Von Essoyes nach Les Riceys (29. Mai 2013)

Ich glaube, wir brauchen gar keinen Wecker mehr zu stellen, da wir sowieso früher aufwachen. Wir machen uns frisch und bereiten anschließend unser kleines Frühstück zu. Jörg kocht sich etwas Kaffee und wir verzehren unser Baguette und etwas Käse. Nachdem wir das genutzte Geschirr abgespült und weggeräumt haben, ist nun das Gepäck dran. Die Rucksäcke sind rasch gepackt. Wir hinterlassen einen Zettel mit ein paar Dankesworten an die Familie Chevalier, dazu legt jeder von uns einen 10 Euro-Schein. Gegen 08.45 Uhr verlassen wir unsere Unterkunft und gehen auf der D67 stadteinwärts, wo wir zum einen das noch heute in Familienbesitz befindliche Haus von Pierre Auguste Renoir passieren, zum andern in einer Boulangerie ein frisches Baguette kaufen. Es ist trocken, bewölkt und ich schätze die Temperatur um die zehn Grad.

Über einen Feldweg laufen wir auf einen Wald zu und werden von zwei Autos überholt. Am Waldrand treffen wir auf eines der Fahrzeuge, aus dem ein älterer Herr aussteigt und sich mit uns unterhält. Wenn ich alles richtig verstanden habe, war er im Krieg Soldat in der Nähe der deutsch-französischen Grenze. Er wünscht uns zum Abschied einen gute Zeit auf dem Jakobsweg und verwendet dabei sogar ein paar deutsche Wörter. Es geht nun etwas steil durch ein kleines Tal mit Wald und Weinfeldern bergauf, an dessen Ende wir auf die D70 stoßen. Dieser folgen wir nach rechts und bleiben eine Zeit lang auf ihr. An einer Schutzhütte, die sogar mit einem offenen Kamin ausgestattet ist, müssen wir in einen Wald einbiegen. Der Untergrund ist von den Regenfällen der letzten Tage aufgeweicht und mit großen Pfützen übersät. Unser Führer beschreibt an dieser Stelle den Wegeverlauf etwas unklar, sodass wir erneut auf die D70 treffen. Zunächst überlegen wir uns, auf der Landstraße zu verbleiben, nehmen dann aber doch die nächste Möglichkeit, um nach links wieder in Richtung Wald zu gehen. Grund dafür sind die zahlreichen Lastwagen, die uns mit hoher Geschwindigkeit entgegen kommen. Wir orientieren uns anhand der Landkarte und liegen damit gar nicht so falsch. Der eingeschlagene Weg bringt uns tatsächlich zurück auf die ursprüngliche Route abwärts nach Courteron. Hier gibt es sogar eine Rundwanderung zu den vorhandenen Cadoles.

Am Ortsrand von Courteron biegen wir nach links ein und überqueren wir die hier noch sehr schmale Seine sowie die D671. Es liegt wieder einmal ein Anstieg vor uns, vorbei an blühenden Raps- und Getreidefeldern, die hier außergewöhnliche Größen haben. Manchmal habe ich den Eindruck, dass Ausmaße von einem Kilometer und mehr normal sind. Das Geländeprofil wechselt nun ständig. Hinter einer Waldpassage türmt sich vor uns der Funkmast von Les Riceys auf, den wir bereits gestern am „Plateau de Blu“ sehen konnten. Hier dominieren wieder Weinfelder, an deren Rand Holzstämme gelagert werden. Das ist der ideale Ort, um eine Pause für unsere Mittagsrast einzulegen. Heute gibt es Baguette, Salami und Äpfel. Nach einer guten halben Stunde packen wir alles zusammen und machen uns wieder auf den Weg, der sich jetzt leicht bergab durch die Weinfelder schlängelt. Gegen 13.00 Uhr haben wir einen ersten Blick auf Les Riceys (das aus den drei Ortsteilen Riceys-Bas, Riceys-Haut-Rives und Riceys-Haut besteht) und erreichen am Waldrand die kleine Chapelle Saint-Jacques, die sich jedoch in einem erbarmungsvollen Zustand befindet.

Es sind nur noch ein paar Minuten, bis wir den Ortsteil Riceys-Haut-Rives durchqueren. Wir kommen an der verfallenen Église Saint-Jean-Baptiste vorbei, in die man durch ein Gitter hineinschauen kann. Es bietet sich das Bild eines einst wohl prächtigen Gotteshauses, das heute Verfalls gezeichnet ist. Das Langhaus ist leergeräumt, die Kanzel ist zum Schutz mit Planen abgedeckt, an der Decke sind Fangnetze angebracht. Die Kirche ist sicherlich erhaltenswert, besonders auch aufgrund der wunderschönen Buntglasfenster im Chor. Schließlich finden wir in einem Park das schlossähnliche Rathaus und treffen vor der Gemeindeherberge erneut auf Peter, der die letzte Nacht hier verbracht hat. Das Rathaus gleicht eher einem kleinen Schlösschen. Das Gemeindebüro öffnet erst um 14.00 Uhr. Da Peter noch den Schlüssel für die Herberge hat, zeigt er uns die Räumlichkeiten. Die Zimmer sind einfach, die Küche ist mit dem nötigsten ausgestattet. Damit Peter seine Reise fortsetzen kann, übernehmen wir den Schlüsselbund von ihm und warten auf den Treppenstufen des Rathauses. Pünktlich erscheint die Gemeindemitarbeiterin, der ich, wie ich meine, in einem fast fehlerfreien Satz auf Französisch mitteile, was es mit dem Schlüssel und mit uns auf sich hat. Sie weist uns ein Zimmer zu und wir nutzen die Duschen, die sich in einem sehr guten Zustand befinden. Mir ist es heute nicht so gut. Ich habe den Eindruck, etwas erhöhte Temperatur zu haben, in meiner rechten Hüfte zieht es etwas und meine Füße weisen leicht rote Flecken auf.

In einem Supermarkt decken wir uns mit Lebensmittel für den heutigen Abend ein, genehmigen uns zum sofortigen Verzehr einen Trinkjoghurt. Da wir beide ein wenig müde von der eigentlich kurzen Etappe sind, legen wir uns für eine kurze Zeit auf die Betten. Gegen 18.30 Uhr werde ich wach, Jörg war schon vorher aufgestanden und ist an die frische Luft gegangen. Zum Abschluss des Tages kochen wir die eingekaufte mediterrane Nudelpfanne und trinken eine Dose Bier dazu. Auch heute gehört wie am Vortag der Abwasch dazu, wir wollen schließlich alles sauber für unsere Nachfolger hinterlassen. Wir entscheiden uns danach zu einem kurzen Verdauungsspaziergang durch den Ort, der wie ausgestorben wirkt. Keine Menschenseele ist auf der Straße. Der Himmel zieht sich allmählich zu und es fallen vereinzelt Regentropfen. Das ist das Signal für uns, zurück zu unserer Unterkunft zu eilen. So ist es heute 20.30 Uhr, als wir uns in unsere Schlafsäcke verkriechen und den Tag beenden.