Angekommen in der Vergangenheit

Freitag, 14. Juni 2019: Koblenz - Köln - Paris - Vézelay

Heute geht es los. 2013 erreichten Jörg und ich mit der Basilika Sainte-Marie-Madeleine in Vézelay unser erstes großes Zwischenziel. In diesem Jahr werden wir in den nächsten vierzehn Tagen unsere Pilgerreise durch Frankreich von dort fortsetzen.

Meinen Wecker habe ich auf 3:30 Uhr gestellt, doch meine innere Uhr ist bereits früher auf das Aufstehen getrimmt, sodass ich schon einige Minuten vor dem Weckruf auf den Beinen bin. So kann Susanne wenigstens durchschlafen und ich störe sie nicht. Meinen Rucksack habe ich bereits gestern gepackt und komme auf ein Gewicht von knappen 9 Kilogramm. Nach den letzten Vorbereitungen verlasse ich um 4:15 Uhr die Wohnung und fahre mit dem Auto in die Stadt. Schon nach wenigen Metern muss ich bremsen, denn ein Igel kreuzt gemütlich die Straße, dreht sich neugierig zu mir um und setzt seinen Weg in aller Ruhe fort. Das Auto parke ich in der Stadt in der Nähe von Christians Wohnung, da er heute zu seinem Arbeitseinsatz nach Saffig fahren muss. Ich schicke ihm die Parkposition per WhatsApp und hinterlege den Schlüssel in seinem Briefkasten. Von der Wohnung sind es nur ein paar Ecken bis zum Bahnhof, die ich in ein paar Minuten hinter mich bringe. Am Bahnhof ist noch nicht viel los. Nur wenige Reisende warten wie ich auf ihre Züge, während es sich andere auf den Sitzmöglichkeiten in der Vorhalle „gemütlich“ gemacht haben und vor sich hindösen.

Überpünktlich setzt sich der IC 208 in Bewegung und um kurz nach 6 Uhr bin ich schon in Köln. Hier habe ich jetzt rund eine dreiviertel Stunde Zeit, bis der Thalys nach Paris abfährt. Ich werfe noch einen Blick auf den Dom und besorge mir in einer Bäckerei ein Frühstück. Nach einer ruhigen Fahrt mit kurzen Zwischenstopps in Aachen, Lüttich und Brüssel und einer zeitweisen Reisegeschwindigkeit von über 300 km/h treffe ich in Paris am Gare du Nord um 10 Uhr ein. Während der Reise meldet sich Christian. Er fände es gut, wenn ich ihm meinen Live-Standort mitteile, allerdings hätte er damit ein Problem, das geparkte Auto zu finden. Ups, da habe ich wohl etwas falsch gemacht. Ich erkläre ihm, wo das Auto tatsächlich steht. Wieder habe ich etwas dazu gelernt.

Ich verlasse den Bahnhof laufe noch rund 700 m bis zum Gare de l'Est, wo ich Jörg abholen muss. Er kommt von Mannheim und sollte eine gute halbe Stunde nach mir mit einem ICE aus Mannheim eintreffen. Aus der halben Stunde wird allerdings etwas mehr, die Deutsche Bahn hat es halt nicht so mit der Pünktlichkeit. Wir begeben uns direkt eine Etage tiefer und reihen uns in die Schlange vor einem Ticketautomaten ein. Dabei tauschen wir erste Neuigkeiten aus und machen uns mit dem Handling des Automaten vertraut. Dieser lässt sich mit einem Klick auf Deutsch umstellen und alles Weitere erklärt sich von selbst. Mit den Tickets in der Hand finden wir ausgesprochen schnell unsere Metrolinie 4 und müssen gar nicht lange auf die nächste Bahn warten. Nach sechs Haltepunkten steigen wir an der Station Chatelet um in die Linie 14, mit der wir bis Bercy fahren und dort aussteigen.

