Von Mainz nach Heidesheim (28. Juli 2014)

Auf meinem Weg nach Santiago über die Route Strasbourg - Le Puy hatte ich eine Variante auf der rechten Rheinseite gewählt. Von Koblenz ging es bis Kaub auf dem Rhein-Camino entlang, den ich einfach über Lorch, Wiesbaden und Mainz fortsetzte. Da ich bereits den Jakobsweg Rheinhessen von Bingen bis Worms absolvierte hatte, wollte ich nun die Lücke zwischen Mainz und Bingen schließen. In der Zukunft soll es über Speyer in Richtung Strasbourg weitergehen. Der Weg von Mainz nach Bingen ist zwar mit der gelben Muschel beschildert, es existiert jedoch nur eine stichwortartige Wegbeschreibung. Daher habe ich mir vorgenommen, den Bericht über die Zwei-Tages-Tour so abzufassen, dass nachfolgende Pilger diesen als Führer verwenden können.

Ich reise wie immer bei meinen Pilgertouren in der näheren Umgebung von Koblenz mit der Bahn an. Bei schönem Wetter erreiche ich gegen 9:30 Uhr den Mainzer Hauptbahnhof und durchquere die Stadt bis zum Marktplatz. Bevor ich mich auf den Weg mache, statte ich dem romanischen Dom St. Martin einen „Höflichkeitsbesuch“ ab und verweile für einen Augenblick in einer Bank. Beim Hinausgehen entzünde ich noch eine Kerze, und dann geht es von der Heunensäule auf dem Marktplatz los. Es geht über das Höfchen und dahinter nach links in die Schöfferstraße, wo ich auf der rechten Seite auf die evangelische Johanniskirche treffe. Der 910 geweihte spätkarolingische Kirchenbau war bis zur Weihe des Mainzer Domes 1036 die Kathedralkirche des Erzbistums Mainz und gilt als zweitälteste Kathedrale auf deutschem Boden. Die älteste Kirche von Mainz wurde im Laufe der Jahrhunderte umgebaut und erweitert und schließlich 1828 von der evangelischen Gemeinde übernommen Geradeaus überquere ich den Leichhof, gelange in die Leichhofstraße und anschließend in die Augustinerstraße. Hier befindet sich auf der linken Seite die von 1768 bis 1771 von Augustinereremiten erbaute barocke Augustinerkirche, die ich mir von innen anschaue. Heute dienst sie als Seminarkirche des Priesterseminars des Bistums. Kurz dahinter ist der Jakobsweg eigentlich nach rechts durch den Hopfengarten ausgeschildert, der aber heute wegen einer Baustelle unpassierbar ist. Deswegen laufe ich einige Schritte weiter und biege in die Jakobsbergstraße nachts ab. An deren Ende überquere ich die Holzhofstraße mittels einer Ampel und folge der Windmühlenstraße. Rechts zweigt der Zugang zu einer Treppe und einer Brücke über diese Straße ab. Hier stoße ich auch wieder auf den eigentlichen Weg und wandere den Zitadellenweg aufwärts bis zum Tor der Mainzer Zitadelle, die sich auf dem Jakobsberg befindet. Dort stand im Mittelalter ein dem Apostel Jakobus geweihtes Benediktinerkloster, das ab 1655 in den Festungsbau integriert wurde und während  der französischen Belagerung 1793 größtenteils zerstört wurde. Über dem Tor thront zur Erinnerung an das Kloster heute noch eine Jakobus-Statue.

