild mit gelber Muschel und Pfeil sowie einem ermunternden Spruch unsere Aufmerksamkeit: „Si vous avez besoin d'eau: Sonnez!“ – „Wenn Sie Wasser brauchen: bitte klingeln!“ Überhaupt sind wir von der Freundlichkeit der Franzosen begeistert. Es gibt bei Begegnungen immer ein „Bonjour“ verbunden mit einem Lächeln. An anderer Stelle wird uns aus einem vorbeifahrenden Auto winkend „Bonne route“ zugerufen.

Schließlich erreichen wir nach rund 18 km mit Guérigny eine Stadt, die am Eingang mit einem Industriebetrieb aufwarten kann. Direkt daneben bietet sich ein Supermarkt zum Einkauf und einer ausgiebigen Pause an. Diese nutze ich, um per Mail für die morgige Übernachtung bei der Mairie von La Chapelle-Hugon anzufragen. Nachteil für uns: es gibt dort weder ein Restaurant noch eine Einkaufsmöglichkeit. Wir müssen also heute Abend in Nevers alles Notwendige besorgen und ihm Rucksack mitschleppen.

Inzwischen ist unser Mittagsimbiss verzehrt und wir machen uns wieder auf den Weg. Guérigny geht fließend über in die Gemeinde Urzy, die eine Partnerschaft mit Kamp-Bornhofen am Rhein pflegt. Nach diesem kurzen städtischen Intermezzo sind wir erneut umgeben von grüner Landschaft. Die Temperaturen sind weiter angestiegen und wir laufen wieder auf einer Nebenstraße. Nach einer Weile lädt uns eine Bank unter einem schattenspendenden Baum zu einer weiteren Pause ein, die wir gerne annehmen. Jetzt haben wir noch circa 7 km bis Nevers vor uns - übrigens Partnerstadt von meinem Wohnort Koblenz. Wir überqueren auf einem frisch asphaltierten Wirtschaftsweg die A 77 und befinden uns kurz darauf in den ersten Vororten von Nevers. Es zieht sich noch ganz schön lange bis zum Zentrum der Stadt.

Gegen 15 Uhr erreichen wir den mittig gelegenen Park Roger Salengro, in dem gerade eine Kirmes aufgebaut ist. Die aufwärtsführende Straße nebenan bringt uns direkt zu unserer heutigen Unterkunft „Espace Bernadette Soubirous“. An der Rezeption werden wir sehr freundlich empfangen und erhalten entgegen unserer Buchung in der Pilgerunterkunft ein nettes Zweibettzimmer. Das ist eine angenehme Überraschung. Wir werden in die Örtlichkeiten eingewiesen und machen uns danach in unserem Zimmer 152 breit. Nach der täglichen Wäsche von Kleidung und Körper ist für Jörg ein wenig ausruhen angesagt. Ich ziehe mich in die Kirche zurück und besuche den Schrein der heiligen Bernadette, die 1858 in Lourdes mehrere Marienerscheinungen hatte, 1866 in das Kloster Saint-Gildard in Nevers eintrat und dort 1878 im Alter von 35 Jahren an Knochentuberkulose starb. Noch heute kann man in der Klosterkirche den unversehrten Leichnam der heiligen Bernadette in einem gläsernen Sarkophag verehren.

Als eine spanische Jugendgruppe die Kirche betritt, wird es sehr unruhig und gehe nach draußen. Vor der Kirche zünde ich an einem Nachbau der Grotte von Lourdes eine Kerze. Zweimal habe ich schon an der Internationalen Soldatenwallfahrt in Lourdes teilgenommen. Ich werde wahrscheinlich in 2020, meinem Dienstjahr als Soldat, noch einmal mitfahren. Ich erkunde das weiträumige Gelände und entdecke etwas unterhalb des Klostergebäudes die Pilgerunterkunft, die anscheinend momentan saniert wird. Deshalb haben wir wahrscheinlich das wesentlich komfortablere Zimmer bekommen.

Am Spätnachmittag suchen wir nach einer Einkaufsmöglichkeit und finden diese auch. Für morgen kaufen wir lediglich Pasta, Tomatensoße und ein paar Kleinigkeiten ein, um Gewicht zu sparen. Um 19:30 Uhr gehen wir zum Abendessen und unterhalten uns am Tisch mit einem französischen Ehepaar. Die beiden haben die gleichen Schwierigkeiten wie Jörg und ich, denn nur die Frau spricht ein wenig Englisch und muss für ihren Mann übersetzen. Im Anschluss drehen wir noch eine kleine Runde durch den Klosterpark und ziehen uns dann in unser Zimmer zurück.