Von Gondrecourt-le-Château nach Joinville (26. Mai 2012)

Nach dem üblichen französischen Frühstück (Baguette, Croissants, Marmelade, Butter sowie Kaffee oder Kakao) holt uns wie vereinbart ein Taxi ab. Wir erklären der Fahrerin mittleren Alters, so gut es geht, unser Vorhaben und sie bringt uns ins zwölf Kilometer entfernte Cirfontaines-en-Ornois. Damit müssen wir heute nur eine Strecke von rund 22 Kilometern zu Fuß gehen. Die Fahrt hat uns zwar dreißig Euro gekostet, aber das war es uns wert. Wir werden am Ortseingang an einer Kreuzung rausgelassen und die Fahrerin wünscht uns noch einen guten Weg. Wir durchlaufen Cirfontaines-en-Ornois auf der D 115 und passieren die Kirche, die eher einem römischen Tempel ähnelt und auch verschlossen ist. Es wäre sicherlich interessant gewesen, mal einen Blick in Innere zu werfen. Nach knapp vier Kilometern erreichen wir das Dörfchen Harméville, wo uns eine ältere Dame entgegenkommt und uns direkt in akzentfreiem Deutsch anspricht. Während des kurzen Gesprächs stellt sich heraus, dass sie aus der Nähe von Saarbrücken stammt und hier mit ihrem französischen Mann lebt.

Wir bleiben weiterhin auf der beinahe autofreien Landstraße und müssen hinter dem nächsten Dorf Soulaincourt einige Höhenmeter zu einem Hochplateau erklimmen. Um uns herum befinden sich zahlreiche steinige Äcker. Oben angekommen, haben wir das Glück, aus der prallen Sonne zu entfliehen und wieder durch eine schattige Waldpassage zu laufen. Nach einer halben Stunde durch grünes Weideland treffen wir in Sailly ein, wo wir an der „Église Saint-Maurice“ aus dem 12. Jahrhundert eine kurze Pause machen. Wir prüfen unsere Füße und schmieren sie noch einmal mit etwas Hirschtalg ein. Auch heute bereitet mir das Gehen in Sandalen keine Schwierigkeiten. Inzwischen sehen meine Waden auch schon besser aus. Jörg hat mir die Salbe gegeben, die er im vergangenen Jahr in der Apotheke in Vigy für seine Blasen gekauft hatte. Auf einmal spricht uns ein älterer Landwirt an und fragt ob er den Schlüssel für die Kirche holen soll. Wir haben kaum geantwortet, da ist er auch schon wieder weg und schließt uns wenige Minuten später die Kirche auf. Wir können gerade noch ein „Merci“ rufen, da ist er erneut verschwunden und überlässt uns die Kirche. Wir stellen unsere Rucksäcke an der Kirchenmauer ab und nutzen die Gelegenheit zur Besichtigung. Die Inneneinrichtung ist recht spärlich und hat wohl schon bessere Zeiten erlebt. Aber ich glaube, für die Dorfbewohner ist sie immer noch etwas Besonderes. Während ich mir Bilder, Skulpturen, die baufällige Kanzel oder den Altar anschaue, spreche ich leise ein Gebet. Wir verlassen die Kirche unverschlossen, da unser Gönner nirgendwo zu sehen ist und begeben uns wieder auf die D 115.

