Von Dieulouard nach Liverdun (21. Mai 2012)

Darauf habe ich mich schon lange gefreut: heute geht es wieder auf den Jakobsweg nach Frankreich. Im vergangenen Jahr bin ich mit Jörg bis Dieulouard gepilgert, etwa 20 Kilometer nördlich von Nancy gelegen. Ich stehe bereits um 5.00 Uhr auf, nehme ein kleines Frühstück ein und lasse mich von meiner Frau Susanne zum Bahnhof bringen. Pünktlich um 5.56 Uhr setzt sich der Regionalexpress in Richtung Saarbrücken in Bewegung. Knapp drei Stunden später treffe ich dort Jörg wieder. Wir müssen für ihn noch ein Bahnticket kaufen und fahren dann über Forbach nach Metz. Hier hat unser Anschlusszug etwa zwanzig Minuten Verspätung und fährt dann noch von einem anderen Bahnsteig ab. Im Zug treffen wir zwei Wanderer, die sich durch die Lektüre in einem Outdoor-Buch als Deutsche verraten. Sie fahren heute bis Toul und wollen von dort aus ihre Wanderung fortsetzen.

Schließlich treffen wir gegen Mittag in Dieulouard ein. Es ist dort stark bewölkt, aber nicht kalt. Unsere erste Anlaufstelle ist die Mairie, direkt gegenüber der Kirche. Hier bekommen wir von einer freundlichen Dame unseren ersten Stempel für den Pilgerausweis. Anschließend besuchen wir die Kirche, wo ich eine Kerze entzünde und für einen guten Weg bete. Dieses Mal besichtigen wir auch die Krypta, die man mittels eines schmalen Durchlasses rechts neben dem Chor über in den Fels gehauene Stufen erreicht. Dann machen wir uns tatsächlich auf den Weg. Schon bald entdecken wir neben den Wanderzeichen des Fernwanderweges Metz-Nancy auch die gelbe Jakobsmuschel auf blauem Grund und fühlen uns sofort zu Hause. Auf einem asphaltierten Weg verlassen wir Dieulouard durch ein Neubaugebiet. Wenig später befinden wir uns auf einem Wirtschaftsweg, dem man die Regenschauer der vergangenen Tage anmerkt. Unsere Stiefel werden von Schritt zu Schritt schwerer. Wir müssen ständig dicke Matschklumpen von unserem Schuhwerk abstreifen. Wir laufen an Feldern vorbei, kreuzen eine Landstraße und durchqueren ein Waldstück. Beim Verlassen des Waldes haben wir einen ersten Blick auf Saizerais, unserem ersten Zwischenziel. Leider ist die Kirche, an der wir vorbeilaufen, verschlossen. So beschließen wir, im Zentrum des Ortes vor der Mairie eine erste Trinkpause einzulegen.

Nach einer Viertelstunde geht es weiter und wir folgen immer noch den Muschelwegweisern. Es dauert nicht lange und der eingeschlagene Weg kommt uns etwas komisch vor, passt er doch eigentlich nicht zum Verlauf der Karte. Wir marschieren jedoch weiter durch ein ausgedehntes Waldgebiet und erreichen schließlich Weideland und einen kleinen Bach. Wir laufen auf einen Hof zu und orientieren uns an einigen Hausdächern, die wir am Horizont sehen. Im Ort entdecken wir oberhalb einer Haustür eine stark verwitterte Jakobusstatue und stellen dort mittels Jörgs iPhone unseren tatsächlichen Standort fest: Viller-St.-Etienne. Wir haben uns richtig schön verlaufen und stellen nun auch fest, dass die Jakobsmuscheln den Weg nach Toul anzeigen und nicht nach Nancy. Das bedeutet nun, dass wir noch gut zwei Stunden entlang einer schmalen Uferstraße an der Mosel bis zu unserem heute geplanten Tagesziel Liverdun laufen dürfen. Dort kommen wir dann etwas erschöpft nach 27 Kilometern an, eigentlich sollten es rund 16 Kilometer gewesen sein. Wir begeben uns direkt zum Bahnhof, um nach Nancy zu fahren. Erst im Zug können wir bei der Zugbegleiterin unsere Tickets kaufen, denn am Bahnhof gibt es weder einen Schalter noch einen Automaten. Und da wir auch kein Kleingeld haben, bekommen wir sogar zwanzig Cent erlassen. Unser Hotel befindet sich nur zwei Ecken vom Bahnhof entfernt. Dabei passieren wir eine gotische Kirche, deren Portal sogar noch offen steht. Morgen werden wir sie uns ansehen.

Unser Zimmer im Hotel „Akena“ ist sehr sauber, aber auch sehr klein. Es ist gerade noch genug Platz, um am Bett vorbeizugehen. Im Zimmer ist eine Kunststoffkabine eingebaut: unsere Nasszelle mit Waschbecken, WC und Dusche. Streckt man beide Arme aus, erreicht man mühelos die Außenwand. Wir nennen die Kabine liebevoll „Wohnklo“. Nachdem wir unsere Ausrüstung versorgt und uns geduscht haben, machen wir uns auf die Suche nach etwas Essbarem. Am Himmel ziehen inzwischen vermehrt zahlreiche dunkle Wolken auf. Da auf dem Fensterbrett noch unsere Wanderstiefel stehen, wollen wir kein Risiko eingehen, kehren noch einmal um und stellen sie ins Trockene. Draußen entscheiden wir uns dann für eine andere Richtung und finden direkt einen kleinen Supermarkt. Dort decken wir uns für den morgigen Tag mit Wasser und Müsliriegeln ein. Beim Verlassen des Ladens sehen wir an der nächsten Straßenkreuzung eine Pizzeria. Das ist nach unserem Geschmack, aber zunächst bringen wir unsere Einkäufe ins Zimmer. In der Pizzeria werden wir informiert, dass es beim Kauf einer XL-Pizza für 13,80 Euro eine zweite gratis dazu gebe. Das hört sich gut an und wir entscheiden uns für je eine Pizza „Fruits de Mar“ für 13,80 Euro. Wir setzen uns direkt an eine große Fensterscheibe mit Blick auf die Straße. Rechts neben uns sind im Fernseher die Simpsons zu sehen. Die Pizza ist lecker und wir genehmigen uns noch jeder zwei Dosen Bier dazu. Auf dem Weg zurück zum Hotel beginnt es dann tatsächlich zu regnen. Wenig später liegen wir im Bett, werden aber bald von einem heftigen Gewitter mit hellem Blitz und lautem Donnerschlag wachgehalten.