Von Liverdun nach Nancy (22. Mai 2012)

Die Kirchenglocken wecken uns um 7.00 Uhr. Eigentlich wollten wir heute erst etwas später aufstehen, trotzdem machen wir uns fertig zum Frühstück. Es ist schon einiger Betrieb im Frühstücksraum. Wir suchen uns einen Platz, leider unmittelbar am Kaffeeautomaten. Morgen werden wir etwas zeitiger zum Frühstück erscheinen und einen günstigeren Platz erhaschen. Es gibt alles, was das Herz begehrt, halt auf Französisch: Brötchen, Croissants, Butter, Wurst, Käse, Marmelade. Im Fernsehen wird über das nächtliche Unwetter berichtet, das mit Schwerpunkt in der Region um Nancy hereingebrochen ist. Anschließend packen wir das Nötigste für heute ein. Da wir unser Zimmer auch für die kommende Nacht haben, nehmen wir nur meinen Rucksack mit.

Auf dem Weg zum Bahnhof teilt mir Jörg mit, dass er seine Pläne geändert hat. Ursprünglich wollte er an unserem letzten gemeinsamen Tag nach Dijon fahren und dann über Le Puy-en-Valey in Richtung Pyrenäen weiterlaufen. Er hat sich mit der Entfernung ein wenig verschätzt und will nun direkt nach Saint-Jean-Pied-de-Port fahren und dort auf den Camino Francés gehen. Zunächst statten wir der Église St. Leon IX. einen Besuch ab und sind überrascht über die Räumlichkeit der Kirche. Bei einem kurzen Rundgang entzünde ich noch eine Kerze und lasse mich auf einer Bank nieder. Im Bahnhof verkürzen wir die Wartezeit auf unseren Zug an einem Fahrscheinautomaten und versuchen, eine Verbindung für Jörg nach Saint-Jean zu finden. Um 9.02 Uhr sind wir in Liverdun. Es ist diesig und bedeckt. Zunächst machen wir einen Rundgang durch den mittelalterlichen Ort. Dabei genießen wir die wunderschöne Aussicht auf die Mosel vom Hof des Château Corbin aus dem 19. Jahrhundert. Weiter oben gelegen ist die Église St Pierre, die um diese Zeit noch verschlossen ist. So kehren wir zum Bahnhof zurück und beginnen die heutige Etappe nach Nancy. Dabei laufen wir an der Mairie vorbei und lassen uns einen Stempel in den Pilgerausweis drücken. Nach Studium der vorhandenen Unterlagen verändern wir den geplanten Wegverlauf und überqueren bereits in Liverdun die Mosel. Es geht nun einige Kilometer entlang einer Landstraße bis nach Frouard. Dort kaufen wir in einem Lidl etwas Obst und Trinkjoghurt. Wir folgen nun dem Lauf der Meurthe auf einem gut ausgebauten Fahrradweg, machen aber erneut einen kleinen Umweg. Inzwischen klart der Himmel auf und die Sonne lässt sich sogar blicken. Wir lassen die Ortschaften Champigneulles und Maxéville mit ihren am Wasser gelegenen Industrieanlagen rechts liegen.

An der „Pont Vayringe“ verlassen wir die Meurthe und laufen rechter Hand in ein Wohngebiet. Hier befinden wir uns bereits in Nancy und erreichen kurz darauf den „Canal de Marne au Rhin“. Dieser wurde 1853 fertiggestellt und verbindet auf 300 Kilometern Mosel, Rhein und Marneseitenkanal. Wir laufen an einer beweglichen Brücke über den Kanal vorbei und staunen über die zahlreichen Hausboote, die hier vor Anker liegen. Auf Höhe der „Rue Lecreulx“ verlassen wir den Kanal nach rechts und betreten den wunderschönen, großflächig angelegten „Parc de Pépinière“. Die Überbleibsel des Unwetters sind in Form von Wasseransammlungen noch deutlich erkennbar. Unmittelbar an die südliche Kante des Parks schließt sich der „Place Stanislas“ an, der uns ins Staunen versetzt. Rund um den Platz befinden sich prunkvolle Bauten, in denen die Oper, das Musée-des-Beaux-Arts und das Rathaus untergebracht sind. Die Ecken des Platzes sind mit wunderschönen Brunnen mit vergoldeten Verzierungen versehen und in der Mitte thront die Statue des polnischen Königs Stanislaus I. Am Südende des „Place Stanislas“ gehen wir in die „Rue Maurice Barres“ und stehen an deren Ende unmittelbar vor der „Cathédrale Notre-Dame-de-l'Annonciation“, die zu Beginn des 18. Jahrhunderts erbaut wurde. Wir lassen uns von der Einfachheit der hellen Bischofskirche einfangen und sind besonders von der Orgel begeistert. Auch hier entzünde ich eine Kerze vor einem Marienbildnis.

Nun ist die Zeit gekommen, dass wir uns wieder in unser Hotel zurückziehen. Unterwegs holen wir uns in der Tourist-Information noch einen Stempel ab und genehmigen uns in einer Bäckerei ein Éclair „chocolat“ und ein „vanille“, lecker! Da wir auch am Bahnhof vorbeikommen, kauft sich Jörg noch sein Ticket von Paris nach Saint-Jean. Es ist nicht ganz einfach, mit meinem schlechten Französisch dem Mitarbeiter zu erklären, was wir wollen. Letztendlich bekommt er aber, was er braucht. Um 16.00 Uhr erreichen wir unser Hotel. Wir pflegen, wie immer unsere Ausrüstung und bereiten schon alles für den kommenden Tag vor. Später gehen wir noch einmal Pizza essen, das Angebot ist einfach zu verlockend. Jörg bestellt sich wie am Abend vorher eine „Fruits de Mer“, ich entscheide mich für eine „Forêt-Noire“. Heute tauschen wir nach der Hälfte die Teller aus. Mit gefülltem Magen liegen wir schon früh im Bett und lauschen noch ein wenig einem Hörbuch: „Ich bin dann mal weg!“