Ich gehe durch das Gelände der Zitadelle, in der sich heute Teile der Mainzer Stadtverwaltung befinden und die gerne für Konzerte genutzt wird, und überquere erneut auf einer Brücke die Windmühlenstraße. Am Ende der Straße geht es über den Eisgrubenweg direkt in die Stefanstraße, die mich zur St. Stephan-Kirche bringt, deren Fertigstellung um 1340 erfolgte. Dort bewundere ich die neun berühmten blauen Kirchenfenster von Marc Chagall, die dieser ab 1978 bis zu seinem Tode 1985 schuf. Am Schriftenstand bekommt man einen Pilgerstempel, der jedoch identisch mit dem Stempel in der Dominformation ist. Deshalb lasse ich mir im Pfarrbüro noch das Pfarrsiegel in meinen Pilgerausweis stempeln. Hinter der Kirche biege ich nach links in die Kleine Weißgasse und an deren Ende nach rechts in die große Weißgasse. Mitten auf einem Platz befindet sich das Gautor, das im Giebel ein Relief des Heiligen Martin zeigt. Ich laufe am Tor vorbei und folge links der gleichnamigen Straße, die bald zur Pariser Straße wird. An einem Sportplatz gehe ich nach rechts in den Landwehrweg in Richtung Universitätskliniken. An der Kreuzung mit der Oberen Zahlbacher Straße marschiere ich links leicht abwärts entlang dem Zahlbacher Steig bis zum Wildgraben, den ich überquere und meinen Weg in der Backhaushohl fortsetze. Am Beginne der Straße befindet sich rechts etwas zurückliegend die Kirche St. Achatius, die aber leider verschlossen ist.

An der nächsten Kreuzung erreiche ich die Sportanlagen und das Gelände der Universität Mainz. Hier biege ich nach rechts in die Albert-Schweitzer-Straße und überquere am Ende des rechter Hand liegenden Hauptfriedhofes eine mehrspurige Straße. Vor mir erscheint am Dr.-Martin-Luther-King-Weg liegend das alte Bruchwegstadion auf, das ich jetzt passiere. Ich bleibe weiterhin auf der Straße, die beim Südwestrundfunk Am Judensand heißt und wenige später an Berufsschulen und einem Oblatenkloster vorbei führt. Nach einem Linksknick erreiche ich in einer Wohngegend einen freien Platz und halte mich dort halbrechts, abwärts gehend in die Jakob-Steffan-Straße. Der markierte Weg bringt mich über eine kleine Holzbrücke ins Gonsbachtal und wenig weiter in einem scharfen Linksknick parallel zum Bach durch eine Kleingartenanlage. Nach rund 300 Metern wartet eine Stahlbrücke über die Bahnlinie auf mich, die jedoch heute aufgrund von Bauarbeiten gesperrt ist. So habe ich jetzt das Vergnügen, einen knapp 1,5 Kilometer langen Umweg zu gehen, bis ich auf der anderen Seite der Brücke bin. Von dieser aus kommend geht es nach rechts wieder über den Bach und hinter einem Gebäude nach links in die Straße An der Nonnenwiese bis zur L 422, die überquert wird. Ich verbleibe auf einem Feldweg unmittelbar am Gonsbach, überquere an einem Springbrunnen die K 3 und halte mich etwas rechts weiter am Bach entlang. Nachdem ich auf die Raiffeisenstraße stoße, aber weiter am Bach verbleibe, muss ich circa 150 Meter weiter am Ende eines Palisadenzaunes nach rechts in eine schmale Gasse einbiegen und treffe dort im Stadtteil Gonsenheim auf die Mainzer Straße. Dieser folge ich links, um kurz darauf nach halbrechts durch die Pfarrgasse zur Kirche St. Stephan mit ihren beiden sechzig Meter hohen Türmen zu gelangen. Hier mache ich nach ungefähr der Hälfte meines Tagespensums eine erste Pause und nehme etwas aus meinem Verpflegungsvorrat zu mir.

