Von Heidesheim nach Bingen (29. Juli 2014)

Nach einem ausgezeichneten Frühstück packe ich meinen Rucksack und such den Binger Hauptbahnhof auf, um mit dem Zug wieder zurück nach Heidesheim zu fahren. Dort setze ich meinen gestern unterbrochenen Weg fort, indem ich zunächst durch die Bahnhofstraße bis zur katholischen Pfarrkirche St. Philippus und St. Jakobus gehe. Die Kirche ist bereits geöffnet und ich kann ein Blick hinein werfen und mich geistig auf den Tag vorbereiten. Über dem Portal schauen zwei Statuen der Kirchenpatrone auf den Ankömmling herab. Im naheliegenden Kindergarten erhalte ich meine Pilgerstempel. Mit dem Rücken zur Kirche stehend wende ich mich nun nach links auf die Binger Straße, die ich an der nächsten Gabelung ebenfalls nach links in die Berndesallee verlasse. Am Ende der Straße laufe ich direkt auf ein Haus zu und gehe links davon in einen mit Verbundsteinen gepflasterten, leicht ansteigenden Wirtschaftsweg in die Weinberge hinein. Nach einiger Zeit passiere ich die Überbleibsel einer karolingischen Wasserleitung und erreiche in Nieder-Ingelheim die Heidesheimer Straße, der ich immer geradeaus bis zur Kaiserpfalz und der Saalkirche. Die Kaiserpfalz wurde im ausgehenden 8. Jahrhundert durch Karl den Großen erbaut und diente ihm sowie weiteren einundzwanzig Regenten als repräsentativer Ort zur Ausübung ihrer Macht.

Nun geht es weiter durch die Straße Im Saal. Nach einem Rechtsschwenk biege ich nach links in die Ottonenstraße ab, in deren Verlauf ich einen Bibelgarten besuche und im katholischen Pfarramt den Pilgerstempel erhalte. Unmittelbar danach befindet sich die katholische Pfarrkirche St. Remigius, deren Ursprünge bis ins 8. Jahrhundert zurückgehen. Der heutige Kirchenbau stammt jedoch erst aus dem Jahr 1739. An der nächsten Kreuzung biege ich nach links in die Grundstraße, die schließlich an einer größeren Kreuzung geradeaus in die Rinderbachstraße mündet. Der ausgewiesene Jakobsweg zweigt hier jedoch links über den Seufzerpfad entlang der Stadtmauer ab. Diesen Abzweig habe ich allerdings übersehen und gehe weiter durch die Rinderbachstraße und dann weiter bis zur Burgkirche, wo ich wieder auf den richtigen Weg treffe. Reste des ursprünglich romanischen Bauwerks aus dem 12. Jahrhundert sind nur noch durch den Turm gegeben.

Dieser führt über die Straße An der Burgkirche zum Marktplatz und in die Stiegelgasse, von dort nach rechts in die Altegasse. Nach der Überquerung des Flüsschens Selz umrunde ich links einen Kreisverkehr und lasse einen kleinen Pferdehof links liegen. Der zunächst asphaltierte Weg steigt leicht an bis zu einer Ruhebank, an der einige Treppenstufen zu einem Aussichtspunkt führen, von dem man einen schönen Blick zurück nach Ingelheim hat. Nach einer kurzen Mittagspause marschiere ich nun auf einem sandigen Feldweg durch ausgedehnte Weinfelder bis nach Gau-Algesheim in die Ingelheimer Straße. Ich lasse die Bahnhofsstraße rechts liegen und halte mich links in die Langgasse, die mich zur katholischen Pfarrkirche St. Cosmas und Damian bringt. Deren Turm ist aktuell eingerüstet und wird saniert. Im Inneren der Kirche entdecke ich sogar ein Bildnis des Jakobus. Einen Pilgerstempel erhalte ich nebenan in der Tourist-Info. Auf dem Rückweg zur Bahnhofstraße genehmige ich mir auch heute ein Portion leckeres Eis. Nun gehe ich in die Bahnhofstraße, unterquere die Gleise und wende mich nach links in die Erich-Klausener-Straße. Nach 200 Metern biege ich nach rechts ab und verbleibe auf einem brüchigen Fahrweg parallel zum Welzbach. Bevor der Fahrweg nach rechts abknickt, überquere ich den Bach nach links und folge dem Feldweg halbrechts. Inzwischen ist dunkel geworden und wie aus dem Nichts explodiert der Himmel und lässt einen großen Kübel Wasser herab. Ich schaffe es gerade noch, meinen Regenponcho über mich und den Rucksack zu werfen. Zudem suche ich Schutz unter dem Blätterdach von benachbarten Obstbäumen.

Nach wenigen Minuten ist das Spektakel schon wieder vorüber und ich bin trotz Poncho ziemlich durchnässt. Es hilft nichts, ich muss weiter. Ich bleibe auf dem Feldweg, nasche hin und wieder an Zwetschgenbäumen und erreiche im Eiltempo die Unterführung der A 60 am Rande vom Binger Stadtteil Gaulsheim. Hier sind gerade zwei Motorradfahrer dabei, sich Regenkleidung anzuziehen und ich mache es ihnen gleich nach, denn hinter der Unterführung sehe ich die ersten „Bindfäden“ herabfallen. Ich setze trotzdem meinen Weg durch die Mainzer Straße fort und spüre wieder den Regen auf allen nicht abgedeckten Körperflächen. Vor mir taucht die katholische Kirche St. Pankratius auf, das wäre ein guter Unterschlupf - wäre sie denn auch geöffnet. So stelle ich mich unter verschiedensten Hauseingängen unter und schleiche mich weiter voran. Als ich am Bahn-Haltepunkt vorbeiziehe, ist es um mich geschehen. Ich habe keine Lust mehr und entscheide mich kurzfristig, in den gerade einfahrenden Zug in Richtung Bingen einzusteigen. Das gelingt mir gerade so, jedoch habe ich es nicht mehr geschafft, ein Ticket zu ziehen. Ich fahre als jetzt schwarz und hoffe, die Umstände dem Zugbegleiter glaubhaft erklären zu können. Doch ich habe Glück, auf den zu fahrenden vier Kilometern bis Bingen Stadtbahnhof will keiner einen Fahrausweis sehen. Dort steige ich aus, suche mir den nächsten Zug nach Koblenz und bin kurz darauf stolzer Besitzer eines entsprechenden Fahrscheines. So endet dieser Pilgertag etwas unmotiviert und abrupt. Besser im trockenen gut nach Hause gefahren als klatschnass zu Fuß gelaufen. Der markierte Jakobsweg wäre übrigens in unmittelbarer Nähe des Rheins, am Yachthafen entlang, durch das Gelände der Landesgartenschau (2008) und dann hoch zur Burg Klopp verlaufen.