Von Eibingen nach Münster-Sarmsheim (4. Oktober 2016)

Es ist wieder einmal ein Jahr vergangen und die Militärseelsorge hat zu einer neuen Pilgerrüstzeit eingeladen. In diesem Jahr wandern wir auf den Spuren der Heiligen Hildegard von Bingen von der gleichnamigen Abtei in Rüdesheim bis zum ehemaligen Kloster Disibodenberg an der Nahe bei Bad Sobernheim. Erst im kommenden Jahr wird es einen markierten Hildegard-Weg geben, der im September 2017 eröffnet werden soll.

Die Teilnehmer aus Koblenz treffen sich wie immer in der Falckenstein-Kaserne und fahren gemeinsam nach Mainz, wo sich das evangelische Militärpfarramt befindet. Die Rüstzeit steht wieder unter der bewährten Leitung des Hausherrn, Alexander Liermann. Sein katholischer Kollege aus Koblenz musste leider wegen anderer Verpflichtungen seine Teilnahme kurzfristig absagen. Vor dem Dienstgebäude werden wir bereits vom Rest erwartet. Die meisten kennen sich aus den vergangenen Jahren, und so fällt auch die Begrüßung sehr herzlich aus. Nachdem beide Fahrzeuge mit Gepäck beladen sind, fahren wir nach Rüdesheim und schauen uns zunächst die Abteikirche an. Dort entdecke ich in einer Nische einen Stempel für den wohl recht neuen Rheingauer Klostersteig, einem knapp 30 km langen Weg vom Kloster Eberbach nahe Eltville zur Marienkirche in Rüdesheim-Aulhausen.

Die Benediktinerinnenabtei wurde erst in den Jahren 1900 - 1908 im neoromanischen Stil erbaut und mit Schwestern aus Prag besiedelt. Sie steht in der direkten Nachfolge der von Hildegard gegründeten Klöster Rupertsberg und Eibingen und wird von einer Äbtissin geleitet, die ebenfalls als Nachfolgerin der Heiligen angesehen wird. Der neuen Äbtissin, Mutter Dorothea Flandera, wurde erste gestern durch den Bischof von Limburg die Äbtissinenweihe gespendet. Die Abteikirche wurde von den Künstlermönchen der Benediktinerabtei Beuron ausgestaltet und stellt das Leben von Hildegard sowie Motive aus dem Alten und Neuen Testament dar.   

Nach der Besichtigung beginnen wir unseren Weg und steigen abwärts über Eibingen an der Wallfahrtskirche St. Hildegard (ein morderner Bau aus den 30er-Jahren des vergangenen  Jahrhunderts auf dem Gelände des ehemaligen, von Hildegard gegründeten Klosters Eibingen; dort befinden sich seit 1641 ihre Reliquien). In einem goldenen Schrein im Chor der Kirche werden die Reliquien der Heiligen aufbewahrt. Eibingen geht nahtlos in Rüdesheim über, wo ich einen kurzen Blick in die Jakobus-Kirche werfe und finde eine ansprechende Jakobus-Statue. Mit einer historischen Personenfähre überqueren wir den Rhein und gehen in Bingen an Land, wo wir einen kurzen Abstecher zur  Basilika St. Martin mit Besichtigung machen. Danach setzen wir den Weg über die Nahebrücke fort und passieren den Rupertsberg, auf dem Hildegard im Zeitraum von 1147 bis 1150 ihr erstes Kloster gründete. Von diesem ist aber nur noch ein Kellergewölbe erhalten, das  angeblich die Krypta der ehemaligen Klosterkirche sein soll. Archäologische Untersuchungen haben aber ein deutlich jüngeres Alter ergeben.

Kurz vor der Drususbrücke zweigen wir von der Nahe ab und steigen auf dem Hunsrücker Jakobsweg oder Ausoniusweg (dessen Ziel ist Trier) bis nach Weiler auf, wo wir vor einem schönen Sonnenuntergang von unserer guten Seele Jörg Bertram mit Kaffee und Kuchen erwartet werden. Für das letzte Wegstück des heutigen Tages wählen wir eine Abkürzung, da es schon spät geworden ist und allmählich die Dämmerung beginnt. Es geht über einen verwilderten Weg, der inmitten eines Weinberges endet, uns aber dann doch in den Ort bringt. Kurz nach 19:00 Uhr erreichen wir in Münster-Sarmsheim unsere heutige Unterkunft, den Münsterer Hof. Wir verteilen uns auf die Zimmer - traditionell teile ich mir eins mit meinem langjährigen Pilgerbegleiter Jörg.

In der Weinstube Kruger-Rumpf, ein paar Häuser nebenan, gibt es Abendessen in Form einer Vesperplatte. Nach dem Essen halten wir eine kurze Andacht. Zwei Zitate stehen im Fokus: „Jedes Geschöpf ist mit einem anderen verbunden, und jedes Wesen anderes gehalten“ (Hildegard von Bingen, Liber divinorum operum, 1163 - 1174) sowie „Mut ist der Preis, den das Leben verlangt, wenn es Frieden mit dir schließen soll (Amelia Earhart, US-amerikanische Flugpionierin und Frauenrechtlerin *1897, verschollen 1937). Kevin sorgt für die musikalische Untermalung mit der Gitarre, ohne die unser Gesang wohl nicht so gut anhören würde. Für die morgige Vorstellungsrunde sollen wir uns in Bezug auf die beiden Zitate Gedanken machen, was uns im letzten Jahr gut gelungen ist, was uns Gutes zuteilwurde und was sich unverhofft, ohne unser Zutun, ergeben hat.

Bevor wir zu unserem Hotel aufbrechen wollen, kommt der Senior-Chef des Weingutes zu uns und ist neugierig, wer denn hier so fein Musik gemacht hat. Die Verbliebenen erzählen ihm von unserer Rüstzeit und erhalten im Gegenzug einiges Interessantes zu seinem Betrieb und zum Ort. Mit einem Abschluss-Bier im Hotel beenden wir diesen ersten erlebnisreichen Tag.