28. September 2015: Von Koblenz nach Büdingen

In diesem Jahr wird zum neunten Mal eine Pilgerrüstzeit des evangelischen Militärpfarramtes Mainz - erstmals in Kooperation mit dem katholischen Militärpfarramt Koblenz - angeboten. Es soll auf einem Teil der Bonifatius-Route gepilgert werden. Dieser Weg verläuft auf dem historischen Leichenzug des Heiligen von seinem Bischofssitz Mainz bis zu seiner Begräbnisstätte in Fulda. Unmittelbar nach der Einladung Ende Juni war für mich klar, dass ich wieder dabei sein werde. Die Pilgerrüstzeiten sind immer sehr liebevoll vorbereitet und wirken sich positiv auf meine Gemütslage aus. Man trifft dort immer wieder liebgewordene Mitglieder der „Abofraktion“ - Teilnehmer, die so wie ich regelmäßig dabei sind. Für mich wird es nunmehr das siebte Mal sein, dass ich mit dieser Gruppe auf einem Pilgerweg in der Region unterwegs sein darf. Allerdings ist es auch eine Premiere, denn mein bisheriger Zimmerpartner und Pilgerfreund Jörg, mit dem ich gemeinsam schon hunderte Pilgerkilometer zurückgelegt habe, weilt zu dieser Zeit im fernen Australien. Als Treffpunkt haben wir traditionell die Koblenzer Falckenstein-Kaserne gewählt, diesmal konkret das katholische Militärpfarramt. Dort warten bereits Dirk, Frank, Danny und Michael sowie Militärdekan Jonathan Göllner, kurz darauf treffen noch Roland und Oliver ein. Wir beladen das Fahrzeug und machen uns auf den Weg nach Mainz. Im dortigen evangelischen Pfarramt werden wir herzlich von Militärpfarrer Alexander Liermann, seinem Pfarrhelfer und guter Seele der Rüstzeit Jörg Bertram sowie Kevin, Ralph, Gunter und Ralf begrüßt. Bevor es losgeht, gibt es noch einen Kaffee und ein Stück Kuchen.

Unser erster Programmpunkt heute ist eine Verabredung mit Inke Ried-Neumann, Kirchenvorstand der evangelischen Johannisgemeinde in Mainz. Wir treffen sie an der mit einem Bauzaun umgebenen Johanniskirche. Dabei handelt es sich bei dem als Basilika erbauten Gotteshauses um die älteste Kirche von Mainz und die zweitälteste Kathedrale in Deutschland. Zudem gilt es als einziger erhaltener Kathedralbau aus merowingischer, spätkarolingischer und frühottonischer Zeit in Deutschland. Die Kirche wurde von Bischof Hatto I. im Jahre 900 in Auftrag gegeben und erlebte im Laufe der Zeit einen ständigen zeitgenössischen Wandel bis hin zur starken Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und dem Wiederaufbau. Bei Sanierungsarbeiten ab 2013 wurden zufällig Reste von Vorgangerbauten entdeckt. Seitdem graben sich Archäologen immer tiefer in den Boden und lassen alte Bausubstanz bis in die Römerzeit zum Vorschein kommen. Frau Rief-Neumann gibt uns eine detaillierte Beschreibung der bisherigen Arbeiten und gewährt uns einen Blick in die nicht wieder zu erkennende Kirche. Die Laufebene der Nachkriegszeit ist vollständig verschwunden. Dafür tun sich jetzt tiefe Löcher auf unter uns auf. Man erkennt Mauerreste, leere Grabstätten und gekachelten Fußboden und versucht sich vorzustellen, wie denn die Kirche zu der damaligen Zeit ausgesehen haben könnte. Der Blick von der Orgelempore ist noch imposanter und lässt das ganze Ausmaß der Grabungen erahnen. Zuletzt dürfen wir noch einen Blick in den Keller werfen, wo sich weitere Grablegen und Mauern aus der nachrömischen Zeit befinden. Zum Leidwesen der evangelischen Gemeinde wird die Kirche wohl nie wieder für ihre Gottesdienste genutzt werden können, ein Ende der archäologischen Arbeiten ist noch nicht abzusehen. Im Übrigen hat Frau Ried-Neumann 2012 einen Krimi veröffentlicht, in dem sie ein ähnliches  archäologisches Szenario beschreibt, wie es aktuell im Inneren der Johanniskirche zu besichtigen gibt. Ob sie jedoch die Ausmaße der Ausgrabungen damals schon erahnte…?

Nach dieser exklusiven Führung haben wir im Dom den nächsten Termin. In der romanischen Gotthardkapelle aus dem Jahr 1137 - der früheren erzbischöflichen Privatkapelle. Hier erhalten wir im Rahmen einer kurzen Andacht von einem Domkapitular den Wegesegen für unseren Pilgerweg. Zum Abschluss schauen wir uns noch ein wenig den Dom an und versammeln uns an der Grabplatte von Bonifatius, die ursprünglich aus der Johanniskirche stammt. In der Dom-Information versorgen sich die meisten mit einem Pilgerausweis und erhalten den ersten Pilgerstempel. Nach einem Gruppenfoto an der Bonifatius-Statue vor der Gotthardkapelle wird es nun Zeit, dass wir uns auf den Weg zu unserer ersten Unterkunft nach Büdingen machen. Das schöne Wetter verleitet uns vorher noch zu einer Portion Eis, die bei einigen recht üppig ausfällt. Alexander und ich sind der Meinung, dass wir da in den nächsten Tagen noch einen drauf setzen müssen. Die Frage lautet: drei große Kugeln in der Waffel mit Sahne - geht das?

In Büdingen treffen wir nach einer guten Stunde Fahrt über die Autobahn ein und beziehen im Hotel Saline unsere mit einem modernen Ambiente ausgestatteten Zimmer. In diesem Jahr teile ich ein Zimmer mit Ralf, der auch schon seit einigen Jahren mit dabei ist. Wenig später treffen wir uns vor dem Haus und können Michael begrüßen, der inzwischen auch eingetroffen ist. Es folgt ein kurzer Spaziergang in die Altstadt von Büdingen, wo wir in einem griechischen Restaurant zu Abend essen werden. Es ist noch ein Großteil der mittelalterlichen Befestigungsanlagen sowie zahlreiche Fachwerkhäuser in einem sehr guten Zustand erhalten. Ich nutze die Gelegenheit zu einem kurzen Überraschungsbesuch bei einem früheren Freund, der inzwischen hier wohnt und den ich seit bestimmt zwanzig Jahren nicht mehr gesehen habe. Wir hatten erst seit ein paar Monaten wieder lockeren Kontakt über soziale Netzwerke, doch seine musikalischen Aktivitäten hatte ich nie aus den Augen verloren. Das wirklich kurze Wiedersehen und Kennenlernen seiner Familie war für uns beide eine große Freude. Jörg begleitet mich noch bis zum Restaurant, wo wir uns herzlich voneinander verabschieden. Ende Oktober werden wir uns bei einem Konzert seiner Band in Mannheim wiedersehen.

Im Restaurant wird bereits bei zünftigem Bier auf das Essen gewartet, das auch bald serviert wird. Zwischendurch wird der ein oder andere Ouzo gereicht. Als es später ans Bezahlen geht, lässt unser Kellner noch weitere kleine, mit klarer Flüssigkeit gefüllte Gläschen auf den Tisch bringen. Er hat heute seinen letzten Abend in diesem Haus und wechselt in ein Schwesterrestaurant in Büdingen. Das möchte er mit uns noch feiern, bevor wir ins Hotel zurück laufen müssen.