Von Colombey-les-Deux-Églises nach Clairvaux (28. Mai 2012)

Heute steht für Jörg und mich der letzte gemeinsame Pilgertag an. Wir stehen bereits früh auf, ab 7.30 Uhr können wir gemäß Aushang frühstücken. So genau nimmt man es aber nicht mit der Zeit, erst eine halbe Stunde später ist angerichtet. Dafür ist das Angebot sehr reichhaltig. Es gibt Brötchen, ofenfrische Croissants, Marmelade, Kaffee, Tee oder Milch… Wir lassen es uns bereits schmecken, da betritt der junge Mann von gestern Abend den Frühstücksraum. Er wünscht uns auf Deutsch einen guten Morgen und wir fühlen uns in unserer Vermutung bestätigt. Christian kommt aus Bamberg und ist Santiago-Pilger! Wir bieten ihm gerne einen Platz an unserem Tisch an und beschließen recht bald, heute zusammen nach Clairvaux zu laufen. Christian ist 27 Jahre alt und studiert Latein, Griechisch und Geschichte. Er ist zunächst ab Ende April über Würzburg, Mainz und Bingen nach Trier zum Heiligen Rock gepilgert. Dort hat er sogar den Autor eines unserer Pilgerführer, Wolfgang Steffen, getroffen. Sein weiterer Weg führte ihn über Luxemburg, dann ist er gemäß dem Outdoor-Führer gelaufen und will über Vezélay nach St. Jean und Santiago.

Etwas später stehen wir abmarschbereit vor dem Hotel. Es geht zunächst durch den Ort, wo wir versuchen, unsere Wasservorräte aufzufüllen. Das gelingt uns dann auch in einem Andenkenladen. Wir gehen am Rande der D 23, vorbei am ehemaligen Landsitz von General de Gaulle. Der Straße folgen wir circa vier Kilometer, zweigen dann ab auf einen geschotterten Weg, der uns ständig leicht bergab in Richtung Clairvaux führt. Christian ist froh, sich nach einer Woche wieder einmal auf Deutsch unterhalten zu können. Auch für Jörg und mich kommt so etwas wie ein „Pilgerfeeling“ auf. Christian ist bisher der erste Pilger, den wir unterwegs getroffen haben. Wir führen eine gute Unterhaltung und es kommt uns so vor, als würden wir uns schon seit ewigen Zeiten kennen. Leider ist unser gemeinsamer Weg bereits nach zweieinhalb Stunden in Clairvaux beendet. Wir holen uns in der Abtei, die inzwischen überwiegend zu einem Hochsicherheitsgefängnis umgestaltet ist, unseren Pilgerstempel. Anschließend kehren wir noch in einem Restaurant ein und essen eine Kleinigkeit. Ein gemeinsames Foto wird auch noch gemacht und es folgt eine herzliche Verabschiedung.

Dann wird es Zeit, dass Jörg und ich uns zur Bushaltestelle begeben, denn um 12.42 Uhr wollen wir nach Bar-sur-Aube fahren. Da heute Pfingstmontag ist, fahren wohl keine Busse, und so bleibt uns nur die Alternative, die letzten vierzehn Kilometer zu Fuß zurückzulegen. Hierfür benötigen wir etwas weniger als drei Stunden. Im Hotel „La Pomme d´Or“ trinken wir zunächst einmal zwei Bier und bekommen dann unser Zimmer gezeigt. Es ist in Ordnung, jedoch müssen wir morgen auf das Frühstück verzichten, da unser Zug nach Paris bereits sehr früh fährt. Jörg wäscht noch einmal seine Bekleidung, ich verzichte heute darauf. Nach der Körperpflege machen wir einen Spaziergang durch den Ort, erkunden schon einmal den Weg zum Bahnhof. Dabei besichtigen wir noch die Église Saint-Pierre, einem frühgotischen Bauwerk mit romanischen Elementen. Auf dem Rückweg kaufen wir uns in einer kleinen Pizzeria unser Abendessen, das wir im Freien vor dem Rathaus verzehren. Für den morgigen Tag besorgen wir uns in einem kleinen Laden etwas Obst. Zum Abschluss des Tages trinken wir noch etwas im Hotel und zahlen dann unsere Rechnung. Es ist noch nicht spät, als wir unsere Ausrüstung für die Abreise zurechtlegen.

Bar-sur-Aube (29. Mai 2012)

Im Halbschlaf höre ich Vogelstimmen. Auch Jörg wird unruhig. Nach einer Weile schauen wir aus Spaß auf die Uhr und stellen voller Schrecken fest, dass wir verschlafen haben. Es waren keine Vogelstimmen, die wir seit geraumer Zeit gehört haben, das war unser Wecker! Jetzt wird es etwas hektisch. Wir ziehen uns rasch an und packen den Rest in die Rucksäcke. Nur fünfzehn Minuten später verlassen wir das Hotel und machen uns strammen Schrittes auf in Richtung Bahnhof. Wir sind rechtzeitig dort und können uns im Zug einen guten Platz aussuchen. In Paris trennen sich dann unsere Wege. Jörg fährt ab dem Gare Montparnasse über Dax und Bayonne nach Saint-Jean-Pied-de-Port, ich fahre über Saarbrücken nach Hause.

Im kommenden Jahr werden wir hier wieder in den Jakobsweg einsteigen und bis Vezélay pilgern. Ich treffe gegen 16.00 Uhr in Koblenz ein und werde von meiner Familie am Bahnhof abgeholt. Kurz darauf erhalte ich eine SMS von Jörg, der in Paris in den falschen Zug eingestiegen ist und heute nicht mehr nach Saint-Jean kommen wird. Ich buche ihm über das Internet noch ein Zimmer. Am nächsten Tag beginnt er sein Abenteuer auf dem Camino Francés und wird schließlich am 27. Juni in Santiago und am 1. Juli in Fisterra eintreffen. Aber das ist eine andere Geschichte…