Von Chablis nach Auxerre (2. Juni 2013)

Ich habe eine richtig miese Nacht hinter mir. Seit gestern Nachmittag leide ich unter leichtem Durchfall. Bis 1.00 Uhr musste ich gleich dreimal auf die Toilette und habe danach kaum geschlafen. Irgendwann muss ich wohl doch noch eingeschlafen sein, wache aber bereits gegen 6.30 Uhr wieder auf. Von draußen dringt Lärm in unser Appartement. Heute, am Sonntag, findet in Chablis ein großer Markt statt, der gerade aufgebaut wird. Ich habe immer noch ein Probleme mit dem Verdauungstrakt und verzichte deshalb auf das Frühstück. Ein Pfefferminztee muss heute Morgen zunächst ausreichen. Jörg bummelt schon einmal über den Markt, während ich mir das bunte Treiben vom Fenster aus dem ersten Stock ansehe. Unmittelbar vor unserem Haus befindet sich ein Hähnchengrill. Auf mehreren Spießen drehen sich große Hähnchen vor dem Feuer und mir läuft bei den verlockenden Düften das Wasser im Munde zusammen. Am liebsten würde ich ja um diese Uhrzeit…

Um 9.00 Uhr verlassen Jörg und ich unsere Unterkunft und gehen zum vereinbarten Treffpunkt mit Roland, der jedoch nicht erscheint. So gehen wir, wie gestern vereinbart, alleine los. Ich habe heute erneut meine Sandalen an den Füssen. Wir lassen es uns aber nicht nehmen, die Marktstände zu inspizieren. Es werden zahlreiche Spezialitäten aus der Region wie Honig, Obst, Wurst, Schinken oder Käse angeboten. An einem Stand knetet eine Frau mit ihren Händen in einer rötlichen Masse und füllt diese schließlich in Därme zu Würsten ab. Ich darf mir das alles gar nicht ansehen. All die Leckereien, und ausgerechnet jetzt streiken Magen und Darm. So kaufe ich mir für unterwegs ein paar Bananen, damit ich zumindest später etwas essen kann. Wir verlassen Chablis auf der Hauptstraße und wenden uns an einem Kreisverkehr nach links in Richtung Milly. An der Église Saint-Sébastien biegen wir nach rechts ab und erklimmen einen sehr steilen Weinberg. Hier oben erreichen wir die Weinlage Côte de Lechet, eine der edelsten und mit dem Prädikat „Premier Cru“ versehen. Nach einem Abstieg umrunden wir den Étang de Beines, eine kleinen See, an dem einige junge Leute campen und angeln. Eigentlich möchten wir eine Rast einlegen, doch trotz schönem Wetter und angenehmen Temperaturen weht ein kühler Wind. So dauert es noch ein paar Kilometer, bis wir das Dörfchen Beine hinter uns gelassen haben und wir uns an einer Wegegabelung niederlassen. Ich verzehre eine Banane, ein paar getrocknete Aprikosen und salzige Pistazien.

Die Fortsetzung des Weges erweist sich etwas schwierig. Die Beschreibung im Führer deckt sich nicht unbedingt mit den tatsächlichen Gegebenheiten. Wir haben wieder einmal einen Anstieg vor uns und landen auf einer kleinen Landstraße, der wir in einem Linksbogen folgen sollen. Nach Studium der Landkarte hätten wir schon längst einen Abzweig nach links nehmen müssen, den wir bisher aber noch nicht gesehen haben. Ein Blick in Karte und Landschaft lässt uns zu der Entscheidung kommen, in das vor uns liegende Tal hinabzusteigen und auf der anderen Seite über einen Weg die dahinter liegende Straße zu erreichen. Dort angekommen zeigt sich unsere guter Spürsinn, wir sind absolut richtig, und oh Wunder, hundert Meter weiter stößt von rechts kommend ein Weg auf den unseren. Diesen hätten wir eigentlich gehen sollen. Das Gelände bleibt weiterhin hügelig und so wandern wir auf und ab bis nach Venoy, wo wir auf einer niedrigen Mauer eine weitere Pause einlegen. Mir geht es weiterhin ganz gut. ich hoffe, dass sich durch die heutige Diät meine Verdauungsprobleme erledigt haben. Schließlich laufen wir über eine Autobahnbrücke und gehen hinter Egriselles durch Wiesen und Felder. Von hier aus sieht man bereits sehr gut die Türme der Kirchen von Auxerre. Unser Weg führt uns allmählich abwärts ins Tal der Yonne und gegen 15.00 Uhr erreichen wir Auxerre. In einer Bar nehmen wir zunächst ein Getränk zu uns, anschließend machen wir uns auf die Suche nach unserer Unterkunft, dem , einer Art Jugendherberge.

