Von Clairvaux nach  Essoyes (28. Mai 2013)

Obwohl der Wecker auf 7.00 Uhr eingestellt ist, wachen Jörg und ich schon eine halbe Stunde früher auf. Die innere Unruhe vor dem ersten Pilgertag ließ anscheinend keinen tiefen Schlaf zu. So machen wir uns halt fertig, packen unsere Rucksäcke und gehen ins Restaurant zum Frühstück. Dort sitzen bereits einige andere Gäste, vornehmlich Handwerker auf Montage. Wir bekommen eine gute Auswahl serviert: getoastetes Baguette, Croissants, Schokocroissants, Brot, Butter, Marmelade und O-Saft. Wir bestellen und beide einen café au lait, der mir aber zu stark ist. Nach dem ausgiebigen Frühstück begleichen wir unsere Rechnung und schultern das Gepäck. Wir wandern an der Abtei entlang auf der D12. Die Sonne lässt sich schon blicken und sorgt für eine gewisse Wärme, sie wird aber hin und wieder von vereinzelten Wolken verdrängt. Wir bleiben jetzt die nächsten Zeit auf der schmalen Landstraße und müssen öfter nach links auf das Bankett flüchten, da uns in unregelmäßigen Abständen Lastwagen mit einer hohen Geschwindigkeit entgegen kommen.

Nach acht Kilometern treffen wir auf die romanische Chapelle de Mondeville, die natürlich verschlossen ist. Durch ein Guckloch kann man wenigsten einen Blick ins Innere der Kirche werfen. Unter den umstehenden Linden machen wir unsere Rast und verzehren einen Apfel. Zu unserer rechten befinden sich die ersten Weinfelder, auf denen die Trauben für den Grundwein für Champagner wachsen. Nach einer knappen Viertelstunde geht es weiter und wir erreichen das Dorf Champignol-les-Mondeville, wo wir uns in einer Boulangerie mit einem Baguette versorgen. Hinter dem Dorf wechseln wir auf die D70, unterqueren die A5 und laufen an einem Kieswerk vorbei. Hier kommen wir richtig schön ins Schwitzen, denn es geht bis nach Saint-Usage zunächst ordentlich bergauf und anschließend abwechselnd auf und ab. Hinter der Kirche führt uns der Weg durch eine schöne Allee, an deren Beginn wir den ersten Wegweiser in Form einer Jakobsmuschel entdecken.

Nach Überwindung eines weiteren Anstieges eröffnet sich uns gegen 12.30 Uhr am „Plateau de Blu“ ein wunderschöner Ausblick in die Ferne. Von hier aus ist bereits der Funkmast von Les Riceys zu erkennen, den wir morgen passieren werden. Inzwischen haben sich am Himmel die Wolken verdichtet und es kommt zunehmend Wind auf. Auf dem Rastplatz neben einem Cadole (Unterstand in den Weinfeldern aus Stein) nehmen wir eine kleine Mahlzeit bestehend aus Baguette und Salami zu uns. Während wir die Kleinigkeit genießen, fallen vereinzelt Regentropfen auf uns herab. Ein Blick nach oben verheißt nichts Gutes, also packen wir unsere Siebensachen und ziehen unsere Regenponchos über. Die Tropfen werden deutlich mehr und kurz vor Essoyes spazieren wir durch einen strammen Regen. In der Tourist-Info bringen wir unseren Wunsch nach einer Unterkunft für die Nacht vor. Das funktioniert auf Englisch ganz passabel. Leider erreicht die junge Frau in der von ihr gewählten Herberge niemanden. Sie spricht eine Nachricht auf den Anrufbeantworter und bittet uns, in einer Stunde noch einmal zu wieder zu kommen.

Inzwischen schauen wir uns die Stadt ein wenig an und gehen in Richtung Kirche, die erwartungsgemäß nicht geöffnet ist. Vor einer Bar entdecken wir ein wohlbekanntes Fahrrad mit Packtaschen. Wir haben uns nicht geirrt, in der Bar sitzt Peter und trinkt einen Kaffee. Wir möchten uns gerne dazu setzen, werden jedoch von einer Bedienung darauf aufmerksam gemacht, dass bereits geschlossen sein. Komisch, auch andere Gäste haben gerade erst ihr Essen serviert bekommen. Dann eben nicht, wir können auch gerne wo anders einkehren. Das machen wir auch, und zwar in einer Bar gegenüber dem Rathaus, ganz in der Nähe zur Tourist-Info. Wir ziehen unsere nassen Ponchos aus, lassen auf dem Fußboden eine Pfütze entstehen und trinken etwas. Als wir die Bar in Richtung Tourist-Info verlassen, regnet es immer noch. Zu unserer Freude bekommen wir eine Adresse genannt, bei der Pilger kostenfrei aufgenommen werden. Dort bestünde  die Möglichkeit zum Kochen, wir sollten uns aber besser vorher im Supermarkt mit Lebensmitteln eindecken. Wir bedanken uns für die Mühe bei unserem ersten Engel der diesjährigen Pilgertour (ich habe vor kurzem das Buch „…und täglich einen Engel“ von Regine Haumaier gelesen). Im Supermarkt haben wir es uns einfach gemacht: es gibt heute Abend Spaghetti mit Tomatensoße mit Baguette und einer Flasche Rotwein, und für das Frühstück nehmen wir gleich noch ein Baguette und einen Weichkäse mit. Gegen 16.00 Uhr betreten wir den Hof der Familie Chevalier in der Rue Auguste Renoir. Unter der Klingel an der Hofeinfahrt werden wir von einer Jakobsmuschel begrüßt, im Hof selbst vom Sohn der Eigentümer.

Er zeigt uns in einem Anbau einer Gerätehalle die Unterkunft: einen großen Aufenthaltsraum mit offenem Kamin, drei Zimmer mit je vier Betten (mit Bettwäsche und Handtüchern), saubere sanitäre Anlagen und eine große Küche mit allen möglichen Geräten. Wir vermuten, dass hier zu Erntezeiten Saisonarbeiter ihr Domizil haben. Wir fühlen uns sofort wohl und sind sehr zufrieden, bedanken uns schon einmal ganz herzlich. Die anschließende Dusche weckt wieder sämtliche Lebensgeister. An meinen Füssen machen sich wie im vergangenen Jahr einige rötliche Flecken bemerkbar. Das brauche ich nicht schon wieder. Kurz darauf fragt der Hausherr selbst nach, ob alles in Ordnung sei. Nachdem die nasse Bekleidung zum Trocknen aufgehängt worden ist, nehmen wir die Küche in Beschlag und bereiten unser Abendessen zu. Abschließend machen wir wieder „Klar Schiff“ und begeben uns zur Ruhe.