Von Koblenz nach Clairvaux (27. Mai 2013)

Es ist jetzt auf den Tag genau ein Jahr her, dass Jörg und ich unsere Pilgertour durch Frankreich in Clairvaux planmäßig unterbrochen hatten. In diesem Jahr haben sich einige einschneidende  Ereignisse in mein Leben eingeschlichen, sowohl privat als auch beruflich. Heute stehe ich bereits um vier Uhr auf und schlüpfe in meine bereitliegende Kleidung, schnüre meine Wanderschuhe zu und schnalle mir den bereits am Vortag gepackten Rucksack auf den Rücken. Um 4.30 Uhr nehme ich die ersten zwei Kilometer der diesjährigen Pilgerwanderung unter meine Füße und marschiere zum Koblenzer Hauptbahnhof. Dort kaufe ich mir am gerade geöffneten Kiosk zwei belegte Brötchen und einen Tetrapack Kakao. Auf dem Bahnsteig 5 werde ich auf meinen Zug warten, der mich zunächst zum Hauptbahnhof nach Bingen mitnehmen wird.

Erfreut stelle ich fest, dass ich so früh bin, dass ich einen Zug nehmen kann, der eine Viertelstunde früher abfährt und mir in Bingen ein zusätzliches Zeitfenster von fünf Minuten für das Umsteigen anbietet. Die Fahrtzeit nutze ich, um mein Frühstück einzunehmen. Ich bin noch ein wenig schläfrig und versuche mich wach zu halten, damit ich tatsächlich in Bingen aussteige. Der Zug erreicht pünktlich Bingen und ich wechsele rasch zum Bahnsteig 202, wo mein Anschlusszug schon bereitsteht. Rund neunzig Minuten dauert die Fahrt nach Kaiserslautern mit der Regionalbahn. Die bisher angenehm verlaufende Fahrt wird auf diesem Abschnitt zunehmend unruhiger; es steigen an jeder Haltestelle Schüler und Berufstätige zu, die sich wild durcheinander die Erlebnisse des vergangenen Wochenendes erzählen.

Die Bahn ist heute extrem pünktlich, wir erreichen Kaiserslautern gemäß Fahrplan. Ich habe dort Glück, denn ich kann auf dem Bahnsteig verbleiben, muss nur die Seite wechseln. Nur wenige Minuten später kann ich in einiger Entfernung den langsam in den Bahnhof einfahrenden ICE erkennen. Ich steige in den richtigen Waggon ein und treffe dort rasch auf Jörg. Wir freuen uns beide auf unser Wiedersehen, vor allem aber auf die bevorstehenden Tage. Wir werden in Clairvaux in den Jakobsweg einsteigen und bis nach Vézelay, einem der historischen Sammelpunkte der mittelalterlichen Pilger, gehen. Während der nächsten zweieinhalb Stunden haben wir uns bei einer Geschwindigkeit bis zu 320 km/h viel zu erzählen. Gegen 9.50 Uhr steigen wir am Kopfbahnhof Paris-Est bei herrlichem Sonnenschein und angenehmen Temperaturen aus dem Zug.

In unmittelbarer Nähe des Bahnhofs nehmen wir in einem Straßen-Café Platz und bestellen uns einen café au lait. Eigentlich trinke ich gar keinen Kaffee, aber dieser ist mit sehr viel Milch angereichert und schmeckt ganz gut. Nach dem Begleichen der Rechnung beginnen wir einen Spaziergang durch das X. Arrondissement (Arrondissement de l’Entrepôt) von Paris, da unser Anschlusszug nach Bar-sur-Aube erst um 12.12 Uhr abfährt. Dabei fallen uns der viele Unrat auf dem Bürgersteig, der immense Autolärm und die unzähligen Kosmetiksalons auf. Drei Bauwerke stechen aus den Häuserzeilen heraus: das Rathaus aus dem Jahr 1896, der Porte Saint-Martin aus dem 17. Jahrhundert und die spätgotische Pfarrkirche Saint-Laurent, die im 15. Jahrhundert begonnen und im 18. Jahrhundert vollendet wurde. Am Eingang der Westfassade werden wir von einer Jakobus-Statue begrüßt. Während der kurzen Besichtigung der Kirche entzünde ich eine Kerze und bitte um eine sorgenfreie Pilgerwanderung.

Kurz vor 15 Uhr verlassen wir in Bar-sur-Aube den Schnellzug und werden mit einem Kleinbus nach Clairvaux gebracht. Unser Hotelzimmer können wir noch nicht beziehen, daher gehen wir zur ehemaligen Abtei und heutigem Gefängnis, um sie zu besichtigen. Die nächste Führung findet erst um 16.30 Uhr statt, sodass wir die bis dahin verbleibende Zeit in der nahe gelegenen „Bar St. Bernard“ bei einem Bier verbringen. Von den Erläuterungen der Führung verstehen wir nicht viel, da meine beschränkten Französischkenntnisse leider nicht ausreichend sind. Die wesentlichen Informationen über die Geschichte des Klosters können wir einer Beschreibung in Deutsch entnehmen, die wir beim Einlass bekommen haben. Die meisten Gebäude sind leider in einem sehr bedauernswerten Zustand. Nur das Refektorium der Laienbrüder und deren darüber liegender Schlafsaal wurden bisher saniert und werden teilweise für repräsentative Veranstaltungen genutzt.

Auf dem Weg zurück zum Hotel treffen wir Peter aus dem Saarland, einem Radpilger der am vergangenen Donnerstag in Metz losgefahren ist und dessen Ziel ebenfalls Vézelay sein wird. Gegen 17.30 Uhr checken wir im „Hotel de l´Abbaye“ ein und beziehen unser Zimmer im zweiten Stock. Danach machen wir noch einen kleinen Spaziergang zur etwas erhöht befindlichen Statue des Heiligen Bernhard von Clairvaux. Von dort hat man einen guten Ausblick auf die Abteianlage. Bisher war es sehr sonnig und warm, allmählich ziehen dunklere Wolken auf. Wir beschließen deshalb, ins Hotelrestaurant zu gehen und das Abendessen einzunehmen. Vor einem Jahr haben wir hier mit Christian, der von Bamberg über Trier nach Santiago de Compostela unterwegs war, gemeinsam zu Mittag gegessen. Heute Abend haben wir zunächst die Auswahl aus Salaten und Vorspeisen vom Buffet. Danach bekommen wir ein Steak mit Nudeln und als Dessert eine Mousse au Chocolat, dazu lassen wir uns einen halbtrockenen Rotwein schmecken. Gegen 21.00 Uhr sind wir wieder in unserem Zimmer, bereiten den folgenden Tag vor und finden rasch einen tiefen Schlaf.