Von Cravant nach Vézelay (4. Juni 2013)

Ich sehne mich nach dem Ende des nächsten Teilstückes auf dem Weg nach Santiago de Compostela. Wir erreichen heute mit Vézelay einen mittelalterlichen Wallfahrtsort, der noch heute einer der vier bedeutenden Sammelpunkte der Jakobspilger in Frankreich in Richtung Pyrenäen darstellt. Vor uns liegen 34 Kilometer zum Teil entlang des Flusses Cure, zum Teil auch auf den Höhenzügen in der Nähe. Jörg und ich waren uns schon seit einiger Zeit einig, aufgrund der Streckenlänge früh los zu marschieren. Das bedeutet allerdings auch der Verzicht auf das Frühstück in der Hostellerie. Gegen 6.45 Uhr stehen wir mit unseren Rucksäcken auf der Straße, ich wieder mit Sandalen an den Füßen.  Es geht zunächst an der Église „Saint-Pierre-Saint-Paul“, einem Kriegerdenkmal und einem Waschhaus entlang. Hinter Cravant haben wir das Vergnügen, auf einem schmalen Pfad eine Hochebene zu erklimmen. Oben angekommen werden wir von der aufgehenden Sonne begrüßt. Als Lohn für die erste Müh´ am frühen Morgen verlieren wir wieder an Höhe und erreichen das Örtchen Accolay. Bevor wir die Cure überqueren, werden wir durch ein Hinweisschild an der Brücke mit Informationen versorgt, wo sich Pilger im Dorf versorgen können. So füllen wir in der angegebenen Bäckerei unseren Brotvorrat auf und wandern anschließend auf einem Waldweg auf unterschiedlichem Niveau an der Cure entlang.

In Bessy-sur-Cure wechseln wir auf die D227 und erreichen nach einer weiteren halben Stunde Arcy-sur-Cure, das wegen seiner steinzeitlichen Höhlenmalereien bekannt ist. Am Friedhof finden wir zwei Bänke vor und legen hier nach den ersten zwölf Kilometern eine kurze Rast ein. Eigentlich sollte der Weg am Eingangsbereich der Haupthöhle entlangführen… Wir verpassen jedoch die Hinweise, wie man dorthin gelangt und vertrauen lieber den rot-weißen Balken, den Wegzeichen des GR645. Es geht aus Arcy heraus, wiederum auf eine Höhe und dann durch Wald. Allmählich macht sich ein Hungergefühl in der Magengegend breit. Ein Bocadillo wäre jetzt nicht schlecht. In Anlehnung an Hape, dessen Hörbuch wir gestern Abend gelauscht haben, sage ich zu Jörg: „Dann bestell dir doch eins beim Universum!“ Unser Waldweg beschreibt einen großen Bogen durch ein Tal, in dem sich die Cure schlängelt. Der Belag unter unseren Füßen wird grober und wir verlieren wieder an Höhe. Als wir aus dem Wald heraustreten, sehen wir vor uns steile Felswände mit zahlreichen Höhlen darin. An einer Bahntrasse wagen wir einen Blick auf die Landkarte. Wir stellen fest, dass wir gerade den Weg herunter gegangen sind, der laut Pilgerführer von den Höhlen von Arcy kommend genau in die entgegengesetzte Richtung führen soll. Nach weiterem Kartenstudium entscheiden wir uns für eine Alternative, die wie die beschriebene Route zu den Ruinen der römischen Befestigungsanlage „Camp de Cora“ und der sich anschließenden D950 führt.

