29. September 2015: Von Düdelsheim nach Hirzenhain

Einer ruhigen Nacht folgt ein üppiges Frühstück im Hotel, das keine Wünsche offen lässt. Anschließend werden alle Taschen in den Fahrzeugen verstaut und wir fahren in den einige Kilometer entfernten Büdinger Ortsteil Düdelsheim. In unmittelbarer Nähe des Parkplatzes befindet sich die evangelische Kirche mit einem im 14./15. Jahrhundert erbauten Chor, in der wir unsere Morgenandacht feiern. Der Bibeltext, den Jonathan vorträgt, hängt zusammen mit dem heutigen Namenspatron, nämlich dem Erzengel Michael. Zugleich können wir den beiden Michaels in der Pilgergruppe zum Namenstag gratulieren. Wir posieren noch vor einem kleinen Fachwerkhaus, das mit einem überdimensionale Bischofsstab und dem Wegzeichen der Bonifatius-Route versehen ist, zu einem Foto. Gegenüber bekommen wir noch in der Pilgerunterkunft Apfelstübchen den Düdelsheimer Stempel, den man auf einem Tisch in einer kleinen Dose vor der Haustüre findet.

Dann geht es endlich bei strahlend blauem Himmel los. Bereits nach einem kurzen Stück erreichen wir einen Aussichtsturm, der von einigen bestiegen wird. Es bietet sich bei klarer Sicht ein schöner Blick in die Wetterau. Am Horizont ist auch schon die Keltenwelt am Glauberg mit ihrem markanten Museumsbau zu erkennen, den wir nun ansteuern. Unübersehbar ist die Rekonstruktion eines Hügelgrabes und eines Pfahlkalenders. 1994 wurden hier unversehrte Gräber von Keltenfürsten mit reichen Grabbeigaben entdeckt. Heute kann man sich hier auf einem Rundweg über frühzeitlichen bis mittelalterliche Siedlungsformen anschaulich informieren. Der markierte Weg führt uns hier durch abgeerntete Felder, danach durch Glauburg und aufwärts ein eine Waldpassage. Wir folgen dort der historischen rechten Nidderstraße - einem alten Handelsweg zwischen Frankfurt und Fulda - und stoßen nach dem Wald auf eine Infotafel zu Effolderbach und einem offenen Unterstand mit Kreuz und großer Pilgerfigur aus Holz sowie einem Kästchen mit Pilgerstempel. Nach einer ausgiebigen Pause legen wir noch die verbleibenden drei Kilometer bis zum vereinbarten Mittagsrastplatz zurück. Jörg erwartet uns bereits mit Grillhähnchen etwas oberhalb eines Schulzentrums. Ich nutze die Gelegenheit, nach der Mahlzeit abwärts zur Klosterruine Karlsdorf - etwas unterhalb der Schule liegend - zu gehen. Die verfallende romanische Kirche und das Refektorium sind die einzigen verbliebenen Gebäude, die sich nun auf einem Bio-Hof befinden. Dennoch kann man die Atmosphäre des mittelalterlichen, um 1150 gegründeten Prämonstratenserklosters noch spüren.

Weiter geht es auf der Nidderstraße in Richtung unseres Tageszieles. Unterwegs machen wir an den Überresten der sogenannten Schafskirche eine weitere Pause. Die noch zu sehenden Mauerreste stammen aus dem 16. Jahrhundert. Vor der Ruine ist eine übergroße Bonifatiusfigur aus Holz platziert. Hier soll der Leichenzug des Bonifatius ebenfalls pausiert haben. Wenig später durchlaufen wir das Örtchen Lißberg, wo wir an einem Bach ein weiteres Kästchen mit einem Pilgerstempel entdecken. Eigentlich wäre jetzt der richtige Zeitpunkt für ein Heißgetränk, doch weit und breit hat hier kein Gasthaus oder Café geöffnet. So entschließen wir uns, auch noch die verbleibenden rund fünf Kilometer zu laufen. Während die meisten aufbrechen, machen Kevin, Alexander und ich noch einen Abstecher zur kleinen Burg bzw. zur evangelischen Kirche von 1618. Leider ist die Kirche - eine der ältesten evangelischen Gotteshäuser in Hessen - verschlossen und Kevin kann von der Burg auch nichts Überraschendes erzählen. So verfolgen wir die anderen und treffen auf sie am Waldrand vor einem längeren Anstieg. In Hirzenhain folge ich den Wegmarkierungen und kann so noch einen Blick durch die verschlossene Glastür in die evangelische Kirche - einer ehemaligen Augustiner-Klosterkirche - werfen. Die Kirche wurde 1448 fertiggestellt und verfügt noch heute über einen eher selten erhalten gebliebenen steinernen Lettner, der damals die Versammlungsräume der Augustiner-Chorherren und des einfachen Volkes trennte. Im Eingangsbereich findet man auch einen Pilgerstempel; das gleiche Motiv erhält man auch im Stolberger Hof, in dem wir die heutige Nacht verbringen und das Abendessen einnehmen werden.

Nach dem Beziehen der Zimmer treffen wir uns im Aufenthaltsraum, wo wir eine Vorstellungsrunde durchführen wollen. Dazu soll jeder einen Gegenstand mitbringen, den er mit einem Neuanfang verbindet. Zur Überraschung aller geben wir den mitgebrachten Gegenstand unserem rechten Nachbarn. Jeder erzählt nun von seinem Neuanfang und versucht den Gegenstand damit in Verbindung zu bringen. Es ist wahnsinnig interessant, was  die einzelnen Teilnehmer erzählen - auch sehr persönliche Gedanken. Mich fasziniert gerade dieser Aspekt am Pilger, dass man sich gegenüber mehr oder weniger fremden Menschen öffnen kann und von sich erzählt, was man normalerweise nicht jedermann anvertraut. Es tut gut zu hören, dass andere in ihrem Leben ähnliche Herausforderungen erlebt haben und darüber ganz offen sprechen können. Manchmal muss so etwas wohl auch einmal ausgesprochen werden, um sich von einer innerlichen Last zu befreien, die man schon länger mitschleppt. Die Runde dauert etwas länger wie geplant und wir vertagen uns auf später, denn die Wirtin möchte gerne das Essen servieren. Also wechseln wir in die Gaststube und genießen das Essen. Wieder zurück im Aufenthaltsraum verschieben wir die Fortsetzung der Vorstellungsrunde auf den nächsten Tag. Dafür erzählt uns Jonathan in einem kurzweiligen Vortrag aus dem Leben des Bonifatius. Wir lernen diesen Menschen kennen, der vom Grammatiklehrer in einem englischen Kloster zum Erzbischof von Mainz aufstieg, aber nie einen Hehl aus seiner Vorliebe zu Fulda machte und dort auch seine letzte Ruhe finden wollte. Mit einer kurzen Abendandacht scheint dieser Tag beendet, doch Ralph und Kevin laufen mit ihren Gitarren zur Höchstform auf und spielen ein Lied nach dem anderen, die von der Pilgergruppe intensiv mitgesungen werden. Einen solchen Abend haben wir in der bisherigen Geschichte der Pilgerrüstzeiten noch nicht erlebt. Ein großer Dank gebührt den beiden Musikern.