2. Oktober 2015: Von Kleinheiligkreuz nach Fulda

Da wir heute in Fulda noch einige Termine haben und eine Strecke von rund fünfzehn Kilometern bewältigt werden muss, wurde das Frühstück und die Abmarschzeit gegenüber den vergangenen Tagen etwas vorgezogen. Bei frischen Temperaturen und leicht bedecktem Himmel geht es los. Zunächst haben wir das Vergnügen, auf zwei Kilometern eine etwas steilere Passage zu erklimmen, danach führt uns die Bonifatius-Route durch ein Waldgebiet nur noch leicht abwärts. Als wir aus dem Wald heraustreten, sind wir schon eine knappe Stunde unterwegs und erreichen bei inzwischen blauem Himmel die Schnepfenkapelle, die offiziell „Wallfahrtskapelle zur Schmerzhaften Mutter“ heißt und um das Jahr 1775 errichtet wurde. Hier begehen wir unsere tägliche Morgenandacht.

Danach setzen wir unseren Pilgerweg durch abgeerntetes Ackerland fort. Die am Rande stehenden Apfelbäume versorgen uns mit schmackhaften Früchten. Wir passieren eine Bonifatius-Statue und laufen kurz darauf durch das Örtchen Malkes. Dort befindet sich eine Jakobuskapelle mit Darstellungen des Jakobus und Sturmius. Letzterer war ein Schüler und Vertrauter von Bonifatius und gründete auf dessen Geheiß in Fulda ein Kloster, in dessen Kirche der Kirchenvater der Deutschen seine letzte Ruhestätte finden sollte. Leider ist das Kirchlein verschlossen. Zwar gibt es eine Adresse, wo man den Schlüssel erhalten kann, aber das wäre wohl etwas zu früh und außerdem drängt die Zeit ein wenig. Wir verlassen Malkes an einer Jakobus-Statue und bewegen uns auf den Fuldaer Industriepark West zu. Zum Glück sind wir da schnell durch, denn wirklich sehenswert ist das Gelände im Vergleich zu den wunderschönen Landschaften der vergangenen Tage nicht.

Die Route bringt uns noch durch die Örtchen Rodges und Haimbach. An einer Straßenkreuzung entdeckt Michael eine Bäckerei, und schon sind einige aus der Gruppe unterwegs, um sich einen Becher mit koffeinhaltigem Heißgetränk zu besorgen. Nach einer kurzen Wartezeit setzt sich der Tross wieder in Bewegung und läuft entlang eines Fahrradweges entlang des Haimbaches in Richtung Fulda. Wir haben unser Ziel erreicht, überqueren das Flüsschen Fulda und zweigen kurz dahinter vom markierten Weg ab. Bevor wir den Dom aufsuchen, kehren wir im Brauhaus Wiesenmühle zum Mittagessen ein. Dafür sind wir allerdings noch etwas zu früh eingetroffen, sodass wir das sonnige Wetter ausnutzen und dem Ruf des Biergartens folgen. Für Jörg ist das die Gelegenheit, jedem Teilnehmer die traditionelle Teilnahmeurkunde und ein kleines Erinnerungspräsent zu überreichen. Zum Essen begeben wir uns ins Innere des Gasthauses und lassen uns das deftige Mahl schmecken.

Zum Abschluss der Pilgerrüstzeit wartet auf uns mitten im Fuldaer Barockviertel der Dom St. Salvator mit dem Grab des Heiligen Bonifatius. Zunächst schauen wir uns aber die romanische St. Michaels-Kirche auf dem Michaelsberg an, die um 820 nach dem Vorbild der Jerusalemer Grabeskirche erbaut wurde und als Totenkapelle des Klosters Fulda genutzt wurde. Sie ist damit eine der bedeutendsten Sakralbauten des Mittelalters. Unmittelbar daneben befindet sich der Domplatz mit der Bischofskirche. Auf dem Platz stehen heute zahlreiche Traktoren in Reih und Glied. Milchbauern demonstrieren für faire Milchpreise und damit für die Sicherung ihrer Einkommen. Der Dom selbst wurde von 1704 - 1712, damals noch als Abteikirche des Klosters Fulda, unter dem Fürstabt Adalbert von Schleifras auf den Grundmauern der vorher niedergerissenen Ratgar-Basilika erbaut. Erst mit der Gründung des Bistums Fulda 1752 wurde die Kirche in den Rang einer Kathedrale erhoben. Vor dem Hauptportal werden wir schon vom Domkapitular Prälat Peter-Martin Schmidt erwartet, der uns bei einer kurzen, aber exklusiven Führung durch das die weiße Barockkirche einiges erzählt. Letzte Station im Dom ist die Krypta mit dem Bonifatiusgrab, wo wir das traditionelle Lied der Bonifatius-Wallfahrer singen. Prälat Schmidt spendet uns danach gemeinsam mit einer Bonifatius-Reliquie den Segen. Wer möchte, erhält zudem noch einen persönlichen Segen. Zur Nachweis des erfolgreichen Pilgerns nach Fulda bekommen wir in der sonst nicht zugänglichen Sakristei den Pilgerstempel des Doms in unseren Pilgerpass gedrückt.

Dann heißt es für uns, wieder zurück zu den am Brauhaus abgestellten Fahrzeugen zu gehen und nach Hause zu fahren. Von Michael müssen wir bereits in Fulda Abschied nehmen, denn er bleibt an dem Wochenende noch für einen Marsch vor Ort. Die Fahrt nach Mainz verläuft unspektakulär und die meisten betreiben ein wenig Augenpflege. In Mainz laden wir die Fahrzeuge aus und dann ist die Pilgerrüstzeit tatsächlich zu Ende. Wie in jedem Jahr fällt der Abschied schwer, doch wir freuen uns bereits auf 2016, wenn es hoffentlich wieder ein paar gemeinsame Tage auf einer Pilgerroute geben wird. Dann haben Alexander und ich noch etwas zu erledigen: die Geschichte mit dem Eis.