Von der Eisenbahnbrücke über die Cure laufen wir gut zwei Kilometer bis zum Dorf Saint Moré. Und dort begegnen wir dem Universum in Form der Bar „Auberge du Camp de Cora“. Wir sind total begeistert und lassen uns auf der Terrasse nieder. In der Bar werden wir vom etwas flippigen Wirt per Handschlag begrüßt und wir bestellen uns etwas zu trinken und je ein Sandwich mit Wurst. Was wir dann serviert bekommen, schlägt sämtliche Rekorde: auf jedem Teller liegt ein halbes Riesenbaguette mit dickem Belag. Wir lassen es uns diesen Mittagssnack schmecken und genießen dazu die wärmende Sonne. Nach einer halben Stunde brechen wir wieder auf und folgen den GR-Markierungen. Im Dorf wird gerade eine Straße asphaltiert, sodass wir mehr auf unsere Füße achten denn auf Wegezeichen. Und so ist schon beinahe vorprogrammiert, dass wir nicht mehr weiter wissen. Ein älteres Ehepaar in seinem Auto erkennt wohl unsere Ratlosigkeit, leitet uns zu seinem Haus und zeigt uns den richtigen Weg. Das Angebot für einen Kaffee lehnen wir aufgrund der gerade absolvierten Pause dankend ab und machen uns lieber an den Aufstieg zu den immer noch imposanten Grundmauern des römischen Kastells. Über die D950 sowie eine weitere kleine Landstraße erreichen wir das Dorf La Jarrie und befinden uns wieder auf der beschriebenen Route. Kurz darauf passieren wie die Siedlung Les Hérodats und treffen dort zwei Niederländer, die gerade eine Rast einlegen. Die beiden sind in Reims gestartet und wollen wie wir nach Vézelay, eventuell auch noch weiter.

Nach einer kurzen Unterhaltung laufen wir steil bergab in ein Tal hinein. Auf halbem Weg können wir bereits am Horizont Vézelay erkennen. In Asquins hoffen wir auf eine geöffnete Église „St. Jacques le Majeur“ aus dem 12. Jahrhundert, doch wir werden leider enttäuscht. So finden wir eine Bar und trinken eine Cola und essen ein Eis. Nun steht nur noch der Aufstieg nach Vézelay bevor. In Asquins treffen wir erneut die beiden Niederländer, mit denen wir das letzte Stückchen gemeinsam gehen und unsere Unterhaltung von vorhin fortsetzen. Kurz vor der „Port Neuve“ aus dem Spätmittelalter bleiben die beiden etwas zurück. Der Kern des Wallfahrtsortes besteht aus einer langen Straße, die sich ansteigend bis zur Basilika „St. Marie Madeleine“ emporzieht. Kurz vor der Basilika befindet sich das Pilgerbüro. Dort holen wir uns den Pilgerstempel ab und wir treffen zum dritten Male die Niederländer. Jörg besorgt sich zudem noch einen neuen Pilgerausweis. Danach machen wir uns auf die Suche nach unserer Unterkunft. Da wir sie nicht auf Anhieb finden, versuchen wir es in der Tourist-Info, die im unteren Teil der Stadt angesiedelt ist. Die Auskunft ist eindeutig: das Haus „Cabalus“ aus dem 10. Jahrhundert befindet sich schräg gegenüber dem Pilgerbüro in Blickweite zur Basilika, also wieder aufwärts.

Wir werden von Madame, einer Schweizerin, eingelassen. Sie führt das Haus bereits seit siebenundzwanzig Jahren und betreibt neben der Herberge im geschmackvoll eingerichteten Untergeschoß ein Café und eine Teestube. Der Slogan des Hauses trifft den Nagel auf den Kopf. Man taucht tatsächlich in eine ganz andere Welt ein, ohne jedoch auf moderne Errungenschaften wie Dusche und elektrisches Licht verzichten zu müssen. Auch im Mittelalter wurden hier Pilger aufgenommen. Davon zeugt noch eine Jakobsmuschel über einem Türsturz. Madame führt uns über verzweigte Gänge und schmale Treppen zu unserem Zimmer im oberen Stockwerk. Das Zimmer ist sehr spärlich eingerichtet, versprüht dadurch aber eine besondere Atmosphäre. Der Holzboden ist mit kleinen, rötlichen Fliesen belegt, die Wände sind unverputzt. Die Betten sehen aus wie Strohsäcke, die mit einer Tagesdecke überzogen sind. Tatsächlich sind sie mit guter Bettwäsche versehen, in der wir sicherlich gut schlafen werden. Hinter einem Holzverschlag sind das Waschbecken und die Dusche versteckt. Hier fühle ich mich richtig wohl, in einer anderen Welt eben. Nach einer erfrischenden Abkühlung unter der Dusche machen wir einen kleinen Rundgang um die Basilika und durch die Stadt. In einer Bar bestellen wir uns einen Kaffee und einen Kakao. Während wir das Geschehen auf der Straße beobachten, entdecke ich auf der Rückseite des Stadtplanes, den wir in der Tourist-Info erhalten haben, die Gottesdienstzeiten der Basilika. So beschließe ich für mich, um 18.00 Uhr zur Vesper und dem anschließenden Gottesdienst zu gehen. In der Zwischenzeit will Jörg in einem kleinen Shop für das Abendessen einkaufen, das wir heute Abend in unserem Zimmer einnehmen wollen.

