10. August 2015: Von Mainz nach Weilbach

Der 10. August ist für mich ein besonderer Tag, und in diesem Jahr sogar ein ganz besonderer. Ich vollende heute nämlich mein fünfzigstes Lebensjahr. Meine Frau Susanne und mein Sohn Christian hatten mir im Vorfeld schon die Möglichkeit gegeben, mir etwas für diesen Tag auszusuchen. Da fiel die Wahl nicht schwer, um die Flucht von zu Hause zu ergreifen und Koblenz den Rücken zu kehren. Ich wünschte mir einen Tag auf der Bonifatius-Route, beginnend in Mainz. Nach einem gemütlichen Frühstück fahren wir nach Mainz und stellen das Auto in einem Parkhaus in der Nähe der Zitadelle ab. Wir gehen zunächst durch die Augustinerstraße in Richtung Dom. In der Dom-Information besorge ich mir noch ein paar Devotionalien von der Bonifatius-Route und lasse mir den ersten Stempel in den Pilgerpass geben.

Dann geht es richtig los. Wir gehen über den Liebfrauenplatz zum Rheinufer und biegen dort nach links ab, um über die Theodor-Heuss-Brücke von der Landeshauptstadt von Rheinland-Pfalz zur Landeshauptstadt von Hessen - Wiesbaden - zu gelangen. Sinnigerweise heißt der Stadtteil, in dem wir uns nun befinden, Mainz-Kastel. Hinter der Brücke erreichen wir über eine schmale Treppe das rechte Rheinufer. Dort befindet sich ein Dreimaster, der zu einem Erlebnisrestaurant umfunktioniert wurde. Wir passieren eine ehemalige Kaserne aus dem 19. Jahrhundert, in dem heute ein Museum über 2000 Jahre Geschichte, von der Römerzeit in die Neuzeit, untergebracht ist. Dort soll es einen Stempel geben, jedoch hat das Museum montags geschlossen. Die nächsten Kilometer bleiben wir auf einem Weg entlang des Rheins und gelangen über eine Stahlbrücke zum Flößerhafen und zum Naherholungsgebiet Maaraue, bis wir schließlich die Mündung des Mains in den Rhein erreichen.

Wir folgen dem Leinpfad bis nach Mainz-Kostheim, wo wir auf den fünfzigsten nördlichen  Breitengrad treffen. Bei einer kurzen Stippvisite der St. Kilian-Kirche entdecke ich im Eingangsbereich einen Pilgerstempel und drücke mir diesen in den Pilgerausweis. Im weiteren Verlauf des Weges stoßen wir am früheren Cellulosehafen auf einen stählernen Aussichtturm. Nach etwas über einhundert Stufen hat man von der Plattform einen ganz netten Ausblick auf den Main und Kostheim - aber ob die Kosten hierfür sinnvoll waren… Wir bleiben weiterhin auf dem Weg entlang des Mains, nun vorbei an einer stinkenden Fabrik und etwas abseits des Flusses über einen Hochwasserdeich. In der Ferne ist die Eisenbahnbrücke nach Hochheim mit ihren markanten Stahlbögen zu sehen. Am Ortseingang von Hochheim befindet sich eine Stele zur Erinnerung an den Platz, wo der Leichnam von Bonifatius vom Schiff an Land gebracht wurde und der Leichenzug gen Fulda zog.

Am Horizont thront auf einem Hügel die katholische Pfarrkirche St. Peter und Paul, der wir einen Besuch abstatten. Im hinteren Bereich gibt es am Schriftenstand sogar zwei Stempel: einen für die Bonifatius-Route und einen für den Jakobsweg. Hochheim ist ein hübsches Städtchen mit einer stattlichen Anzahl an gut erhaltenen Fachwerkhäusern, die wir uns auf einem Rundweg durch den Ortskern ansehen. Unterwegs gönnen wir uns ein leckeres Eis. Schließlich verlassen wir Hochheim am Krieger-Denkmal und laufen geradewegs durch Weinberge in Richtung Flörsheim. Von einem kleinen Unterstand hat man noch einmal einen schönen Blick zurück auf die barocke Kirche. Auf der gegenüberliegenden Seite des Mains sehen wir die Rüsselsheimer Opelwerke. An einer Wegegabelung hat man eine Infotafel installiert, die auf einen bedeutenden Fund aus der frühkeltischen Zeit um das 4. vorchristliche Jahrhundert hinweist.

Wir verlassen jetzt das Maintal und biegen in Richtung Norden ab, wo es zunächst durch Weideland geht. Die Werbetafeln für den Gasthof Wiesenmühle wecken bei uns Begehrlichkeit in Form einer zünftigen Mittagsmahlzeit, die jedoch rasch getrübt werden. Die Wiesenmühle genießt nämlich montags ihren Ruhetag. So steigen wir eine unendlich aussehende Treppe empor bis zur Anna-Kapelle aus dem Jahr 1715. Geradeaus befindet sich ein künstlerisch, in Form eines Baumes gestalteten Aussichtsturmes aus Stahl, dem wir allerdings keine große Beachtung schenken. Wir wenden uns nach links und laufen weiter bis zur Kriegergedächtnis-Kapelle von 1928. Direkt dahinter haben Pfadfinder aus Steinen ein Labyrinth angelegt, das Christian und ich begehen. Nur wenige Schritte weiter passieren wir die Neue Flörsheimer Warte - einem rekonstruierten mittelalterlichen Wachturm. In dem hier ansässigen Biergarten nutzen wir die Gelegenheit zu einem kleinen Imbiss. Nach der Mittagspause ziehen wir weiter durch Weinberge nach Wicker, wo uns mitten im Ort der sogenannte Ausscheller in Form einer Statue begegnet. In der Pfarrkirche St. Katharina gibt es zudem einen weiteren Pilgerstempel.

Die nächsten Kilometer sind geprägt von landwirtschaftlichen Flächen und Streuobstwiesen. Nach einer kurzen Waldpassage gelangen wir zu einer Art Laube, die sich als Schwefelquelle zu erkennen gibt und zum Kurort Bad Weilbach gehört. Eine Kostprobe ist uns verwehrt, da die Quelle derzeit aus hygienischen Gründen nicht genutzt werden kann. So laufen wir weiter durch den Ort. Vor der Überquerung einer Autobahn folgen wir dem Hinweisschild zu einer weiteren Quelle, die circa zweihundert Meter abseits der Route liegt. Es handelt sich um einen Sauerbrunnen, dessen Wasser vorzüglich schmeckt. Ich fülle mit gleich eine Flasche davon ab. Von der Autobahnbrücke kann in den Dunstschwaden des Horizonts die Frankfurter Skyline erkennen. Es sind jetzt nur noch wenige Ecken, bis wir das Zentrum von Weilbach erreichen. Dort suchen wir eine Bushaltestelle, von der wir mit dem Bus zum Bahnhof nach Flörsheim fahren können. Da bis zur Abfahrt des Busses noch etwas Zeit hat, hole ich mir in der Pfarrkirche Maria Himmelfahrt den für heute letzten Stempel ab.

Schließlich fahren wir mit dem Bus nach Flörsheim und von dort mit der Bahn bis nach Kastel. Über die Theodor-Heuss-Brücke sind wir recht flott in der Mainzer Innenstadt und am Parkhaus. Es war ein wunderschöner Geburtstag mit herrlichstem Pilgerwetter, den wir mit einem leckeren Abendessen zu Hause in einem chinesischen Restaurant ausklingen lassen.