30. September 2015: Von Hirzenhain nach Hochwaldhausen

Auch heute genießen wir das reichliche Frühstück und bekommen von der Wirtin noch einen guten Tipp: wir sollen nicht dem markierten Weg folgen, sondern direkt hinter der Unterkunft in Richtung Steinberg gehen, da sich dort eine Weidenkirche befinde. Dieses lebendige „Bauwerk“ besteht aus angepflanzten Weiden, die so getrimmt wurden, dass sich im Laufe der Zeit ein Kirchenraum unter einem Blätterdach gebildet hat. Wir beschließen, dort unsere Morgenandacht zu halten. Zunächst treffen wir uns aber noch einmal im Aufenthaltsraum, um die Vorstellungsrunde von gestern Abend abzuschließen. Danach verstauen wir das Gepäck in den Fahrzeugen und starten bei blauem Himmel zur zweiten Etappe, die uns heute nach Hochwaldhausen führen wird.

Wie verabredet gehen wir nicht auf der Bonifatius-Route, sondern entlang der Nidder bis nach Steinbach. Den Abzweig zur Weidenkirche einschließlich Hinweisschild bekommen wir nicht zu Gesicht. Grund dafür ist wahrscheinlich ein kleiner Abstecher im Ort zu einem Landgasthof, der einen Pilgerstempel bereithalten solle. Pech für uns, dass dieser aufgrund Krankheit zurzeit geschlossen ist. So wandern wir durch den Ort in Richtung Glashütten stellen erst sehr spät fest, dass sich die Weidenkirche schon deutlich hinter uns befindet. Also geht es weiter, bis wir wieder auf den markierten Weg stoßen und diesem folgen. Unsere Morgenandacht halten wir schließlich hinter einem Waldstück auf einem abgeernteten Feld und nutzen die Gelegenheit zu einer ersten Pause.

Eine weitere - wenn auch deutlich kürzere - Unterbrechung findet schon zweihundert Meter weiter statt. Dort sind rechts vom Weg die Überreste der Macellinuskapelle (oder auch „Stumpe Kirch“) zu sehen, die im 13./14. Jahrhundert gebaut wurde. Auch hier soll der Leichenzug auf seinem Weg nach Fulda Halt gemacht haben. Wir sehen jedoch nun zu, dass wir weiter kommen, denn auf Höhe von Kaulstoß erwartet uns Jörg mit der Mittagsverpflegung. Heute hat aus unserer letzten Unterkunft, der auch eine Metzgerei angegliedert ist, Frikadellenbrötchen und Mettwürstchen im Angebot. Nicht zu vergessen ist auch noch Jörg´s Schatztruhe, die mit allerlei Schokoriegeln und Getränken gefüllt ist. Hieraus können wir uns morgens, mittags und abends bedienen.

Als Krönung des heutigen Tages steht uns nun der Marsch durch den Schildvulkan Vogelsberg mit einem längeren Aufstieg zum Rehberg bis auf eine Höhe von rund 680 Metern bevor, dem höchsten Punkt der Bonifatius-Route. Glücklicherweise sind wir in intensive Gespräche vertieft, dass wir gar nicht bemerken, wie es stetig im Wald aufwärts geht. Erst als der Weg wieder leicht abfällt, wird uns bewusst, dass wir die schwierigste Passage hinter uns gelassen haben. An einer Hütte mitten im Wald entdecke ich neben vielen verschiedenen Wegmarkierungen auch die bekannte gelbe Muschel auf blauem Grund für den Jakobsweg. Wir kreuzen hier einen Jakobsweg, der von Fulda nach Butzbach führt. Nach einer weiteren kurzen Verschnaufpause an einer Sitzgruppe sind es nur noch wenige Kilometer entlang des Schwarzen Flusses bis nach Hochwaldhausen. Dort beziehen wir unsere Unterkünfte im „Grünen Paradies“. Dabei handelt es sich unter anderem um drei Blockhäuser mit jeweils zwei Doppelzimmern mit Nasszelle sowie einem weiteren Bett im „Wohnbereich“ und einer kleinen Kochnische. Die Zimmer sind geräumig und es riecht nach angenehm nach Holz.

Zu der Pension gehört das Gasthaus „Zum Sauwirt“, in dem wir unser Abendessen zu uns nehmen werden. Die meisten bestellen sich ein Wildgericht, das richtig lecker ist. Allerdings hat sich die Küche bei der Anzahl der notwendigen Knödel verzählt, sodass Dirk auf Kartoffeln ausweichen muss, deren Qualität jedoch das Gesamtbild schmälern. Zum Ausklang des Abends erzähle ich im Frühstücksraum mittels eines großen Stapels Bilder von der diesjährigen Pilgerreise mit Jörg auf dem Caminho Portugues.