Von Tonnerre nach Chablis (1. Juni 2013)

Trotz der Hitze in unserem Zimmer haben wir gut geschlafen und werden erst um 7.30 Uhr wach. Die nicht gerade umweltfreundliche Trocknungsaktion zu Gunsten unserer Kleidung und Stiefel war erfolgreich. Ich öffne das Fenster und der erste Blick nach draußen lässt endlich einen schönen Tag erahnen. Am blauen Himmel schweben vereinzelt weiße Wolken und die Sonne lächelt mich bereits mit einer angenehmen Wärme an, als wolle sie sich für die vergangenen vier Regentage entschuldigen. So gehen wir gut gelaunt zum Frühstück, das in einem offenen Raum in einer Zwischenebene des Hauses serviert wird. Es gibt Kaffee, heiße Schokolade, Cerealien, geröstetes Baguette, Croissants, Orangensaft und selbstgemachte Marmeladen. Zwei französische Ehepaare leisten uns Gesellschaft, wenn auch nur körperlich.

Anschließend verpacken wir unsere Sachen, schultern die Rucksäcke und gehen in die Schankstube zum Bezahlen. Dort sitzt inzwischen eine größere Gruppe älterer Herrschaften beim Frühstück, die sich von uns aber nicht stören lässt. Einige neugierige Augenpaare können sich jedoch nicht gegen ihre Neugier wehren und beobachten uns freundlich. Vom Wirt lassen wir uns vor seinem Haus photographieren und machen uns um 9.15 Uhr auf den Weg. Zunächst geht es einige Treppenstufen steil aufwärts zur Église Saint Pierre, die jedoch leider verschlossen ist. Von außen ist ihre eigenartige Architektur zu erahnen. Wir hätten sie uns gerne von innen angesehen. Dafür werden wir mit einem grandiosen Blick auf die frühlingshaft angestrahlten Dächer von Tonnerre entschädigt. Bereits nach 400 Metern bergauf wird es uns zu warm und wir entledigen uns der langen Jacken. Noch herrscht eine angenehme Kühle vor, doch es wird sicherlich noch wärmer werden. Heute hängt eine völlig andere Grundstimmung in der Luft, die Jörg und ich erfreut aufsaugen. Um uns herum zwitschern zahlreiche Vögel und wir hören aus den anliegenden Wiesen die Grillen zirpen. Das sind gute Zeichen für einen trockenen Tag.

Es geht weiterhin bergauf bis zum einem Bauernhof, an dem wir rechts vorbei auf einer Hochfläche wandern. Anschließend laufen wir an einem Waldrand vorbei, passieren die Gehege einer Wildschweinzucht und unterqueren eine TGV-Trasse. Während den fünfzehn Minuten, in denen wir die Bahnlinie im Blickfeld haben, rasen mindestens zehn Züge vorbei. Wir erreichen das Dorf Tissey und dürfen dahinter wieder einmal bis zu einer Hochebene gehen. Die heutige Etappe scheint sehr hügelig zu werden. Die Dörfer liegen grundsätzlich in tiefen Tälern und wir müssen auf den vorgesehenen Wegen ständig mehr oder wenige große Höhenunterschiede bewältigen. Die Wege sind trotz der Regenperiode in einem guten Zustand. Das ist gut, unsere Schuhe bleiben trocken. Kurz vor Collan machen wir eine erste Pause und lassen uns auf einem Holzstapel nieder. Bei der Fortsetzung des Pilgerweges stellen wir fest, dass unsere Hosen nun mit kleinen Harzflecken versehen sind. Hinter Collan führt uns er Weg zunächst leicht ansteigend, dann flach bleibend, durch Getreidefelder, die schließlich von den ersten Weinfeldern abgelöst werden. Dort sind einige Winzer mit Pflegearbeiten an den zumeist flachwüchsigen Rebstöcken beschäftigt.

Endlich geht es über eine Betonrinne abwärts und vor uns ist das Tagesziel Chablis zu sehen, der Heimat hervorragender Weine. Zunächst entfernen wir uns scheinbar in einem Linksbogen von der Stadt. Wir überqueren die D965 und gelangen aus südöstlicher Richtung, an Kleingärten, einem Campingplatz und dem noch reißenden Flüsschen Serein vorbei ins Stadtzentrum. Unsere Unterkunft befindet sich ersten Stock eines Fachwerkhauses. Im Untergeschoß befindet sich der Shop eines Weingutes. Dort bekommen wir auch den Schlüssel für das Appartement mit Küchenzeile und können direkt die Rechnung bezahlen. Die Dusche tut gut und unsere Kleider haben sich endlich wieder eine Wäsche verdient. Bevor wir einen Stadtrundgang machen, kosten wir von dem Weißwein des Weingutes, der zur Begrüßung auf dem Tisch stand. Wir sind begeistert. Auf dem Weg zur Église Saint Martin treffen wir in einer Gasse Roland aus Bad Camberg, den wir als Pilger aufgrund seiner Jakobsmuschel am Rucksack erkennen. Vor ein paar Tagen hatte Peter schon von ihm gesprochen, aber wir hätten nicht damit gerechnet, ihn zu treffen. Roland geht nur noch bis Auxerre. Seine Frau trifft heute in seinem Hotel ein und er wird morgen in Auxerre  von ihr mit nach Hause genommen. Wir verabreden uns für morgen am Marktplatz gegen 9 Uhr, um gemeinsam nach Auxerre zu pilgern.

Leider ist die Kirche verschlossen, doch wir haben Glück. Ein Stadtführer erzählt einer Gruppe Interessantes über die Kirche und geht dann mit ihr hinein. Jörg und ich schließen uns einfach an. Die Kirche ist sehenswert und ich nutze die Gelegenheit zu einem kurzen Dankgebet. Gerade als wir die Kirche verlassen wollen, tritt Roland ein. Wir treffen ihn wenig später noch ein drittes Mal in einem kleinen Supermarkt, wo wir für die beiden nächsten Mahlzeiten einkaufen: Paella, Eier und ein paar Snacks für den Abend. Auf dem Rückweg zu unserer Unterkunft besorge ich mir noch in der Tourist-Info den Pilgerstempel von Chablis. Bei dem jungen Mann im Weinshop kaufe ich zudem eine Flasche Wein, die wir als Gäste des Hauses sogar etwas günstiger bekommen. Nach dem Kochen und Abwaschen machen wir es uns auf dem Schlafsofa gemütlich und sehen uns das Pokalendspiel im Fernsehen an.