Inzwischen ist sehr warm geworden, obwohl am blauen Himmel vermehrt Wolken aufziehen. Nach der verdienten Pause gehe ich durch die Kirchstraße und die quer durch die Pfarrer-Grimm-Anlage - einem kleinen Park - nach links in die Breite Straße, wo ich mir eine Portion Eis genehmige. Auf der anderen Straßenseite laufe ich in die Kapellenstraße durch ein Wohngebiet mit vornehmlich Einfamilienhäusern, bis ich nach einem Sportgelände in den Lennebergwald gelange. Nach rund 200 Metern auf einem schnurgeraden asphaltierten Weg erreiche ich die 14-Nothelfer-Kapelle aus dem Ende des 19. Jahrhunderts mit einer Infotafel zum Jakobsweg. Eine bedeutende Wallfahrt zur Kapelle findet jeweils am dritten Sonntag nach Pfingsten statt. Nach der Überquerung der A 643 wandere ich weiter durch den schattigen Wald in Richtung Budenheim. Dabei passiere ich die beiden Wendelinus-Kapellen, die 1776 und 1866 fertiggestellt wurden. Am dritten Sonntag im Oktober sind die Kapellen das Ziel der Budenheimer Wendelinus-Wallfahrt. In Budenheim stoße ich auf die Gonsenheimer Straße, die leicht abwärts an einem Golfplatz entlang führt. Dabei komme ich an der in moderner Bauweise errichteten katholischen Dreifaltigkeitskirche vorbei. Eine Informationstafel zum Jakobsweg weist auf den Pilgerstempel in der Kirche hin, den ich aber trotz intensiver Suche nicht finde. Stattdessen lasse ich mich für ein paar Minuten von der Stille in dem Gotteshaus einfangen und verbringe einige Minuten zur Besinnung.

Ich bleibe weiterhin auf der Gonsenheimer Straße, überquere die Mainzer Landstraße in die Hauptstraße und komme an der Pankratiuskirche zu einer Bahnunterführung. Die Kirche wurde 1747 geweiht und im Laufe der Zeit immer wieder instandgesetzt. Nachdem der Bau fast fünfzehn Jahre als Werkstatt eines Steinmetzes diente, kümmert sich inzwischen ein Förderverein mit großem Erfolg um den Erhalt der Kirche und der Schaffung eines repräsentativen Raumes für die Pfarrgemeinde. Heute erstrahlt das Innere wieder in vollem Glanze, kann aber nur zu den Veranstaltungsterminen besichtigt werden. Der Jakobsweg bringt mich durch die Rheinstraße an einem Industriekomplex vorbei direkt zum Rheinufer, wo sich ebenfalls eine Infotafel befindet. Hinter dem Fährhaus folge ich dem Fahrradweg nach links am Budenheimer Kanu-Club vorbei. Ich befinde mich nun in den Rheinauen und pilgere rechts neben einem Deich durch saftig grüne Streuobstwiesen. Bald bin ich an einem Naherholungsgebiet mit drei Seen und einem Campingplatz. Am Rande stehen vermehr Obstbäume, vornehmlich Zwetschgen, bei denen ich mich ausgiebig bediene. Hinter der Unterführung der A 60 biege ich nach rechts ab und laufe am Rande von Birnenbäumen entlang. Über mir zieht allmählich eine dunkle Wolkendecke auf, durch die nur noch vereinzelte Sonnenstrahlen durchdringen. Es sieht nach Regen aus, jedoch hoffe ich, noch trockenen Fußes mein Tagesziel Heidesheim zu erreichen. Nach circa 500 Metern nehme ich linker Hand einen unscheinbaren Pfad durch ein Feld und stehe bald vor der Georgskapelle, der ehemaligen Pfarrkirche von Heidesheim, bevor sich die Anwohner um 1300 auf den nahegelegenen Dimberg zurückzogen. Von hier aus geht es quer durch Felder in die Straße Im Georgenflur bis zum Friedhofsparkplatz und weiter parallel zur Bahnlinie unterhalb des Friedhofes. Am Bahnhof endet mein heutiger Pilgertag, denn ich muss nun mit der Bahn nach Bingen zur Jugendherberge fahren, da mir in Heidesheim niemand für die Nacht ein Bett zur Verfügung stellen wollte. In der Jugendherberge teile ich mir ein Zimmer mit einem jungen Kanadier, der mit dem Fahrrad von Hamburg bis in die Schweiz unterwegs ist, sowie einem weiteren deutschen Radwanderer.