1. Oktober 2015: Von Hochwaldhausen nach Kleinheiligkreuz

Die Nacht in dem Holzhaus war sehr angenehm und ich hätte durchaus noch weiter im Bett bleiben können. Da wir aber jeden Morgen erst gegen 8:00 Uhr frühstücken sollte die Ruhezeit im Verhältnis zum Alltag eigentlich ausreichend sein. Nach dem Frühstück holt jeder sein Gepäck in den Frühstücksraum, wo wir einen Stuhlkreis für die Morgenandacht bilden, die wiederum von Ralph und Kevin musikalisch untermalt wird. Anschließend verstauen wir die Taschen in den Fahrzeugen, versorgen uns mit Getränken und Riegeln für unterwegs und begeben uns auf die Straße. Zunächst laufen wir durch Hochwaldhausen bis zum Ortsteil Ilbeshausen. Dort finden wir in der evangelischen Kirche hinter einer Schiebetür sogar einen Pilgerstempel, den ersten seit gestern Morgen. Die Kirche wurde in der Barockzeit erbaut und am 10. November 1766 eingeweiht. Auf der Brüstung und der Empore sind zahlreiche bedeutende Personen der Bibel dargestellt - neben dem Reformator Martin Luther unter anderem auch Jakobus der Ältere. Hinter der Kirche gibt es sogar einen eigenen Abstellplatz für Pfarrer, den wir sogleich getestet haben.

Wir ziehen nun durch Felder und Weiden, durchqueren bei immer noch blauem Himmel und Sonnenschein die Ortschaft Nösberts-Weidmoos und bleiben an einem Märchenbrunnen mit Froschkönig hängen. In einem Kästchen befindet sich auch hier ein weiterer Stempel für den Pilgerausweis. Nachdem alle mit einem grünen Stempel versehen sind, ändert sich bis Steinfurt an der Landschaft recht wenig. In Steinfurt verschnaufen wir auf einem kleinen Mäuerchen, nehmen einen guten Schluck aus der Wasserflasche und staunen über die Fahrkünste eines Jungen, der mit einem mächtigen Traktor durch das Dorf prescht. An der nächsten Kreuzung staunen wir über die Beschilderung und sind nicht überrascht, dass die Straße nach Schlechtenwegen doch tatsächlich mit Schäden versehen sein soll.

Das Höhenprofil meint es heute gut mit uns, denn es geht bis auf einige kurze Passagen vornehmlich abwärts. Hinter Steinbach hat es ein Rind tatsächlich geschafft, den Elektrozaun der Weide zu überlisten. Es steht nun am Wegesrand und schaut sich angriffslustig die seltsame Truppe an, die mit Sack und Pack auf es zukommt. Da wir aber in der Überzahl sind und seine Kollegen sich nicht über den Zaun trauen, macht es schnell auf friedlich und geht schwanzwedelnd zur Seite. Es folgt ein etwas längeres Waldstück, bis wir wieder in besiedeltes Gebiet gelangen. Zunächst ist aber Mittagsrast angesagt. An einer Wegekreuzung in der Nähe eines Hofes sehen wir schon von weitem das schwarze Fahrzeug von Jörg, der heute Fleischkäsebrötchen besorgt hat. Es folgt eine ausgiebige Pause von einer guten Stunde. Die benachbarte Wiese lädt gerade dazu ein, sich in die Horizontale zu begeben und ein wenig Augenpflege zu betreiben. Kevin lässt es sich zum wiederholten Male nicht nehmen, mit seiner „mobilen Espresso-Maschine“ einige Mitpilger zu erfreuen. Etwas einfacher - nämlich mit einem Esbit-Kocher - produziert Gunter mit seinem Kochgeschirr einen großen Becher Kaffee, der auch gerne angenommen wird.

Wir erreichen Blankenau, wo wir erneut auf den Jakobsweg treffen. In der ehemaligen Kirche des Zisterzienserinnen-Klosters gibt es den nächsten Stempel. Wir lassen uns eine Weile Zeit, um die Schönheiten der heute noch katholischen Kirche zu bewundern. Das Kloster wurde im Jahre 1265 gegründet und bestand bis 1579, da es schwierig wurde, in der evangelisch geprägten Region Nachwuchs zu gewinnen. Erhalten blieb neben der Klosterkirche das ehemalige Hospital und die Probstei. Nur drei Kilometer weiter kommen wir nach Hainzell, wo wir uns zunächst die katholische Pfarrkirche ansehen und den dortigen Pilgerstempel in die Pässe drücken. Dabei haben wir eine nette Unterhaltung mit einem älteren Herrn auf der anderen Straßenseite. Als wir kurz darauf an einer Bäckerei vorbeilaufen, sind die meisten nicht mehr zu halten: die Verkäuferin macht das Geschäft ihres Lebens, beinahe jeder bestellt ein Stück Kuchen und/oder ein Heißgetränk. Das letzte Stück Weg kommt uns gar nicht mehr weit vor. Wir passieren die Hessenmühle, wo es einen riesengroßen Stempel gibt. Roland und ich beschließen dort, für die gute Seele der Rüstzeit Jörg und unseren Fahrer Dirk noch etwas Hochprozentiges als kleinen Ausdruck des Dankes zu besorgen. Inzwischen sind alle anderen bereits auf den letzten Kilometer bis zum Tagesziel Kleinheiligkeuz aufgebrochen. Wir laufen halt hinterher und erreichen den gleichnamigen Jagdhof, in dem wir untergebracht sind. Nach dem Beziehen der Zimmer und einem ersten kühlen Getränk im Zentrum der letzten Sonnenstrahlen wartet auf uns in der gut besuchten Gaststube das Abendessen. Zum Abschluss des Tages feiern wir unsere Abendandacht in der stimmungsvollen Wallfahrtskapelle von 1696, in der auch ein Pilgerstempel bereitgehalten wird. Ralph und Kevin sorgen wiederum in gewohnter Manier für die musikalische Untermalung. Anschließend sehen wir uns noch im Frühstücksraum gemeinsam den Film „Pilgern auf Französisch“ an.