Bis der Zug nach Sermizelles abfährt, dauert es jetzt noch eine gute Stunde. Wir schlendern mitten durch eine kleinere Demonstration gemütlich in Richtung Gare de Bercy und werden von einem Paar mit Rucksäcken auf dem Rücken, vermutlich Niederländer, nach dem Weg gefragt. Wir schauen uns den Bahnhof an und entscheiden uns, zunächst in einem nahegelegenen Park die Zeit bis zur Abfahrt mit einem ersten café au lait zu verbringen. Um 12:30 Uhr sitzen wir im Zug nach Sermizelles. An einem Zwischenhalt werden wir von einem Zugbegleiter aufmerksam gemacht, dass wir bitte in einen anderen Wagen umsteigen mögen. Da haben wir anscheinend eine Durchsage nicht mitbekommen. Pünktlich um 15 Uhr erreichen wir unseren Zielbahnhof. Von meinem vorab reservierten und bestätigten Taxi ist allerdings keine Spur zu sehen. Inzwischen macht sich das niederländische Ehepaar, das wir in Paris getroffen hatten, zu Fuß auf dem Weg in das 10 km entfernte Vézelay. Nach zwanzig Minuten fährt ein Taxi auf den Bahnhofsvorplatz und ich erkenne anhand der Beschriftung „Cathy Taxi“, dass es unseres sein müsste. Aber auch ein älteres Paar geht zielstrebig auf die Fahrerin zu und verstaut ihr Gepäck im Kofferraum. Ich versuche, der Fahrerin zu erklären, dass ich ebenfalls eine Reservierung habe. Das ältere Ehepaar gibt uns zu verstehen, dass wir doch einfach mitfahren sollen, es sei genügend Platz vorhanden und zudem würde es günstiger für alle.

Um 15:45 Uhr lässt uns die Taxifahrerin nahe der alten Post am Ortseingang von Vézelay aussteigen und nach einem kurzen Anstieg durch die Rue de Saint-Etienne und die Rue Saint-Pierre haben wir schon unsere Unterkunft erreicht, die mittelalterlichen Pilgerherberge Cabalus. Ich hatte bereits im Vorfeld den Code für den Eingang erhalten, sodass wir uns bereits in unserem Zimmer - damals wie heute Nummer 7 – einrichten können. Alles wirkt so vertraut, die Zeit seit 2013 scheint hier stehen geblieben zu sein. Auf dem Weg zum Büro der hiesigen Jakobusgesellschaft werden wir von unserer Vermieterin, Madame Ingrid Schmieding, einer Schweizerin, begrüßt. Im Pilgerbüro erhalten wir den ersten Stempel für den Pilgerausweis einige nützliche paar Tipps aus erster Hand für die folgenden Tage.

Auf dem Rückweg zur Unterkunft kaufen wir in einem kleinen Laden Chorizo, Käse, Brot und Bier und genießen eine erste Pilgermahlzeit auf unserer mittelalterlichen Stube. Durch das geöffnete Fenster strömt eine angenehme Ruhe in den Raum, die aber bald schon durch das sanfte Geräusch von Regentropfen, die auf Blätter fallen, verdrängt wird. Nach dem Essen gehen wir zur Basilika Sainte-Marie-Madeleine, um an der abendlichen Vesper und dem anschließen Gottesdienst teilzunehmen. Diese gehen wiederum mit den wunderschönen und engelsgleichen Chorälen der Brüder und Schwestern des Jerusalemordens ins Herz, geben Kraft und Zuversicht für die kommenden zwei Wochen auf der Via Lemovicensis. Durch die traumhafte meditative Musik kann man die anstrengende Anreise verdrängen, sich behutsam fallen lassen und sich auf die Pilgerfahrt einstimmen. Das ist ein wunderschönes Ankommen in Vézelay. Leider wird die Basilika gerade saniert und ist am Hauptportal eingerüstet. Schade, dass damit auch das bewundernswerte Tympanon im Verborgenen bleiben muss. Irgendwie habe ich jetzt Parallelen zur Kathedrale in Santiago im Kopf - ein Teil der Kirche ist versteckt, ein anderer bereits fertig und wie neu geboren aussehend.

Morgen geht es richtig los. Die erste Etappe bis Le Chemin steht auf dem Plan. Derweil gehen wir heute früh schlafen und lauschen dem leichten Regen, der durch das offene Fenster ins Zimmer eindringt und einschläfernd wirkt. Gute Nacht.