Von Joinville nach Colombey-les-Deux-Églises (27. Mai 2012)

Im Vergleich zu den bisherigen Nächten war diese recht kurz, aber der gestrige Abend war sehr schön und es hat sich gelohnt, erst spät ins Bett zu gehen. Wir nehmen um 8.00 Uhr ein reichhaltiges Frühstück im Esszimmer ein und packen anschließend unsere Rucksäcke. Auch heute werde ich wieder in Sandalen laufen, das geht besser, wie gedacht. Als Dank hinterlassen wir in Valéries Gästebuch noch einen herzlichen Eintrag. Uns hat es bei ihr sehr gefallen und wir können „Le Val du Roy“ jedem Pilger wärmstens empfehlen. Valérie gibt uns noch zwei Baguettes für unterwegs mit, dann werden wir von einem Freund nach Vignory gefahren. Dort setzt er uns direkt vor der romanischen „Église Saint Étienne“ ab, die wir zunächst erkunden. Die Kirche aus dem frühen 11. Jahrhundert ist eine der bedeutendsten romanischen Sakralbauten in der Champagne. Wir sind total begeistert und ich setze mich für einen ruhigen Moment, sauge die Stimmung der Kirche in mich auf. Um 10.30 Uhr schultern wir unsere Rucksäcke und machen uns auf den Weg.

Es geht zunächst rund fünf Kilometer bergauf durch ein Waldgebiet. Da die Sonne bereits kräftig scheint, ist der schattige Wald eine Wohltat. Bald sollen wir eine Kreuzung von sechs Wegen erreichen, aber irgendwie scheint unsere Wanderkarte mit der Realität nicht übereinzustimmen. Die von uns gewählte Route führt uns eher abwärts als zum höchsten Punkt des heutigen Tages. Zum Glück hat Jörg einen Kompass dabei und wir stellen rasch fest, dass wir falsch gelaufen sind. Nach Studium der Karte liegt nördlich von unserem Standort eine Straße, an der wir uns orientieren könnten. So marschieren wir nun auf dem eingeschlagenen Weg, der uns tatsächlich nach Norden bringt. Drei Kilometer weiter ist die Straße in Sichtweite und wir kennen jetzt auch unseren aktuellen Standort. Schnell finden wir einen Weg zu der angesprochenen Kreuzung, die wir nach einer halben Stunde bergauf erreichen. Aber auch hier scheint die Karte nicht ganz genau zu sein und wir müssen zwischen zwei Wegen wählen. Und wieder treffen wir die falsche Wahl und nehmen den verkehrten Weg, der immer schmaler wird und am Ende einem durch Waldtiere ausgetrampelten Pfad gleicht. So stehen wir dann auch vor einer mit Stacheldrahtzaun umgebenen Weide. Das Vieh befindet sich jedoch weit weg und wir überwinden das Hindernis. Darauf folgt ein Balanceakt über einen umgekippten Strommast, der als Steg über einen Bach dient. Auf der anderen Seite der Weide treffen wir auf eine Straße. Mithilfe der GPS-Ortung von Jörgs iPhone haben wir schnelle unseren Standort gefunden und laufen auf der D 113 in Richtung Lamothe-en-Blaisy durch ein grünes Tal. Auf der Kirchenmauer legen wir unsere Mittagsrast ein und verspeisen Baguette und Salami. Da die Kirche sogar geöffnet ist, nutze ich die Gelegenheit zur Besichtigung. Viel gibt es nicht zu sehen, es ist halt eine Dorfkirche, die in die Jahre gekommen ist, aber trotzdem einen gewissen Liebreiz besitzt.

Bis zu unserem heutigen Ziel Colombey-les-Deux-Églises dürfte es jetzt noch eine gute Stunde dauern. Wir laufen die D 235 entlang, nur einmal begegnet uns ein Auto, das aber mit hoher Geschwindigkeit! Am Horizont erscheint allmählich das überdimensionale „Lothringische Kreuz“, das zum Gedenken an General de Gaulle im Jahre 1972 errichtet wurde. Um 16.50 Uhr sind wir nach sechs Stunden reiner Marschzeit in Colombey. Unser Hotel „La Grange du Relais“ liegt direkt an der Durchgangsstraße. Wir bekommen ein Zimmer in einem Anbau im hinteren Bereich und machen eine großartige Entdeckung: einen Pool! Wir waschen zunächst unsere Kleidung und hängen sie zum Trocknen in die Sonne. Dann gibt es kein Halten mehr: Badehose anziehen und ab ins kühle Nass. Ich glaube, wir waren fast eine Stunde im Pool. Nach dem Duschen machen wir einen kleinen Spaziergang durch den Ort. Alles ist hier auf General de Gaulle ausgerichtet. Er hat hier seine letzten Lebensjahre verbracht und wurde auch hier beigesetzt. Der Friedhof liegt unmittelbar hinter der „Église Notre-Dame-en-Sons-Assomption“, deren älteste Teile aus dem 11. Jahrhundert stammen. Nach der Besichtigung der Kirche statten wir auch dem Grab des französischen Ex-Präsidenten einen Besuch ab. Das Areal in der Nähe ist übersät mit Kondolenztafeln ehemaliger und aktiver Truppen der französischen Armee sowie anderer Gruppierungen aus dem ganzen Land. Wieder zurück im Hotel nehmen wir im schattigen Garten Platz und bestellen unser Abendessen. Wir haben uns beide für ein Menü bestehend aus Salat mit Tomaten und Mozzarella sowie „boef avec frites“, entschieden. Dazu trinken wir eine Flasche Bordeaux, die uns aber etwas zu gehaltlos schmeckt. Als Dessert können wir aus verschiedenen Käsesorten wählen, den Abschluss bildet eine Portion Mousse au Chocolat. An einem der Nachbartische sitzt ein junger Mann, der nach unserer Musterung durchaus ein Pilger sein könnte. Ausschlaggebend für unser Urteil sind seine Wanderkleidung und ein Tagebuch, in das er gerade vertieft ist. Während wir noch die Reste des Desserts genießen, ist er aber schon verschwunden. Gegen 22.30 Uhr sind wir gut gesättigt und machen uns für die Nacht bereit.