Auf dem Gelände der Herberge findet heute ein großes Fest statt. Zahleiche Naturschutz- und Menschenrechtsorganisationen informieren an ihren Stände, für das leibliche Wohl ist auch gut gesorgt. Den Herbergsvater finden wir durch Zufall unmittelbar vor dem Eingang. Er berät gerade ein paar junge Leute zum Thema Fahrrad. Für unser Zimmer bekommen wir zwar keinen Schlüssel, aber es gibt einen schönen Pilgerstempel. Was folgt? Waschen, duschen, ausruhen. Als alles fertig hergerichtet ist, begeben wir uns auf Erkundung in die Stadt. Als erstes besichtigen wir die Église Saint-Pierre. Durch die mittelalterlichen Gassen, die mit bunten Fachwerkhäusern gesäumt sind, finden wir schließlich die Kathedrale Saint-Etienne, die im hellen Sonnenlicht erstrahlt. Die Kirche erscheint mir monumental. Besonders imponiert mir das Tympanon des Hauptportales. Ich kann mich gar nicht satt sehen an der Bildersprache der Künstler. Beim Betreten der Kathedrale mache ich einen persönlichen Zeitsprung und befinde mich um einige hundert Jahre zurück versetzt. Mich umgibt eine Aura des Alten, Vergangenen. Ich lasse mich in der Nähe des Hochchores, wo gerade eine Marienandacht gefeiert wird, zu einem Gebet nieder. In einem Verkaufsraum für Bücher und Tonträger zur Kathedrale bekomme ich einen weiteren Stempel für den Pilgerpass.

Nun treibt uns der Hunger an, doch wir finden weder ein geöffnetes Lokal noch eines, das uns gefällt. Wir landen schließlich bei einem Kurden, der einen Döner-Laden betreibt. Bei der Bestellung erzählt uns der Deutsch sprechende Inhaber, dass er drei Jahre bei seinem Bruder in Berlin gearbeitet hätte. Er serviert uns einen Kebab-Teller mit verschiedenen Saucen, die alle sehr lecker sind. Dazu bekommen wir Salat und Kartoffelecken. Das war die richtige Wahl. Wir sind satt geworden, es hat geschmeckt und wir hatten eine nette Unterhaltung. Mich freut allerdings, dass ich das Essen sehr gut vertragen habe und keine weiteren Schwierigkeiten mehr habe. Zum Abschluss spendiert er uns noch türkischen Kaffee und Tee. Mit einem herzlichen Dank verabschieden wir uns und gehen zurück zur Unterkunft. Dort schreibe ich noch die Ereignisse des Tages auf, während Jörg sich mit drei Franzosen im Hof unterhält, die mit den Aufräumarbeiten des inzwischen beendeten Festes beschäftigt sind. Die drei sind allesamt mindestens einen Kopf kleiner als Jörg. Und: Jörg spricht kein Französisch, die Franzosen im Prinzip weder Deutsch noch Englisch, aber es funktioniert. Ich gehe auch noch einmal nach draußen und schalte mich in die Unterhaltung ein, mache zum Abschluss des Tages noch ein schönes Photo von Jörg und seinen drei kleinen französischen Freunden. Gegen 21.00 Uhr verschwinden wir in unseren Schlafsäcken.