Ich betrete die Basilika über die sehr dunkel gehaltene Vorhalle. Je weiter ich mich in Richtung Altar bewege, desto mehr Licht verströmt sich in dem Gotteshaus. In den Stuhlreihen haben sich circa vierzig weitere Frauen und Männer eingefunden. Vor dem Altar haben sich jeweils sieben in weiße Roben gehüllte Nonnen und Mönche von der "Fraternités de Jérusalem" zum Gebet niedergelassen. In der Basilika herrscht eine angenehme Stille. Die Ordensleute erheben sich und beginnen mit der Vesper. Dabei singen sie die ihre Gebete in einer Schönheit, wie ich sie selten gehört habe. Der engelsgleiche Gesang ergreift mich, lässt alles um mich herum verschwimmen. Ich lasse mich von den Stimmen einfangen. Jetzt wird mir so richtig klar, wo ich bin. In Wetzlar bin ich 2008 gestartet. Jetzt bin ich rund 850 Kilometer weiter westlich in Vézelay angekommen. Mir läuft es eiskalt den Rücken runter und meine Augen werden feucht. In dieser Kirche haben sich über Jahrhunderte Pilger und Wallfahrer versammelt. Ich fühle mich in ihrer Tradition, sauge förmlich ihre Schatten auf. Die Ordensleute singen weiter und ich falle immer tiefer in die Vergangenheit. Inzwischen hat der Gottesdienst begonnen. Ein Mönch geht mit dem Weihrauchfass durch den Mittelgang. Ich verstehe zwar sehr wenig, was der Zelebrant spricht, dafür reicht mein Französisch nicht aus. Aber ich fühle mich trotzdem mitten drin. Ich werde noch unruhiger. Nach dem „Vater unser“ schwärmen alle Ordensleute aus und geben den Friedensgruß an jeden einzelnen Gottesdienstbesucher weiter. So berühre ich vierzehn Mal ein Paar Hände, alte und junge. Dabei schaue ich in vierzehn strahlende, glückliche Augenpaare, wie ich sie selten gesehen habe. Aus diesen Augen spricht ein tiefer Glaube, der ansteckt, den ich bewundere. Bei der Kommunion darf sogar jeder, der möchte, einen Schluck aus dem Kelch nehmen. Das habe ich zuhause so noch nicht erlebt und ich empfinde ein noch intensiveres Zugehörigkeitsgefühl wie vorher. Zum Abschluss des Gottesdienstes lassen sich die Ordensleute noch einmal zum stillen Gebet nieder. Ich bin dankbar, dass ich die Gelegenheit hatte, diese rund neunzig Minuten in der Basilika verbringen zu dürfen. So emotional hat mich auf meiner bisherigen Pilgerreise noch kein Ereignis berührt. Es ist das i-Tüpfelchen auf allen Teilstücken, an das ich mich sicherlich noch sehr lange und sehr gerne erinnern werde.

Auf dem Heimweg zur Unterkunft bin ich noch immer begeistert und schwebe über dem Kopfsteinpflaster. Gegen 19.30 Uhr betrete ich unser Zimmer. Passend zu meiner Stimmung hat Jörg ein gemütliches Abendessen vorbereitet. Wir lassen uns viel Zeit und genießen die eingekauften Speisen: Brot, Tomaten, Leberpastete, Käse, Salami, Schokolade und eine Flasche Chablis-Wein. Als Absacker mischen wir Calvados mit Cola. Es wird ein schöner Abend. Wir lassen noch einmal die letzten Tage Revue passieren, lachen herzhaft über das kalte und nasse Wetter der ersten Tage. Wir schmieden aber auch schon Plänen für die Zukunft. Ab Vézelay geht es in zwei Jahren weiter, danach ebenfalls im Zweijahresrhythmus. Unser Ziel wird sein, jeweils circa dreihundert Kilometer zu schaffen um dann 2020 ab Saint Jean-Pied-de-Port den Camino Francés komplett zu gehen. Gegen 22.00 Uhr legen wir uns ins Bett und schlafen rasch ein.