Es dauert erneut eine halbe Stunde und wir durchlaufen Noncourt-sur-le-Rongeant. Kurz darauf sind wir bereits in Poissons, wo wir zunächst die „Église Saint-Aignan“ aus dem 16. Jahrhundert besichtigen. Dazu müssen wir zunächst circa zwanzig Treppenstufen hochlaufen, kommen dann durch einen Vorbau in den etwas gedämpften Innenraum. Auch diese Kirche wirkt auf mich wieder sehr ursprünglich. Auf dem weiteren Weg überqueren wir ein kleines Gewässer mittels mehrerer Brücken, das idyllisch durch das Dorf fließt. Dann finden wir ein schattiges Plätzchen und entschließen uns, hier Mittagsrast zu machen. Unser Mahl besteht heute aus Baguette und Wildschweinsalami, dazu gibt es ein fruchtiges Mineralwasser aus den Vogesen. Jetzt wird es Zeit, weiterzulaufen. Zunächst bleiben wir noch eine Weile auf der D 115, biegen dann aber auf eine frühere Bahntrasse ab. Mit zunehmender Strecke wird der Untergrund immer steiniger, schließlich bewegen wir uns nur noch auf sehr grobem Schotter. Doch bald haben wir dieses quälende Stück hinter uns und laufen auf das Örtchen Suzannecourt zu. Dort besichtigen wir die „Église paroissiale de la Sainte-Croix“, die bereits im 12. Jahrhundert errichtet wurde. Beeindruckend sind die alten Fresken sowie die Ausgestaltung des Chores. Irgendwie spüre ich die Geschichten, die das alte Mauerwerk sicherlich erzählen kann. Nur ein paar Ecken weiter sind wir in Joinville, das wir über die D 60 betreten. In einem Supermarkt versorgen wir uns schon einmal vorsorglich mit ausreichend Wasser für den nächsten Tag. An der Kasse werden wir aufgefordert, unsere Rucksäcke zu entleeren. Anscheinend sehen wir nicht besonders vertrauenserweckend aus. Dann überqueren wir noch den „Canal de la Marne á la Saône“ und die Marne. Zunächst gehen wir zum Bahnhof, wollen dort einen Zug für morgen finden, der uns ein paar Kilometer mitnehmen kann. Für morgen stünden nämlich knapp 38 Kilometer an. Leider haben wir kein Glück, Züge fahren nur sehr selten ab Joinville. Vom Bahnhof gelangen wir über die „Rue Mauclère“ und die „Rue de Capucins“ zu unserer heutigen Herberge „Le Val du Roy“.

Mit der Eigentümerin Valérie Weber hatte ich bereits im Vorfeld öfter gemailt. Sie besitzt sowohl die französische als auch die schweizer Staatsangehörigkeit, lebte einige Jahre in der Nähe von Zürich und spricht sehr gut Deutsch. Sie war mir behilflich, in zwei Orten Unterkünfte zu organisieren, wofür ich sehr dankbar war. Wir sind etwas zu früh, werden aber sehr herzlich empfangen. Nachdem Valérie uns durch ihr Haus geführt hat, packen wir in dem uns zugewiesenen Zimmer „Jean de Joinville“ unsere Rucksäcke aus. Danach treffen wir uns im Garten und trinken gemeinsam etwas. Wir führen ein sehr nettes Gespräch und lernen ihre Lebensgeschichte kennen. Dabei müssen wir feststellen, dass es das Schicksal nicht immer gut mit ihr meinte. Sie erzählt uns, dass das Haus aus dem Jahr 1686 stammt und ursprünglich eine Schule für Nonnen war. Seit einem Jahr bietet sie drei geschmackvoll eingerichtete Zimmer als Chambres d´Hôtes an. Pilger hat sie schon öfter aufgenommen, und sie sagt, dass sie sogar am liebsten Pilger als Gäste hätte. Dann wird es für uns Zeit, die Dusche mit Massagestrahlen auszuprobieren. Valérie ist so lieb, und steckt unsere durchgeschwitzte Kleidung in die Waschmaschine. Danach sitzen wir wieder im Garten, hängen die Wäsche auf und unterhalten uns noch etwas. Im Laufe der Zeit treffen noch weitere Gäste ein: zwei Ehepaare aus Metz und Lausanne. Hier findet die Unterhaltung gleich dreisprachig statt: auf Französisch, Deutsch und Englisch. Ein weiteres französisches Paar bekommen wir während unseres Aufenthaltes erst gar nicht zu Gesicht. Das Abendessen nehmen wir in der Küche ein, was Valérie wohl ein wenig peinlich ist, da sie ein stilvolles Esszimmer besitzt. Jörg und ich betonen aber immer wieder, dass wir uns in der Küche sehr wohl fühlen. So zieht sich auch das Essen sehr angenehm in die Länge. Es gibt Salat, Reis und Hähnchen, dazu leeren wir je eine Flasche Rot- und Weißwein. Wir drei verbringen einen wunderschönen Abend mit großartigen Gesprächen, die teilweise sehr tiefgehend sind. Inzwischen haben wir auch entschieden, die morgige Etappe anders als geplant zu gestalten. Valérie macht uns das Angebot, uns mit dem Auto zum Startort nach Vignory zu bringen. Erst kurz vor Mitternacht überwiegt die Müdigkeit und wir ziehen uns in unser Zimmer zurück.